Plötzlich obdachlos

Bei einem Brand haben zwei Waltershofener Familien alles verloren

Anja Bochtler

Seit dem Feuer ist alles anders. Julia Kelert, ihr Mann und ihre Zwillingstöchter leben notdürftig in einer Ferienwohnung. Wie es weiter geht, wissen sie nicht. Auch die Wohnung ihrer Vermieter in Freiburg-Waltershofen wurde zerstört.

"Das Leben geht weiter." Julia Kelert (33) sagt diesen Satz, aber leicht fällt er ihr nicht. Ihr Leben ist ein anderes geworden nach dem 5. September. Da haben sie, ihr Mann Denis und die Zwillingstöchter Paulina und Adelina (3) durch den Brand eines Fahrzeugs, der sich auf ein Reihenendhaus ausbreitete, ihr Zuhause verloren – mit fast allem, was in der Wohnung war. Auch die Wohnung der Vermieter der Kelerts, denen das Fahrzeug gehörte, wurde zerstört. Um alle mit dem Nötigsten zu versorgen, rollte eine Welle der Hilfsbereitschaft an.


Die Waltershofener haben der Familie viel gespendet

Die Kleidung von Julia Kelert, der Löwe und der Hund aus Plüsch, mit denen Paulina und Adelina spielen, die Buntstifte, mit denen sie malen: All das – und viel mehr – wurde gespendet. In Waltershofen sind viele aktiv geworden, nachdem ein Brand das Leben zweier Familien durcheinandergewirbelt hat. Gekümmert haben sich unter anderem die Ortsverwaltung, der Verein "Z’sämme – Bürgernetz Waltershofen", Nachbarn und Bürgerinnen und Bürger. Der Kindergarten der Zwillinge organisiert einen Kuchenverkauf, die Erlöse gehen an die Kelerts, die evangelische Kirchengemeinde hat ein Spendenkonto eingerichtet.

Auch die Vermittlung der Ferienwohnung beim Weingut Landsmann, in der die Kelerts derzeit untergekommen sind, lief über Kontakte. Julia Kelert ist dankbar für alles. Sie weiß, dass sie, ihr Mann und die Kinder noch viel Hilfe brauchen werden: Sie hatten keine Hausratversicherung und müssen nun voraussichtlich alles neu anschaffen. Zwar wurde beim Brand nicht alles vernichtet, doch der starke Rauch hat massive Spuren hinterlassen, und die Kelerts haben Angst, dass ihre Gesundheit – vor allem die der Zwillinge – durch einen Weitergebrauch gefährdet würde.

Es ist nicht leicht, das den Kindern zu erklären: Paulina und Adelina vermissen ihre Puppen Alina und Arina. Bisher hatten sie immer dieselben Sachen, ihre Eltern hatten alles doppelt gekauft – jetzt haben sie durch die Spenden verschiedene Kleider und Spielsachen und streiten sich, weil sie das nicht gewohnt sind.

"Ich weiß nicht, woher ich die Kraft für das alles nahm."Julia Kelert
Doch die materiellen Probleme sind, auch wenn sie an die Substanz gehen, nicht das Schlimmste. Die Zwillinge schlafen unruhig und haben viel mehr Angst als früher, sagt Julia Kelert. Sie erschrecken bei Lärm und spielen den Brand nach, um ihn zu verarbeiten. Sie haben miterlebt, wie ihre Mutter anfangs stundenlang weinte, sie sind verunsichert. Julia Kelert versucht, möglichst nicht allein zu sein: "Denn dann kommen immer diese Gedanken."

Ihr tut es gut, darüber zu reden, zu erzählen, wie es war an jenem 5. September, der so harmlos begann. Es war der zweite Kindergartentag für die Zwillinge, mittags kamen sie zu dritt nach Hause und nach dem Mittagessen legten sie sich hin. Denis Kelert war beim Arbeiten, er ist Ingenieur. Plötzlich wachte Julia Kelert auf, sah Rauch am Fenster. Erst als sie das Feuer bemerkte, wurde ihr klar, dass die Lage ernst war. Sie weckte die Mädchen, brachte sie zu Nachbarn, packte in Windeseile Kinderschuhe und -jacken und den Geldbeutel ihres Mannes in einen Rucksack und nahm die Brandschutzkassette mit, in der die Kelerts ihre wichtigsten Unterlagen verstaut hatten.

Als das Haus kein Dach mehr hatte, wurde ihr schlecht

Sie schaffte es sogar noch, wieder in die Wohnung zurückzukehren, Schlüssel zu holen und das Auto in Sicherheit zu bringen. "Ich weiß nicht mehr, woher ich die Kraft für das alles nahm", sagt sie. Es war qualvoll, zu warten, bis die Feuerwehr kam – es vergingen 15 oder 20 Minuten, schätzt sie. Sie ging mit den Kindern zu Nachbarn, verständigte ihren Mann.

"Da habe ich verstanden, dass man in 15 Minuten obdachlos werden kann." Julia Kelert
Das Löschen dauerte zwei oder drei Stunden, sagt sie. Als sie irgendwann sah, dass ihr Haus kein Dach mehr hatte, wurde ihr schlecht: "Da habe ich verstanden, dass man in 15 Minuten obdachlos werden kann." An jenem Abend flohen sie und die Zwillinge für einige Tage nach Stuttgart, wo ihr Vater mit seiner zweiten Familie lebt. Denis Kelert blieb wegen der Arbeit in Freiburg, er übernachtete bei einem Bekannten. Bis auf den Vater in Stuttgart haben sie keine Verwandten in der Nähe, die helfen könnten: Julia Kelerts Mutter und Denis Kelerts Eltern leben in Russland, woher das junge Paar 2008 nach Deutschland kam. Seit vier Jahren wohnt die Familie in Waltershofen. Die Eltern möchten wegen der Kita der Kinder dort eine Wohnung finden. Ob das klappt und wie es weitergeht, ist offen: Die Kelerts bereuen, dass sie keine Hausratsversicherung abgeschlossen haben – sie hoffen auf die Versicherungen der Vermieter, wissen aber nicht, wie die Chancen stehen und wie lange es dauert.
Wer Familie Kelert unterstützen will, kann sich unter: http://www.evangelische-kirchengemeinde-opfingen.de informieren.

Bis sie eine Wohnung finden, brauchen sie keine Sachspenden mehr, dafür sind die zwei Ferienwohnungszimmer zu eng. Geld aber hilft. Und die Hoffnung, dass sie wieder Vertrauen zum Leben gewinnen. "Meine Werte haben sich verändert", sagt Julia Kelert. Ihr sei nun klar, was zählt: "Schöne Erlebnisse, der Kontakt mit Menschen – nicht teure Dinge, die in wenigen Minuten verbrennen können."

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