Beim HIV-Schnelltest: Die Was-wäre-wenn-Frage

Marc Röhlig

Einmal monatlich bietet die AIDS-Hilfe in Freiburg einen AIDS-Schnelltest an: Gewissheit über HIV-positiv oder HIV-negativ in nur 30 Minuten. Doch auch ist eine lange Zeit – wenn man zwischen Absturz und Erleichterung steht.



„Das ist hier schon sehr ansprechend gemacht, die Musik, die Kerzen, das Ambiente und so“. „Also, ich meine, du kannst dich hier wohlfühlen“. „Also, während du wartest“. Amelie sagt Sätze, während sie noch darüber nachdenkt. Worte, Satzbausteine, durchwandern ihren Kopf und ihr Herz und trauen sich gleichzeitig schon aus ihrem Mund. Amelie scheint jemand zu sein, der oft sein Herz einbezieht, wenn er Dinge entscheidet. Ja, meint sie, „ich bin von Grund auf ein sehr emotionaler Mensch“. Hier und heute zwischen Kerzen und Radiomusik zu warten, war daher eine wochenlang gereifte Bauchentscheidung.


Amelie, 34, besucht den HIV-Schnelltest der AIDS-Hilfe Freiburg. Jeden dritten Montag im Monat findet er abends in den Räumen der AIDS-Hilfe statt – ein Blitztest für die Sicherheit. Für die innere Ruhe. „Dieser Abend ist für mich heute so eine Art letztes Kapitel“, sagt Amelie. Sie war glücklich verliebt, lange Zeit. Sie habe viel für diese Liebe getan, „ihn durch ein tiefes Tal begleitet“. Aber er hatte es mit Untreue gedankt. Amelie hat sich also getrennt, ihr Leben als Single neu organisiert und begonnen, ihn zu vergessen. „Und natürlich war da plötzlich die Angst“, sagt sie. Was, wenn er auf seinen Abenteuern den HI-Virus aufgeschnappt hat? Was, wenn ich ihn nun auch habe?

Amelie – das ist auch nicht ihr richtiger Name, sondern einer, der in ihren Ohren „richtig schön klingt“ – nimmt den heutigen HIV-Schnelltest als „final cut ihm gegenüber“ – und als Gewissheit für sich selbst.



Rund 15 Interessierte nehmen das Angebot der AIDS-Hilfe jeden Monat an. Viele Studenten kommen, oft Paare, viele Ersttester – „eine bunte Mischung“, sagt Stefan Zimmermann (Bild oben). Zimmermann ist Sozialarbeiter bei der AIDS-Hilfe und betreut die Schnelltests. Gemeinsam mit Mitarbeitern des Gesundheitsamtes empfangen er und seine Kollegen die Besucher.

Für den Schnelltest gibt es einen einfachen Ablauf: Die Tester füllen zuerst einen Fragebogen aus. Es geht um Sexpartner und um „Risikosituationen“. Anhand des Fragebogens wird der Tester zu einem persönlichen Beratungsgespräch geladen. „Das kann unterschiedlich ablaufen“, sagt Zimmermann, „mal nur fünf Minuten und wir schicken die Person wieder heim, weil wir kein Risiko erkennen können – aber natürlich geht es auch in die andere Richtung.“



„Manche ahnen schon, ob eine Gefahr besteht“

Auf das Gespräch folgt der eigentliche Test. Ein Mitarbeiter vom Gesundheitsamt nimmt Blut ab und träufelt es auf ein kleines Plastikgehäuse; es erinnert an einen Schwangerschaftstest. Die Verfärbung in einem Sichtfenster signalisiert schnell, ob das Blut „reaktiv“ auf HIV ist – also positiv. Vollkommene Sicherheit gibt es allerdings erst nach 30 Minuten – dann erst wird der Tester wieder zum Gespräch gebeten, erfährt sein Ergebnis und kann reden. Wenn er möchte. „Aber die meisten, die einen Test machen, ahnen schon, ob eine Gefahr besteht“, sagt Zimmermann. Sie wollen dann nach der Entscheidung meist allein sein, „raus ins Freie“ gehen.

„Wow, ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das wäre“, sagt Andreas. Und doch merkt man seinem Blick an, dass er sich genau dies gerade vorstellt: In zehn Minuten wird sein Ergebnis fertig sein, dann hört er das Wort „reaktiv“ oder eben nicht. Seine Augen verraten die Anspannung zwischen möglicher Erleichterung oder dem Gefühl „in ein dunkles Loch“ zu fallen. Andreas ist 33 und schwul. Er hat keinen festen Freund derzeit, aber er hatte seine Affären in den letzten Monaten. „Da waren schon Momente dabei, die leichtsinnig waren“, sagt er. Seinen richtigen Namen behält auch er für sich. Beim Test gibt es eine Skala von eins bis zehn, wie hoch man die Wahrscheinlichkeit einschätze, sich angesteckt zu haben. Andreas hat sich eine Sieben gegeben. Er gehe drei bis vier Mal im Jahr zum HIV-Test, „aber der Druck ist immer wieder da“. Diesen nun nur eine halbe Stunde zu spüren, sei ganz okay. „Ein bisschen ins Buch schauen lenkt ab“.



