Beichthaus.com: Beichten 2.0

Christoph Müller-Stoffels

"Vater, ich habe gesündigt." Die katholische Kirche bietet seit Jahrhunderten die Beichte an. Aber die Kirche gilt als verstaubt und ewig gestrig. Nun gibt es auch eine Möglichkeit, im Internet seine Sünden zu erzählen.



Ganz verschiedene Dinge werden auf beichthaus.com erzählt. Da schreibt jemand, dass er in der fünften Klasse einem Mädchen ein Knoppers ins Gesicht geschleudert habe. Ein anderer berichtet, dass er seinen kleinen Bruder beim Sex erwischt habe und "im Zimmer stehen blieb, um es mir anzuschauen". Hier kann jeder loswerden, was er möchte. Gefiltert wird nur, was rassistisch, pornographisch, anders anstößig oder voller Rechtschreibfehler ist. Hinter der Seite steht ein zehnköpfiges Team, das jeden Tag die neu ankommenden Beichten überprüft. Auch wenn manche Geschichten unglaubwürdig klingen, ist Robert Neuendorf davon überzeugt, "hier stehen Geschichten, die aus dem Leben sind. Schockierend, peinlich, erschreckend und oft für den Betrachter auch amüsant."


Der 28-jährige Neuendorf hat die Seite vor drei Jahren initiiert, weil ihn "interessiert, was andere Menschen erleben." Neu findet er den Gedanken nicht. Es komme praktisch in jedem Forum vor, dass Menschen irgendetwas beichten. "Viele Menschen wollen im Internet etwas los werden, was sie in ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis niemals offen sagen könnten. Hier haben sie die Möglichkeit, sich den Kummer von der Seele zu schreiben." Und sie tun es. Oft geht es um Betrug, Beziehung oder Liebe. Aber auch andere Dinge werden gebeichtet. Einer schreibt, dass er gerade Fahrerflucht begangen habe und es ihm nun ziemlich leid tue. Alle Beichten sind anonym.

Warum die Menschen das machen, kann sich Neuendorf gut erklären. "Jeder will Anerkennung ernten", sagt der Marketing-Kommunikations-Fachmann, "egal ob der Teenie in der Castingshow, die Hausfrau bei der Tupperparty oder der Mann Sonntags auf dem Fußballplatz des Amateurclubs. Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Genau auf dieses Prinzip der Profilierung setzt auch Myspace und die vielen Millionen Blogs, die von einzelnen Personen betrieben werden. Auch wenn die Beichten bei uns anonym sind, erhält der Schreibende eine große Aufmerksamkeit von den vielen Lesern und Folgebeiträgen in anderen Foren." Schon über 15.000 Beichten sind eingegangen. Eine religiöse Institution steht nicht hinter der Seite, auch wenn Neuendorf grinsend erzählt, dass er "natürlich katholisch" sei.

Seit neuestem kann man auch mit Bild seine Sünden mitteilen. Allerdings ist die Resonanz darauf noch nicht mäßig. Erst zwei Teilnehmerinnen haben ihr Foto eingeschickt. Den meisten Usern geht es in erster Linie um die Anonymität, in der sie loswerden können, was ihnen auf der Seele liegt oder womit sie sich brüsten möchten, denn das ist auch dabei. Und damit diesem Bedürfnis Rechnung getragen wird, kann man auch für die Sünden seine Stimme abgeben. In der Top-Beichte berichtet jemand, wie er als Kind seinen Hasen gequält hat. Auf dem zweiten Platz steht das Geständnis von Sex unter Geschwistern. Die eigentlich beste Beichte allerdings ist kurz und unscheinbar: "Ich komme aus Sachsen..."



Unter confessyoursecret.com findet sich das amerikanische Pendant zu beichthaus.com. Hier werden die Beichten von vornherein in Kategorien eingeteilt. Außerdem die Beichten aufgelistet, die am öftesten angesehen und die am besten bewertet wurden. Allerdings scheint die Seite noch sehr jung, denn es wurden erst 171 Beichten abgelegt. Vielleicht sind die Deutschen aber auch nur freizügiger und erzählen deshalb lieber über ihre "Sünden".