Beleidigt, geschlagen und angespuckt: Gewalt gegen Polizisten

David Weigend

Polizisten, die sich nicht im Griff haben und etwa gegen Demonstranten "mit unangebrachter Härte" vorgehen, stehen oft im Rampenlicht der Medien. Weniger beachtet hingegen ist die Gewalt, mit der sich Polizeibeamte tagtäglich konfrontiert sehen. Vier Beamte aus dem Freiburger Polizeirevier Nord erzählen, was sie sich alles gefallen lassen müssen.



Matthias Heitzler (44, verheiratet)

Eine Kollegin und ich waren auf Streife. Wir wurden gegen 5 Uhr früh nach Landwasser gerufen. Eine Anwohnerin hatte Hilferufe gehört. Sie kamen aus der Richtung eines Kirchenzentrums. Dort waren acht bis zehn Jugendliche und Heranwachsende anwesend. Sie hatten gefeiert und viel getrunken. Wir fragten sie, ob sie etwas gehört hätten. Die Anwesenden gingen sofort auf uns los: „Die Bullen sind da, die machen wir jetzt kalt.“ Einer sprang mich von der Seite an und schlug auf mich ein.

Wir fielen zu Boden, es entstand ein Ringkampf. Die anderen stachelten ihn an: „Gib’s ihm! Mach ihn kaputt!“ Meine Kollegin forderte Verstärkung an. Die Jugendlichen wurden immer aggressiver. Sie schlugen nach uns, sie traten und spuckten, schmissen mit Gegenständen.

Ich hatte danach Prellungen an Armen, Beinen und am Bauch. Wir hatten den Leuten gar nicht erklären können, dass wir wegen eines Hilferufs da waren und nicht, weil sie dort gefeiert hatten. Diese negative Grundhaltung gegen uns ist inzwischen nicht die Ausnahme, sondern Normalität.

Passanten beleidigen uns aufs Übelste, spucken uns an. Ich bin Uniformträger und weiß: der Spucker meint eigentlich nicht mich persönlich, weil er mich nicht kennt. Aber das Gefühl danach ist erbärmlich. Einmal hat einer meiner Kollegin mitten ins Gesicht gerotzt. Sie hat danach geweint. Und dann kommt ein Passant vorbei und sagt zu ihr: „Ha ja, damit muss man leben als Bulle.“ Bespuckt zu werden, ist das Letzte. Ich finde, das müsste viel härter bestraft werden.

Ich kann dieses erbärmliche Gefühl nicht einfach ablegen, wenn ich nach Hause komme. So cool ist keiner. Diese Vorfälle beschäftigen mich weiterhin. Ich bleibe ja der gleiche Mensch, wenn ich die Uniform ausziehe. Und als dieser Mensch fühle ich mich heruntergesetzt. Es geht gegen meine Würde. Das trägt man mit sich.

Wenn dich dein Beruf bis ins Privatleben verfolgt, ist das schon belastend. Einmal war ich einkaufen, da stand plötzlich ein Mann vor mir und sagte: „Na, Scheißbulle, kennst du mich noch?“ Das war einer, den ich mal wegen eines Rotlichtverstoßes mit dem Fahrrad ermahnt hatte. Als ich den Supermarkt verließ, fotografierte er gerade mein Auto und sagte: „Ich find’ dich schon, Scheißbulle.



Ralph Petersen (43, ledig)

An einem Wochenende hatte ich Nachtdienst im Bermudadreieck. Gegen 5 Uhr, die Discos machten gerade zu, kam es zu einer Körperverletzung vor einem Club an der Kaiser-Joseph-Straße. Zuerst lief alles normal: Wir nahmen die Personalien auf, die Beteiligten beruhigten sich. Plötzlich kamen vier unbeteiligte Männer hinzu. Ein 38-Jähriger beleidigte uns massiv und entfernte sich nicht, obwohl wir ihn zweimal dazu aufgefordert hatten. Schließlich ging er mit einer Bierflasche auf uns los. Wir konnten ihn überwältigen. Es kam zu einem Tumult. Die Außenstehenden solidarisierten sich mit dem Mann, mischten sich ein. Der Mann schlug seinen Kopf auf den Boden und trat um sich.

Wir wollten ihn abtransportieren. Obwohl er schon Handschellen trug, versuchte er wie wild, sich herauszuwinden. Daraufhin knickte mein Kollege um, trat ins Bächle, riss sich die Bänder an. Er fiel mir aufs Knie, das daraufhin verletzt wurde, es war sehr schmerzhaft. Auf dem Revier tobte der Mann weiter, wie ein Verrückter. Er stand unter Drogen und hatte kein Schmerzempfinden. Zur Zeit ist Tilidin als Droge sehr verbreitet. Eigentlich ein Schmerzmittel, das hauptsächlich bei Rückenleiden eingesetzt wird. Jugendliche trinken das in größeren Mengen, haben daraufhin kein Schmerzempfinden mehr. So jemandem kann ich einen Armhebel anlegen, der spürt den nicht.

Mein rechtes Knie war kaputt. Es wurde operiert, ich war drei Monate dienstunfähig. Auch danach hatte ich noch Probleme, etwa beim Treppensteigen. Ich war neun Monate lang im Dienst, dann musste ich erneut operiert werden.

