Bei einer Haushaltsauflösung

Minh Duc Nguyen

Ein 60-jähriger Arzt, der eine Praxis betreibt, stirbt plötzlich. Nun muss seine Ex-Frau die Praxis, die zugleich auch sein Zuhause war, entrümpeln lassen. Eine Reportage über eine Haushaltsauflösung in der Luisenstraße.



Die kleine Küche sieht aus wie nach einer Schlacht. Auf der Arbeitsplatte stapeln sich Geschirr und Töpfe, die Schränke sind leergeräumt. Mittendrin steht Gisela Schröder* und blickt um sich. Sie sortiert Küchenrollenhalter, Servietten und Kaffeekannen und stellt sie anschließend auf einen kleinen Haufen, den sie mitten in dieses Chaos platziert hat.


Noch hat sie nicht gefunden, wonach sie sucht. „Ein Freund von mir braucht noch einen Dosenöffner“, sagt die 79-Jährige. Dem Freund, der Hartz IV empfängt, sei es unangenehm, um solche Kleinigkeiten zu bitten. So steht sie nun in einer fremden Küche, sucht für ihn, womöglich auch für sich selbst.

Die Tatsache, dass diese Haushaltsauflösung nur zustande kam, weil jemand starb, stört die hagere Frau mit dem silbernen, kurzen Haar nicht. „Ich sehe das als eine gute Sache“, sagt sie. Denn was sollen die Hinterbliebenen sonst mit den Möbeln machen? So hätten alle etwas davon. Eine Antwort, die im Laufe dieser Haushaltsauflösung noch öfter zu hören sein wird.

Luisenstraße, Spätnachmittag. Die Straßenlaternen brennen bereits, nur vereinzelte Autofahrer sind noch unterwegs. Der Abend legt sich über die Stadt. In einer Zwei-Zimmerwohnung unweit vom Martinstor kommt Geschäftigkeit auf. Bis in die kleinsten Ecken sind die Räume ausgeleuchtet, auf dem Boden im großen Zimmer stehen Kleidertüten und Kartons voller Elektrokabel. Vor dem Fenster sind vier Sessel aufgereiht.

Ein Mann um die 40 beugt sich über die Kartons mit den Kabeln. Seine Hand greift nach einem Handyladegerät. Er legt es zu den anderen Elektrogeräten, die er zuvor zusammengesucht hat. Er sei Sammler, sagt er, und habe schon viele Haushaltsauflösungen miterlebt. Neben ihm steht ein älterer Herr aus der Nachbarschaft, schaut sich einen DVD-Player an, den er anschließend zu einem günstigen Preis mitnehmen wird.



Szenen wie auf einem Flohmarkt. Nur, dass die Preise niedriger sind. Mitten im Auflösungschaos wuselt Elke Brünning* von einem Zimmer ins andere. Sie ist es, die die Anzeige für die Haushaltsauflösung in die Zeitung gesetzt hat. Am Eingang steht eine Frau, die mit ihrem Sohn gekommen ist und sich für das Paar Teleskopstöcke interessiert. Neben ihr ein Mann, der ein paar Holzkisten mitnehmen möchte.

Die 47-jährige Brünning, die vor einem halben Jahr Witwe geworden ist und den Nachlass ihres verstorbenen Ex-Mannes verwaltet, will so viele Sachen wie möglich verkaufen. Dass sie optisch auffällt (türkisfarbener Fleecepulli zwischen schwarzgekleideten Kunden), sei Zufall. Nicht die Tatsache, dass die Haushaltsauflösung stattfindet, findet sie bedrückend. Sondern die Vorstellung, dass viele Sachen, die ihrem Ex-Mann gehört haben, bis morgen weggeschmissen werden müssen.

Noch bevor sie den Satz zu Ende sprechen kann, betreten weitere Interessenten den Raum. Wieder heißt es für Elke Brünning: die Neuankömmlinge begrüßen und sie zum Kauf anregen.

In diesem Durcheinander ist ein junger Mann beinah untergetaucht. Andreas*, der Sohn des Verstorbenen. Ob es nicht ein merkwürdiges Gefühl sei, die Sachen des Vaters an fremde Menschen zu verkaufen? Der 15-Jährige zuckt mit den Schultern, sein Blick geht ins Leere. „Na ja, da sind ja kaum noch persönliche Sachen von ihm dabei“, sagt er und widmet sich sogleich einer anderen Aufgabe.

„Der Tod seines Vaters liegt ja auch schon sechs Monate zurück“, sagt eine Freundin der Familie, die beim Verkauf mithilft. Auch sie hält die Auflösung für sinnvoll. Schließlich habe niemand etwas davon, wenn die Sachen, die nun zum Verkauf stehen, im Keller aufbewahrt werden würden. Dies sei unökonomisch und aus Platzmangel kaum machbar. „Man muss das pragmatisch sehen, das Leben geht schließlich weiter“, sagt sie.



Nach mehr als einer Stunde lässt der Besucherandrang nach. Manche der Besucher werden am nächsten Tag mit dem Auto zurückkommen, um die schweren Sachen wie den Schlafzimmerschrank oder die Schlafcouch mitzunehmen. Zum ersten Mal an diesem Abend herrscht Stille. Wenn auch nur für einen Augenblick.

Auf den Sesseln im großen Zimmer hat sich Brünnings Lebensgefährte zusammen mit seinem Freund hingesetzt. Auch sie haben der 47-Jährigen beim Verkauf geholfen. „Es ist ein merkwürdiges Gefühl, hier zu sitzen und die Sachen eines verstorbenen Menschen zu verkaufen“, sagt Gerhard Löw*, der Lebensgefährte. Die Betroffenheit halte sich aber auch bei ihm in Grenzen.

Manchmal hinterlässt der Tod nicht nur Trauer, sondern auch Wut. Schließlich hat der Verstorbene seiner Ex-Frau eine Menge Schulden hinterlassen. Wie viele, darüber spricht man an diesem Abend nicht.   

Mittlerweile ist auch Gisela Schröder* wieder gegangen. Den Dosenöffner hat sie zwar nicht finden können. Aber immerhin ein paar Kleinigkeiten für den Alltag. Nun steht Brünning mitten im Raum, in den Ecken sitzen die zwei Herren, im kleinen Zimmer liegt Andreas* auf der Schlafcouch und lässt den kleinen Feuerlöscher von einer Hand in die andere gleiten. Keiner sagt etwas.

In der ganzen Wohnung herrscht nach wie vor Chaos. Alles, was übrigbleibt, müssen die Wohnungsauflöser entsorgen. Denn die Praxis muss wieder beziehbar sein. Elke Brünning schaut durch den Raum. „Der Tod bringt immer viel Arbeit mit sich.“

*[Namen von der Redaktion geändert]

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