Beinah Superstar

David Weigend

Allan Garnelis, 29, hat es bei der heute beginnenden Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" (RTL, 20.15 Uhr) von 28 597 Bewerbern unter die letzten 40 geschafft. Dann sagten ihm Dieter Bohlen und der Rest der Jury adieu. Im fudder-Interview erzählt der Kollnauer seinen ganz persönlichen Castingwahnsinn in fünf Akten.



Hier steht einer, der es fast geschafft hat. Einer, der dem Knautschgesicht Dieter Bohlen ein ernst gemeintes Kompliment abringen konnte. Allan Garnelis, gelernter Versicherungskaufmann aus Kollnau, sang schon, bevor er in den Stimmbruch kam. Er hat im Mandolinenverein gespielt, im Gitarrenverein, Musikabitur gemacht, drei Semester Musikwissenschaften studiert. Das hat er aber abgebrochen, weil es ihm zu trocken war. Mit seinem Vater, früher Unterhaltungsmusiker, singt er in einem Gospelchor, außerdem singt er in der Waldkircher Band Fahrenheit. Jetzt hat Allan 40 Minuten Zeit, um bei fudder seine DSDS-Geschichte zu erzählen. Danach wird er sich ins Auto setzen und zur Spedition fahren, in der seine Mittagsschicht beginnt.


1. Curtis Stigers: "I wonder why"

"Mein Vater hat mich aus Spaß da angemeldet. Am dritten Oktober war das erste Casting in Stuttgart. 1400 Bewerber in einem Hotel. Ich habe zwei Lieder angesungen. "I wonder why" von Curtis Stigers und "Beautiful Day" von U2. Am ersten Tag war ich ziemlich gelassen, da musste ich nur vor Toningenieuren singen. Am zweiten Tag war ich schon nervöser. Ein Riesensaal, Kamerateams. Interviews geben, zu einem Zeitpunkt, als ich noch gar nicht wusste, ob ich überhaupt weiter bin. Fotoshooting vorm Hotel. Dann saß ich dreieinhalb Stunden herum und habe gewartet. Mir wurde gesagt, dass ich am zweiten Tag der Jury vorsingen dürfe.

Die Jury bildeten Dieter Bohlen, Anja Lukaseder und Heinz Henn. Der Bohlen sieht aus wie im Fernsehen, recht vital. Am zweiten Tag musste ich das Gleiche anziehen wie am ersten. Ich hatte so ein Strickjäckle an. Herrn Henn hat das nicht gefallen: "Was hast du denn für ein Oberteil an? Sowas haben wir uns früher aus der Caritastüte geholt." Dieter Bohlen hat gesagt: "Richtig gut. Ein bisschen zu nah am original. Aber der erste, der heute diesen Raum mit seiner Stimme komplett ausfüllt."

Es kam oft vor, dass wir irgendwelche Szenen nachstellen mussten, weil die Einstellungen nicht gestimmt haben. Im Aufenthaltsraum hat mal einer Gitarre gespielt, dort hat sich eine Singgruppe gebildet. Prompt kam das Kamerateam an und es hieß: "Singt das ganze Lied nochmal, aber im Stehen."



2. Jamiroquai: "Virtual Insanity"

Nach Berlin, zur zweiten Ausscheidungsrunde, sind 123 Bewerber gekommen. Sie dauerte vom dritten bis zum achten Dezember. Morgens mussten wir immer aus dem Hotel auschecken, weil ja jeder wieder rausfliegen könnte. 55 Männer und 68 Frauen. Geschlechtlich getrennt mussten wir dann in Fünferreihen auf die Bühne des Berliner Ensembles. Einer nach dem anderen wurde vorgerufen und musste sein Liedchen trällern. Mein Lied war "Virtual Insanity" von Jamiroquai, a capella gesungen. Von den 55 Männern war ich der letzte, das war schlimm. Ich musste erstmal zweieinhalb Stunden auf der Bühne stehen, bevor ich drankam. Nur ein paar kurze Pausen, um was zu trinken. Das ging an die Substanz.

Heinz Henn hat uns abends, nachdem die Mädchen auch aufgetreten waren, grüppchenweise auf die Bühne geholt und erstmal die Angstmachernummer gebracht: Wir waren von vielen sehr enttäuscht. Blablabla. Aber ihr gehört nicht dazu. Ihr seid weiter. Darüber haben wir uns sehr gefreut. Das war aber zu actionlos für die Fernsehleute, deshalb mussten wir uns auf Kommando nochmal freuen. Und nochmal. Haben wir dreimal machen müssen. Total daneben. Da kommst du dir total blöd vor. Um zwei war ich im Bett.



