Benyamin Nuss: Ein Pianist für Computerspielmusik

Manuel Lorenz

Computerspiele haben es heutzutage schwer. Sie stehen im Ruf, die Jugend zu verdummen und Amokläufer von Morgen heranzuziehen. Dass sie die Kultur aber auch bereichern, indem sie eigene, hochwertige Kunstformen hervorbringen, wird kaum gesehen. Was man dadurch verpasst, zeigt der 21-jährige Ausnahmepianist Benyamin Nuss. Der Wahlkölner bringt die Musik von Computerspielen in die Konzertsäle. Manuel hat sich mit ihm darüber unterhalten.



Herr Nuss, Sie spielen Computerspielmusik in ehrwürdigen Konzertsälen. Kommt da auch das übliche Klassikpublikum?

Benyamin Nuss: Nur, wer ein bisschen offener ist. Die größte Hürde ist der Begriff Computerspielmusik. Darunter können sich die meisten halt überhaupt nichts vorstellen und denken einfach nur: Computerspiele sind schlecht für unsere Kinder. Ich hab aber zum Beispiel mal ein Konzert gespielt, wo keiner wusste, dass ich da gerade Computerspielmusik interpretiere – und das fanden  dann alle total toll.

Wer kommt auf Ihre Konzerte?

Meist sehr junge Menschen: Computerspieler. Von denen würde man ja erwarten, dass sie im Konzertsaal Krach machen, sich nicht für Musik interessieren und die ganze Zeit nur ans Zocken denken. Genau das Gegenteil ist der Fall: Sie kommen ausschließlich für die Musik, sind extrem konzentriert und wissen genau, worum es geht.

Und wie läuft so ein Konzert  ab bei Ihnen?

Ich moderiere halt durch den Abend, spiele und sage was zu den Stücken, Komponisten und Arrangements, und wie ich welches Computerspiel finde. So wird das Konzert spannender,   die Beziehung zwischen Interpret und Publikum wird noch enger. Außerdem sind meine Konzerte ja keine reinen Geek-Veranstaltungen, da sitzen also nicht nur die totalen Insider.  Nicht jeder weiß  immer  sofort, aus welchem Computerspiel welche Musik kommt. Und das erkläre ich dann halt ein bisschen.

Was ist Computerspielmusik eigentlich genau?

Da muss man unterscheiden. Einerseits gibt es Rollenspiele wie „Final Fantasy“, die wie interaktive Filme funktionieren und in denen man seinen Charakter durch verschiedene Welten steuert. Jeder Charakter und jede Welt haben ihre  eigenen Motive, das in zwei- bis dreiminütigen Schleifen immer wieder auftaucht und verändert wird. Dann gibt’s noch diese Ballerspiele wie „Counter Strike“. Da soll die Musik eher den Puls hochbringen, damit es noch spaßiger ist, Leute abzuknallen. Bei Jump’n’Run-Spielen wie „Super Mario“ läuft die Musik eigentlich nur im Hintergrund ab. Die ist zwar auch gut, hat aber nicht so viel Tiefgang.

Und welche Musik spielen Sie?

Meine Musik stammt aus Onlinerollenspielen wie „Final Fantasy“. Das ist dann so was wie Filmmusik, bloß dass man für einen Film weniger als zwei, drei Stunden Musik braucht. In Computerspielen wie „Final Fantasy“ dauert die Story etwa 80 Stunden – da müssen dann halt auch 80 Stunden Musik komponiert werden.

Wie kamen Sie zu dieser Art der Musik?

Schon mein Vater hat immer Gameboy gespielt, wodurch ich sehr früh selbst zum Computerspielen kam und viele Konsolen durchprobierte. Irgendwann landete ich dann bei der Playstation 2, auf der ich mit einem Freund „Final Fantasy 10“ spielte – und mir dachte: Wow! Das ist tolle Musik! Ich hab dann sofort versucht, das rauszuhören und auf dem Klavier nachzuspielen – allerdings zunächst nur für mich.

Und dann wirkten Sie vor zwei Jahren beim Konzert „Symphonic Fantasies“ in der Kölner Philharmonie mit.  Zusammen mit dem Orchester und Chor des Westdeutschen Rundfunks.

Ja, das war sozusagen der Anfang. Zuvor hatte ich mich mit dem Manager vom Rundfunkorchester getroffen, und er hatte mir erzählt, dass sie ein Projekt mit Musik von „Final Fantasy“ planen. Da meinte ich: Was? Im Ernst? Ich bin ein total großer Fan dieser Musik! Und daraufhin lud er mich ein, mitzuwirken. Die Orchesterarrangements haben mich da so umgehauen, dass ich mir sagte: Wenn man das für Orchester machen kann, warum nicht auch für Soloklavier? Ich hatte  nicht gewusst, dass man Computerspielmusik auch so aufführt und habe das zum ersten Mal live auf der Bühne erlebt.