Seit fast 20 Jahren bin ich bei der Polizei und ich finde es erschreckend, wie stark die Gewaltbereitschaft mancher Bürger gestiegen ist. Die Angreifer werden immer jünger. Ab 14, 15 Jahren suchen sie die Konfrontation mit uns. Wenn einer richtig voll ist, hilft die beste Deeskalation nichts.

Alkohol unter Jugendlichen ist ein großes Problem in Freiburg. Klar, früher wurde auch getrunken, aber die jungen Leute machten keinen Wettbewerb daraus. „Wer nicht voll ist, gehört nicht dazu“, das scheint heute Usus zu sein. Das Ganze ist aus dem Ruder gelaufen. Und brutaler geworden. Auch die Art, wie sich die Jugendlichen untereinander schlagen. Da gibt es keine Tabus mehr.

Auch nach einem privaten Discobesuch wurde ich schon angegriffen. Ein Kollege, der von einem Intensivstraftäter erkannt wurde, und ich wurden zusammengeschlagen. Wir lagen drei Tage lang im Krankenhaus. Die erste Zeit danach hatte ich richtig Angst. Ich ging abends nicht mehr aus. Das ist inzwischen besser geworden. Aber die Anspannung bleibt. Wenn ich abends allein durch die Stadt gehe, drehe ich mich immer um. Ich bin sehr vorsichtig geworden.



Christian Lauterer (40, verheiratet, zwei Kinder, 3 und 1 Jahr alt)

Es war im Mai dieses Jahres, ich hatte Nachtschicht. Wir wurden an den Bahnhof gerufen. Ein junger Mann war auf der Flucht, wir folgten ihm und konnten ihn stellen. Als ich ihn festnehmen wollte, packte er mein Handgelenk und zog es ruckartig nach vorn. Am nächsten Morgen stand fest: Der Diskus im linken Handgelenk war eingerissen. Ich war elf Wochen lang dienstunfähig, hatte starke Schmerzen und war ziemlich eingeschränkt.

Wenn ich es mit einer Gruppe von Jugendlichen zu tun habe, wird es für mich oft unangenehm. Es geht los, dass mir einer vor die Füße spuckt, es folgen Sprüche wie „Was willst denn du? Du kannst mir doch eh nix.“ Der Respekt gegenüber Polizeibeamten und Autoritätspersonen generell geht zurück. Das liegt an mangelnder Erziehung, an den Zuständen im Elternhaus.

Was auch schon passiert ist: ich spreche eine Jugendgruppe an, weil uns gemeldet wurde, dass eine Schlägerei unter ausländischen Jugendlichen im Gange sei. Sogleich werde ich als „Rassist“ beschimpft. Dabei bin ich wirklich für Integration. Aber einige, die hierher kommen, wollen sich einfach nicht integrieren. Das erlebe ich leider tagtäglich.

Dass unwissende Bürger sich mit Leuten solidarisieren, die wir in Gewahrsam nehmen müssen, kommt immer häufiger vor. Das Bittere dabei: es macht keinem von uns Spaß, diese Maßnahmen anzuwenden. Wenn ich jemandem Schmerzen zufügen muss, perlt das auch nicht einfach an mir ab. Aber die Ursache für diese Maßnahme liegt nie bei mir.“



Michael König* (25, verheiratet, hat einen einjährigen Sohn)

„Ich wurde zu einem Ladendiebstahl in die Innenstadt gerufen. Es hieß, der Täter sei renitent. Als wir mit ihm im Streifenwagen saßen, drohte er mir mit dem Tode meiner Familie und der Vergewaltigung aller Familienmitglieder. In vollem Ernst. Ich wusste erst gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich fragte mich: Wieviel muss man als Polizist tolerieren können?

Es sind nicht nur die Worte, mit denen ich beleidigt werde, sondern auch die verächtlichen Blicke. Ich arbeitete früher in einem Polizeirevier im Schwarzwald. Als ich nach Freiburg kam, das war schon ein Kulturschock: plötzlich war ich ein Feindbild für die Leute. Meiner Meinung nach sollten die Beamten, die hier im Innenstadtrevier arbeiten, einen Ticken besser bezahlt werden als die Kollegen auf dem Land. Einfach, weil die physische und psychische Belastung höher ist.

Der Respekt gegenüber mir ist gering. Viele der Jugendlichen, mit denen ich zu tun habe, genießen keine Erziehung. Wenn ich in diese Haushalte komme, mit den Eltern Kontakt habe, sehe, wie es da zugeht, wenn ich höre, wie der Umgangston zu Hause ist, das ist schlimm. Das sind desolate Situationen. Wenn ich mir vorstelle, das könnte auch mein Kleiner sein, wird es mir ganz anders. Diese jungen Menschen haben keine Vorbilder, an denen sie sich charakterlich orientieren können.

Ich versuche natürlich, alle Konflikte erstmal verbal zu lösen. Wenn ich jemanden mal fester anpacken muss, dann garantiert nicht ohne Grund. Keiner von uns macht das gern.

Ich habe noch nie vom Dienst geträumt, obwohl schon krasse Fälle dabei waren. Aber die älteren Kollegen sagen mir, dass einen die Zeit einholt. Dass irgendwann der Punkt kommt, an dem mich das auch privat beschäftigen wird.

*Name geändert

[Fotos: Dominic Rock; dpa]

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