3. Elton John: "Don't let the Sun go down on me"

Am nächsten Morgen habe ich nur Kaffee getrunken. Überhaupt habe ich in diesen drei Tagen sehr wenig gegessen. Du bist ständig unter Druck. Über hundert Teammenschen, die da rumlaufen und etwas von dir wollen.

Am zweiten Tag wurden wir in Gruppen eingeteilt. Ich war mit drei Jungs zusammen, "Don't let the Sun go down on me" von Elton John war unser Song. Wir hatten einen Tag zum Einstudieren, es lief sehr gut. Andere hatten es schwerer und das Lied, das sie bekamen, noch nie gehört. Wir haben den Refrain mehrstimmig gesungen. Den Vocalcoach haben wir bei der Vorbereitung nicht weiter gebraucht. Wir lieferten die beste Tagesvorstellung.

4. Ronan Keating: "Iris"

Meinen letzten Auftritt bei DSDS hatte ich mit "Iris" von Ronan Keating. Ich habe da auch Gitarre gespielt. Es lief nicht so prickelnd. Zwar habe ich keine falschen Töne getroffen, aber irgendwann hab ich mich im Text verhaspelt. Ich war nervös, müde, habe nicht hundert Prozent gebracht.

Danach war ich richtig geknickt. Die Jury hat mitten im Song abgebrochen und erstmal gar nichts gesagt. Wenn du auf der Bühne stehst, siehst du vom restlichen Raum nicht viel.

Als ich die Bühne verließ, fiel ich in ein Stimmungsloch. Ich habe geweint, weil ich enttäuscht war von mir. Aus dem Theater am Schiffbauerdamm konnte ich nicht raus, das war hermetisch abgeriegelt. Eine Securityfirma hat darauf geachtet, dass kein Kontakt zur Außenwelt zustande kommt.

Zum Heulen habe ich mich in eine Garderobe gesetzt, mit einem Riesenvorhang davor. Dann näherte sich ein Licht, die Kameramänner. Die haben sich vor mich gesetzt, erstmal gar nichts gesagt. Der Umgang von denen war schon menschlich. Die müssen das nunmal machen. Im ersten Moment dachte ich: "Verpisst euch."

Aber dann war es okay. Da hockt immer einer schräg unter der Kamera und stellt dir Fragen. Der war sichtlich ergriffen. Ich habe heute mehr mit den Leuten vom Team zu tun als mit den anderen Kandidaten.



5. Das letzte Urteil

Ich habe mich darauf eingestellt, dass ich es nicht schaffe. Trotzdem hatte ich einen Funken Hoffnung übrig. Weil die Jury sich immer die Gesamtleistung ansieht und einen schlechten Tag nicht ausschließlich bewertet. RTL hatte ja auch noch Mitspracherecht. Es sind teils Leute rausgeflogen, die waren der Ultrahammer. Richtig gut. Aber die waren einfach schon zu komplett. Ein Produkt für sich. Aber geschäftspolitisch nicht mehr so gut zu verkaufen.

Anja Lukaseder, das weibliche Jurymitglied, hat es mir dann gesagt. Ich habe in der Nacht davor noch mitbekommen, dass ich ein bisschen der Liebling vom Bohlen war. Der Bohlen konnte mich während der letzten Urteilsverkündung nicht anschauen. Der saß die ganze Zeit mit abgewendetem Blick da. Lukaseder hat mir gesagt: "Du bist ein super Typ, hast Talent, kannst gut singen, aber wir sehen dich nicht als Chartsstürmer." Das ging höchstens eine Minute. Dass ich nicht weiterkommen würde, wusste ich gleich, als sie angefangen hat, zu reden. Ihr Blick.

Die Ausscheider mussten in ein anderes Hotel ziehen. Also auch ich. Ich bin aber wieder zurück ins erste Hotel gegangen, in dem alle vom Team saßen. Dort habe ich viel Bier getrunken. "Sei nicht böse. Es ist gut, dass es so gelaufen ist", hat man mir gesagt. Die, die weiterkommen, werden harte Verträge bekommen. Die können auf keiner Hochzeit mehr singen. Davon unabhängig habe ich von der ganzen Geschichte viel für mich mitnehmen können."

Hier noch ein Song von Allans früherer Band "White Ox Eye". Der Titel lautet: Broke the Cage: