Beim Barbier vom Siegesdenkmal: Kolonya, Schmerz und Wohlgefallen

Manuel Lorenz

Im kleinen Friseursalon von Memo Akbas am Friedrichring in Freiburg kann Mann sich noch richtig rasieren lassen – nach guter, alter, türkischer Art. fudder-Redakteur Manuel Lorenz hat den Selbstversuch gewagt und bekam zuerst ein Hitlerbärtchen und dann einen kontrollierten Schopfbrand verpasst:



Memo schüttet mir eine durchsichtige Flüssigkeit über die Hände. „Kannst du auch Gesicht machen, kannst du auch atmen“, sagt er und macht’s mir routiniert vor. Und noch mal: „Du musst atmen. Tut gut!“ Ich tue, wie mir geheißen, verreibe das Wasser zuerst in meinen Händen und dann in meinem Gesicht.

Es riecht nach Alkohol und Zitrone, künstlich und beruhigend. „Kolonya“, sagt Memo. Das türkische Kölnisch Wasser. In der Türkei ein Allzweckmittel, das zur Begrüßung, nach dem Essen, zum Putzen und – nebenbei – als Aftershave benutzt wird. Nachher wird Memo es mir nicht nur auf die gereizte Haut auftragen, sondern auch noch in die Haare einmassieren. Nachher. Nachdem er mich glattrasiert hat.

Aber immer der Reihe nach.

Memo Akbas ist 31 und müsste eigentlich Momo heißen, denn das ist die gängige Koseform für seinen Vornamen Muhammet. Vor 18 Jahren, als er mit seinen Eltern von Istanbul nach Freiburg kam, klang ihm das aber zu türkisch. Aus Momo wurde Memo, aus dem Einwandererkind ein Sprachschüler.



Zwei Jahre Deutsch lernen, dann Hauptschule, Abschluss, kein Azubi-Platz, ein Jahr Baustelle, drei Monate Azubi beim hiesigen Bildungszentrum, Probleme, Kaufhausdetektiv, sechs Monate Sicherheitsdienst, ein paar Jahre Hotelreiniger, zwei Jahre Zeitarbeiter. Nebenher, seit 16 Jahren: Mitschülern die Haare schneiden, Glaubensbrüdern im Islamischen Zentrum die Haare schneiden – und den Bart. Mit einem richtigen Rasiermesser. Memo rechnet vor: „16 Jahre, jede Woche ein Bart: Das sind Tausende.“ Oder 832.

Ich bin also Nummer 833, und deshalb habe ich keine Angst davor, dass Memo mir gleich ein Messer an den Hals legen wird. Ich habe mich wochenlang nicht mehr rasiert, mein Vollbart gleicht dichter, schwarzer Wolle. Die soll jetzt ab. Komplett. Nach guter, alter, türkischer Art.

Memo fängt an, das krause Dickicht zu lichten – mit Schere, Kamm und Elektrorasierer. Dann macht er, worauf ich die ganze Zeit gewartet hab’: Mit einem Rasierpinsel aus Büffelhaar schäumt er in einer Metallschale Seife auf und trägt den wohlig duftenden Schaum auf mein Kinn und meine Wangen auf. Ein wenig davon verteilt er mit seinem Zeigefinger auch auf meiner Oberlippe.

„Und sonst? Wie läuft mit Frauen?“ Memo ist ein ruhiger Typ, aber seine Sprüche sitzen. Er setzt mir das Rasiermesser an den Hals und sagt: „Wenn du viel Geld hättest …“ Ich lache vorsichtig. Memo sagt: Man darf das Messer nicht zu fest halten, muss schnell reagieren, nachgeben, wenn jemand schluckt oder hustet. „Wenn du zu steif hältst, ist vorbei.“ Er lacht.



Durch den Spiegel beschaue ich den kleinen Friseursalon. Vorne ein großer Raum, hinten ein kleiner – kaum Platz für mehr als eine Handvoll Kunden. An die weißen Wände hat Memo rote Ornamente gemalt, von der Decke hängt eine mittelgroße Diskokugel. Im Fernseher läuft Real World, das türkische MTV. Gegenüber vom Eingang hängt ein Nazar-Amulett: ein Fisch, auf dessen Flanke ein blaues Auge gegen den bösen Blick klebt.