Die Schnelltests bietet die AIDS-Hilfe Freiburg seit September 2009 an. Im ersten Jahr nun gab es über 120 Tests – nur einer davon war reaktiv. „Wir sind, so gruselig das klingt, laut Statistik schon lange überfällig“, sagt Zimmermann.

Aus zwei Gründen kommen die meisten Besucher zum Schnelltest: Angst vor einer „Risikosituation“ oder aber der Wunsch, mit dem Partner auf Kondome zu verzichten. Der hauseigenen Auswertung zufolge schätzen die Tester vor allem die Vertraulichkeit und das Beratungsgespräch parallel zum Schnelltest: Je drei Viertel der Befragten halten es für wichtig, sich den Sozialarbeitern anzuvertrauen. „Wir legen auch viel Wert auf die Vor- und Nachgespräche“, sagt Stefan Zimmermann, „denn auch eine halbe Stunde warten kann sehr unangenehm sein und erfordert viel Sensibilität“.

„Du bist ein schwarzes Schaf, wenn du positiv bist“

Auch außerhalb des Schnelltests bietet die AIDS-Hilfe Beratungen an. Sieben hauptamtliche Mitarbeiter und rund 40 Ehrenamtliche arbeiten im Verein mit; gemeinsam betreiben sie Präventionsangebote an Schulen, im Migrationsbereich und in der Homosexuellenszene. „Und es ist wichtiger denn je“, sagt Zimmermann, „in der neuen Generation herrscht viel gefährliches Halbwissen“. In den Achtzigern habe es eine „regelrechte AIDS-Panik“ gegeben – heute interessiere sich aber kein Jugendlicher für die Krankheit, „AIDS hat sich totgeredet“. Doch auch wenn man mittlerweile mit der Krankheit und entsprechenden Medikamenten leben könne, so Zimmermann, bleibe es eine sehr gefährliche Krankheit. „Viele denken, AIDS sei nun heilbar – Ist es nicht!“



„Ich wundere mich auch immer wieder“, sagt Andreas. Warum so viele seiner schwulen Freunde keine regelmäßigen Tests machen. Warum viele beim Thema AIDS nur mit den Schultern zucken. Warum „so viele Schwule leichtsinnig“ seien. Er selbst kann sich davon nicht ganz ausklammern. Auch er hat ja gerne „Abenteuer“. Aber die führen ihn dann immer wieder zum AIDS-Test. Vielleicht sei es Angst, dass viele das Thema totschweigen: „In der gay community bist du ein schwarzes Schaf, wenn du positiv bist“. Wisse es einer, wisse es jeder. Er geht nun wieder in das Beratungszimmer, die Wartezeit ist um, das Ergebnis steht fest.

Amelie hat noch eine Viertelstunde. Sie zelebriert es ein wenig, ihren final cut. Am Wochenende war Amelie bei ihren Eltern, „du weißt schon, ausspannen, abschalten, runterkommen“. Vom Schnelltest hatte sie aber nichts erzählt. Nun, an diesem Montag, hatte sie sich auf Arbeit frei genommen. Amelie wollte mit sich allein sein, sich auf ihren „Termin“ am Abend vorbereiten. Sie geht jetzt, die Minuten ziehen sich hin, Was-wäre-wenn-Fragen durch. Entwirft Szenarien, wie sie es wem sagen würde. Wie sich ihr Leben ändern würde. „Nee“, sagt Amelie dann und schüttelt sich, „aber klar, du müsstest wohl damit leben“. Und was wäre wenn nichts ist? Wenn der Test negativ ist? „Dann fällt alles von dir ab, dann gehst du zur Tür raus, bist frei und – und es ist ein großartiges Gefühl“.

Zum Schnelltest kamen an diesem Abend insgesamt acht Frauen und sieben Männer. Und jeder ging irgendwann wieder zur Tür hinaus und war frei. Und immer war es ein großartiges Gefühl.

HIV-Schnelltest bei der AIDS-Hilfe Freiburg

Der HIV-Schnelltest findet jeden dritten Montag im Monat von 18 bis 20 Uhr in den Räumen der AIDS-Hilfe Freiburg e.V. statt. Der nächste Termin ist am 20. Dezember 2010. Für den Test wird eine Gebühr in Höhe von zehn Euro zum Selbstkostenpreis erhoben. Alle Beratungsgespräche finden vertraulich statt und werden von ausgebildeten Sozialarbeitern durchgeführt.

Der Test dauert 30 Minuten, um ausreichende Sicherheit über das Ergebnis zu gewährleisten. Dabei ist das Verfahren absolut sicher: „Ein Negativ ist zu hundert Prozent ein Negativ“, sagt Stefan Zimmermann von der AIDS-Hilfe. Bei einem reaktiven Ergebnis empfiehlt die AIDS-Hilfe, einen ausführlichen Test zur weiteren Sicherheit zu machen. Generell können bei AIDS-Testverfahren nur HI-Viren nachgewiesen werden, die länger als drei Monate im Körper sind. Über kurzfristige „Ausrutscher“ bietet ein Test keine Gewähr.



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