Gleichzeitig sind Sie ja klassischer Pianist. Gibt es Überschneidungen zwischen Computerspielmusik und klassischer Musik?


Die gibt es. Computerspielmusik ist mal jazzig, mal klassisch – schwer zu definieren. Allgemein bin ich aber kein Fan davon, Musik in irgendwelche Schubladen zu stecken. Für mich ist das einfach Musik. Klassisch ist aber zum Beispiel die Leitmotivik, die auch Richard Wagner in seinen Opern benutzt hat – im „Tristan“ etwa. Und dieses Prinzip wird dann hier auch weitergeführt, in einem anderen Zusammenhang natürlich. Ganz wie in der klassischen Filmmusik übrigens.

Begegnet Ihnen dabei der Vorwurf des Kitsches?

Ja, natürlich. Kitsch, Oberflächlichkeit. Das empfinde ich aber gar nicht so. Mir ist egal, ob Musik kitschig, jazzig oder klassisch ist – Hauptsache, sie berührt mich. Auch müsste man zwischen gutem und schlechtem Kitsch unterscheiden. Ich steh’ auf Kitsch, so lange er gut gemacht ist. Die Musik von „Final Fantasy“ ist meiner Meinung nach aber kein Kitsch. Sie berührt einen, hat Tiefe sowie gute Melodien und ist nicht banal.

Wie kommt die Musik vom Computer in den Konzertsaal?

Die meiste Computerspielmusik ist ja elektronisch und muss erst einmal fürs Klavier umgeschrieben werden. Damit das Ergebnis dann nicht zu langweilig ist, herrscht beim Arrangieren sehr große Freiheit und die gesamte Bandbreite des Klaviers wird ausgeschöpft.  Für mein letztes Album haben wir Arrangeure aus Finnland, den USA und Russland genommen, die den Stücken alle ihre persönliche Note verliehen haben.

2009 trafen Sie zum ersten Mal den Star der Szene: den Japaner Nobuo Uematsu, der die Musik für „Final Fantasy“ komponiert hat und kürzlich vom Time-Magazine als einer der 100 musikalischen Innovatoren unserer Zeit erkannt wurde.


Das war natürlich super. Damals war eigentlich schon klar, dass wir gerne ein Album mit seiner Musik machen würden. Als wir ihm das dann gesteckt haben, war er ziemlich begeistert. Uematsu ist kein Computerspiel-Nerd sondern ein richtiger Musiker und ernsthafter Komponist. Das heißt: Natürlich haben wir uns über Musik unterhalten – aber eben auch über ganz Alltägliches wie Bier. Letztes Jahr hat er mich nach Japan eingeladen, um ein Konzert mit ihm zu spielen. Danach habe ich ihn noch einmal in Schweden getroffen.

Und Sie haben ihm auf Ihrem letzten Album „Benyamin Nuss Plays Nobuo Uematsu“ ein Stück gewidmet. Werden Sie den Soundtrack für das nächste „Final Fantasy“ komponieren?

Nein, so weit kommt es – glaube ich – nicht. Ich bin da jetzt erst mal als Interpret unterwegs und seh’ mich nicht primär als Komponist. Ich bin noch jung und möchte mich zuerst noch ein bisschen weiterentwickeln. Das Stück fand Uematsu aber toll – da war er hin und weg.

"Nobuo's Theme", Benyamin Nuss Plays Uematsu

Quelle: YouTube
[youtube Sb6JDGaqDoU nolink]

Nobuo Uematsu, Benyamin Nuss, Final Fantasy 6, Terra´s theme

Quelle: YouTube
[youtube oDcH2NPcn6I nolink]

Jonne Valtonen: Symphonic Legends - Fanfare for the Common 8-bit Hero

Quelle: YouTube
[youtube IV0ycCKRT1E nolink]

Computerspielmusik?

Seit Computerspiele in den 1970er Jahren die Zimmer der Jugendlichen eroberten, gibt es Computerspielmusik. Dabei waren die Stücke zuerst einstimmig, dann mehrstimmig (8 und 16 Bit) und wurden mit  Vergrößerung der Speichermedien immer komplexer.

Konzertant wurde diese Musik erstmals 1991 in Tokio aufgeführt; in Deutschland kam es 2003 im Leipziger Gewandhaus zu einem ersten derartigen Konzert – damals wurde damit die Computerspielmesse „Games Convention“ eröffnet.

International prägen seither Konzertreihen wie die „Distant Worlds“ die Szene; hierzulande sorgen Veranstaltungen wie „Symphonic Shades“, „Symphonic Fantasies“ und „Symphonic Legends“ für ausverkaufte Konzertsäle. Daraus gingen auch die bisher zwei Alben von Benyamin Nuss hervor: „Symphonic Fantasies“ (2010, Decca) und „Benyamin Nuss Plays Nobuo Uematsu“ (2010, Deutsche Grammophon).

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[Bilder: Promo]