Darunter prangt ein rotes Mini-Kissen, auf das mit goldenem Garn eine Tughra gestickt worden ist – ursprünglich ein Siegel osmanischer Sultane. Memos Version enthält in kunstvoll verschnörkelten arabischen Buchstaben seinen vollständigen Vornamen Muhammet, der ja gleichzeitig auch ein Propheten-Name ist. „Um zu sagen: Herzlich Willkommen!“, sagt Memo. Die Tughra befindet sich auch auf seiner Visitenkarte – direkt vor dem geschwungenen Wort „Hairstyle“.



Memos weißes Samsung Galaxy klingelt. Schriller Morgenland-Elektropop. Memo lässt von mir ab und geht ran. Erst sagt er was auf Türkisch, dann sagt er was auf Deutsch: „Komm vorbei, dann reden wir.“ Kaum hat er aufgelegt, klingelt das Smartphone noch einmal. Memo auf Deutsch. Irgendwas mit Flyern und Postern. Ein schnauzbärtiger Mittvierziger betritt den Laden. „Hast du grad Zeit für meine Haare? Oder soll ich später noch mal vorbeikommen?“ – „Später“, sagt Memo. „So um eins.“

Memo benutzt das Messer wie einen Pinsel. Nur dass er keine Farbe aufträgt, sondern Haar wegnimmt. Memo erlaubt sich den Spaß, mir verschiedenste Bartformen zu verpassen. „Ich mach dich cool“, sagt er und rasiert mir Muster aus dünnen Strichen ins Gesicht. Gangsta-Style. Dann macht er mir den „Elvis“, wie er sagt, also Slawenhaken plus Megakotletten. „Jetzt siehst du aus wie eingebildete Sängers!“ Er schießt ein Handyfoto und macht weiter.

„Mach mal hier so“, „Mach mal dick“, „Mach mal Zunge rein“. Das Ergebnis: ein eleganter Schnorres, der mich aussehen lässt wie Clark Gable in „Vom Winde verweht“.



Da ist der Weg zu Charly Chaplin nicht weit – beziehungsweise zu jenem Diktator, den er einst so genial persiflierte. Ja, genau, Memo macht mir den „Adolf“, also jene Barttracht, die Männer sich morgens beim Rasieren kurz stehen lassen. Heimlich. Memo freut sich, lacht, sprüht mir Wasser in die Haare, zieht mir einen akkuraten Scheitel. Und macht dann Tabula rasa in meinem Gesicht.

Abschließend: ein feuchtes Handtuch, Kolonya, Schmerz und Wohlgefallen.

Und Enttäuschung. Denn Memo will mir die Ohrhaare nicht abflammen – mit einem Feuerzeug. Dabei war ich darauf besonders scharf. „Du bist ja noch kein alter Mann!“ Keine Ohrhaare, kein Feuerzeug. Dafür will er mir die Augenbrauen zupfen – mit Pinzette und Zwirntechnik. Diesmal bin ich es, der protestiert.

Aber dann macht Memo doch noch eine Feuernummer. Er nimmt einen Nagel, an dessen Spitze etwas Baumwolle hängt, taucht diese in Spiritus, zündet sie an und versengt mir damit die Spitzen meines Deckhaars. Mit einem Kamm kontrolliert er gekonnt den Schopfbrand. Am Ende kommt – klar – satt Kolonya rein. Ich rieche wie nach einem Bad in Limoncello. „Frisch!“, sagt Memo. Und: „Noch Farbe rein?“ – „Nein, Danke“, sag’ ich. Vielleicht beim nächsten Mal.



Preise

Eine „Bartrasur komplett“dauert bei Memo Akbas 20 Minuten und kostet 15 Euro. Konturen rasiert er einem für zehn Euro, Muster für 18 Euro. Fürs Augenbrauenzupfen mit  Fadentechnik  berechnet er zehn Euro. Eine zehnminütige Kopfmassage bekommt man für 15 Euro.

Adresse

Memo Hairstyle
Friedrichring 34
79098 Freiburg
0761.5903579  

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag
9 Uhr bis 19 Uhr

Samstag
9 Uhr bis 20 Uhr

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Fotogalerie: Marius Buhl

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