Der Sonntag

Manga und mehr

Beim Anime-Festival treffen sich Menschen, die japanische Popkultur leben

Sarah Weigend

Lebendige Animefiguren, Manga-Künstler und Fans japanischer Popmusik treffen sich Ende kommender Woche beim erstmalig stattfindenden Anime-Festival in Freiburg.

Große Kulleraugen und aus wenigen Strichen bestehende Gesichter gehören zu den Markenzeichen japanischer Zeichentrickfilme. In diesem Jahr ist die Nachfrage nach Anime, wie deutsche Fans die Filme nennen, explodiert. Für Furore sorgte "Your Name", ein Coming-of-Age-Anime des japanischen Regisseurs Makoto Shinkai. Er gilt als weltweit erfolgreichster Anime-Film aller Zeiten. Zudem kommen Anime-Serien dank Streamingdiensten und neuen TV-Sendern auf mehr Kanälen denn je auf deutsche Bildschirme. Japanische Zeichenkunst und Kultur werden in Deutschland gefeiert, nun auch in Freiburg.


Die Cosplayerin

Maike Hoeser, 26, wird gerne mit "Winfi, der Reflektor" oder "Schamannie" angesprochen. Unter diesen Namen schlüpft die Freiburgerin in verschiedene Rollen aus Animefilmen oder Manga-Comics, wenn es mit dem Charakter funkt. Dabei bevorzugt sie die gezeichneten Vorlagen: "Sie bieten die größte Interpretationsfläche", sagt Hoeser, die im normalen Leben bei der Arbeitsagentur angestellt ist. Denn Cosplay, kurz für Costume Play, bedeutet für sie und ihre Freunde nicht einfach nur Verkleidung. "Es geht auch um das Spiel mit den anderen, das Darstellen des Charakters – einfach darum, dass man so perfekt wie möglich in eine Rolle schlüpft."

Alles ging los mit "Jeanne, die Kamikaze-Diebin" auf RTL II . Hoesers Vater, dessen Zeichentrickleidenschaft nur bis Asterix und Obelix reicht, kaufte ihr das dazugehörige Heft. Bis heute ist Hoeser der Ästhetik dieser Zeichnungen verfallen. An Halloween vor zehn Jahren ging sie das erste Mal als Cosplayerin auf die Straße. Mittlerweile hat sie 19 Rollen interpretiert.

Ihre Eltern unterstützten sie auf ihrem Weg. "Meine Mutter hatte auch Angst, dass jemand mich blöd anmacht, wenn ich als Cosplayerin rausgehe. Aber komische Blicke haben mich nicht gestört. Ich war in der Schule schon eine Außenseiterin und war ein bisschen abgehärtet." Sie liebt ihr Hobby aber nicht nur, weil man damit auffällt. "Mir gefällt der gesamte Prozess: das Tüfteln und Überlegen, wie man Abstraktes umsetzen kann, das Basteln, das Fotografieren." Das Freiburger Anime-Festival will Maike Hoeser unterstützen und mit ihrer Clique am Cosplay-Wettbewerb teilnehmen.

Der Unternehmer

"In der Szene macht eigentlich immer jeder alles", sagt Michael Klement, der als Geschäftsführer von Emania Media das Anime-Festival nach Freiburg bringt. Der 30-jährige Berliner ist Vorstand des Anime-Kulturvereins und kommt ursprünglich aus der "Fansub"-Szene, in der Anime-Fans japanische Filme selbst mit Untertiteln versehen. Danach habe er endlich mal etwas Seriöses machen wollen, sagt Klement. Mit einigen Freunden gründete er 2014 das Anime-Radio und den Anime-Kulturverein – mit dem Plan, das Radio durch kleinere Kinovorführungen zu finanzieren. Daraus wurde 2016 die Anime-Messe in Berlin. Bei der jetzigen Erfolgswelle von Anime hätte er mit dem "kleinen Bruder", dem Anime-Festival, wohl in jede andere Stadt gehen können, sagt Klement. Aber im Südwesten sei bereits vor zwei Jahren eine Facebook-Gruppe entstanden, die eine Convention nach Freiburg holen wollte. Außerdem erhoffe er sich auch Kontakte zur Fanszene aus Frankreich und der Schweiz.

Die Zeichnerin

Rosi Pang spricht Deutsch, Englisch, Französisch und Chinesisch mehr oder weniger von Haus aus. Die im kanadischen Montreal geborene Tochter chinesischer Eltern zog mit ihrer Familie als Siebenjährige zu den Großeltern nach Genf. "Aus Liebe zum Anime" studierte sie dort Japanisch – um nicht mehr auf die Untertitel ihrer liebsten Serien angewiesen zu sein. Schon als Fünfjährige schaute sie Pokémon und Sailor Moon, mit zwölf entdeckte sie das Manga "Inu Yasha". Die Ästhetik habe sie schon immer fasziniert, sagt Pang. Das Zeichnen auch. Das Problem war nur: "Ich konnte ganz fürchterlich zeichnen!".Also übte sie, jahrelang, jeden Tag.

Zehn Jahre später besuchte sie die ersten Conventions: "Das Feedback war unglaublich. Die Leute haben für meine Manga-Porträts in der Schlange gestanden." Heute verdient Pang Geld mit ihren Zeichnungen, die sie unter ihrem Künstlernamen PrinNana bereits auf Conventions in Basel, Düsseldorf, London, Canberra und Melbourne ausgestellt hat.

Der Netzwerker

Als Alexander Derenek vom Anime-Festival hörte, setzte er sich gleich mit den Veranstaltern in Verbindung. Dass der 34-Jährige einen guten Eindruck von ihnen bekam, könnte der Zusammenkunft im Bürgerhaus Zähringen ein paar Besucher mehr bringen. Denn der Schiltacher ist seit 14 Jahren Mitglied von Animexx e.V., dem deutschlandweit größten Verein für Fans japanischer Zeichenkunst und Kultur mit etwa 10 00 Mitgliedern – und etwa 100 000 auf der Webseite angemeldeten Usern. Dort heißt Derenek "KaoruDark" und steht unter anderem mit den Mitgliedern des Offenburger Animexx-Treffens in Verbindung, das er einmal monatlich organisiert.

Derenek gehört zur ersten Generation "Sailor Moon". Die Serie über das Schulmädchen Usagi Tsukino, die als Sailor Moon für Liebe und Gerechtigkeit kämpft, lief bereits 1995 wenig beachtet im ZDF . Derenek aber war fasziniert und hat sich seitdem zu einem eingefleischten Fan entwickelt. Anime sind für ihn nicht nur reine Unterhaltung: Seine Lieblingsserien seien teilweise sehr komplex, beschäftigten sich intensiv mit der Psyche ihrer Figuren wie in "Naruto" oder würfen philosophische Fragen auf wie in "Neon Genesis Evangelion". Ob Anime-Geschichte, die Fan-Szene, aktuelle Serien – KaoruDark ist ein lebendes Lexikon. Trotzdem sagt er: "Man kann nicht mehr alles verfolgen, was neu rauskommt." So klingt ein etwas resignierter Nerd. Ja, er würde gerne alles kennen.
Was: Anime-Festival
Wo: im Bürgerhaus Zähringen in Freiburg
Wann: Freitag, 16. November von 14 bis 22 Uhr und Samstag, 17. November, von 10 bis 20 Uhr.
Was gibt’s: Unter anderem mit Live-Show von Manga-Zeichner Hiroji Mishima, Konzerten, Anime Kino, Cosplay-Wettbewerb, Workshops und Vorträgen.

Infos: Web