Bei der Pilzberatung

David Weigend

Die 77-jährige Roswitha Baron aus Littenweiler ist Freiburgs Grande Dame der Mykologie. Vom Stinktäubling bis zum Pantherpilz kennt sie alle Pilze und ihr Wissen ist begehrt: immer montags kommen Sammler in ihre Sprechstunde, um Funde bestimmen zu lassen. Auch wir waren zu Gast.



Giftige Pilze

In der Nacht von Sonntag auf Montag klingelte bei Roswitha Baron das Telefon. Der Anrufer war ein Arzt der Uniklinik, es ging um einen Vergiftungsfall. Zwei Kinder hatten mit ihrem Vater im Wald Pilze gefunden. Ohne sicher zu sein, welche Pilze das waren, briet sie der Vater und servierte sie zum Abendessen. 45 Minuten später bekamen die Kinder starken Brechreiz und Durchfall. Der Notarzt brachte sie in die Kinderklinik. Frau Baron vermutet nach dem ersten Augenschein des Stiels, dass sie einen Knollenblätterpilz gegessen haben könnten.

„Der Leichtsinn der Leute ist groß“, sagt Frau Baron. Sie warnt davor, Pilze mitzunehmen, die man nicht exakt bestimmen kann. Es gäbe keinen einfachen Test, bei dem der Laie die Genießbarkeit eines Pilzes feststellen könne. „Genau im Pilzbuch alle Merkmale vergleichen, das ist die einzige Methode“, so Frau Baron. Zu ihr könne man natürlich auch kommen.



Die Pilzfrau

Roswitha Baron (77) ist Pilzexpertin. Schon als Kind wurde sie von ihrem Vater Fritz Müller in die Mykologie eingeführt. Die Bürger von Gengenbach brachten ihr Pilze zur Bestimmung, da war sie erst zwölf Jahre alt. „Das war kurz nach dem Krieg, die Menschen hatten Hunger“, sagt Baron. Auch für die französischen Offiziere bestimmte sie mit einem Dolmetscher Pilze und bekam dafür stets eine Tafel Schokolade. 1954 machte sie die Pilzberaterprüfung. Sie wurde Grund- und Hauptschullehrerin in Littenweiler und bekam vier Töchter.

Nun sitzt sie im Foyer des Freiburger Naturmuseums in der Gerberau und wartet auf Menschen, die ihre Pilze bestimmen lassen wollen. Drei Euro kostet eine Beratung. Neben Baron sitzt Herr Doktor Igel. Er wird sich in den nächsten zwei Stunden Namen und Anschriften der Pilzsammler notieren, manchmal auch ihre Pilze und den Fundort. „Es könnte ja einer kommen und sagen: ,Ich war in der Pilzberatung und jetzt habe ich daheim die vergiftete Schwiegermutter liegen’“, sagt Frau Baron.



Herr Pfändler

Zuerst wird Ottmar Pfändler aus Kirchzarten bei ihr vorstellig. Er nimmt Platz, einen Pilz aus einer Tupperbox und legt ihn auf die Arbeitsfläche des Tischs, an dem Frau Baron sitzt. Diese ermahnt den Pilzsucher: „Die Stielbasis ist wichtig, nicht wegschneiden! Schauen Sie, das ist eventuell ein Safranschirmling, aber sicher kann ich das nicht sagen. Also weg damit.“ Diese Abschneiderei sei ein Quatsch, den lese sie immer in den Illustrierten beim Friseur. „Allein im Freiburger Raum haben wir drei Giftchampignons. Den Karbolgeruch kann man nicht immer eindeutig wahrnehmen, aber an der Stielbasis kann man sie erkennen.“

Herr Pfändler nickt und legt seinen zweiten Fund vor: „Ist das ein Steinpilz?“, fragt er in gespannter Erwartung. Frau Baron macht den Drucktest. Der Pilz läuft blau an. „Nein“, sagt sie. Es handele sich um einen Schönfußröhrling. „Der ist bitter und leicht giftig. Den machen sie in eine Pfanne Steinpilze, die können Sie dann komplett wegschütten.“ Herr Pfändler guckt enttäuscht. Aber er hat noch mehr in der Hinterhand. Maronen, die von Baron als genießbar eingestuft werden, genauso wie zwei Handvoll tadellose Steinpilze. Herr Igel protokolliert. Dann bezahlt Pfändler die drei Euro Beratungsgebühr.



Die Hagedorns*

Nun steht ein Paar vor der Pilzexpertin mit der Bitte um Rat. Langsam fühlt man sich wie in der leicht angestaubten Sendung „Kunst und Krempel“ vom Bayerischen Rundfunk, bloß, dass keine Antiquitäten vom Dachboden vorgelegt werden, sondern eben Pilze. „Wunderschöne Steinpilze“, wie Frau Baron bestätigt. Fragt man Frau Hagedorn, wo sie die denn gefunden habe, bekommt man ein schnippisches „Zwischen Merzhausen und Staufen“ zur Antwort, eine reichlich schwammige Ortsangabe, die verrät, dass die Pilzjäger ihr fruchtbares Revier nur ungern preisgeben.

Als nächstes legt Frau Hagedorn einen Rotfußröhrling vor, an sich ein ordentlicher Pilz. „Die Röhren mache ich immer weg, da sind meist Maden drin“, sagt Frau Baron. „Ach, die Tierchen machen mir eigentlich nichts“, sagt Frau Hagedorn. „Wenn die auf der Sauce schwimmen, ist das aber nicht so toll“, sagt Frau Baron.

Dann werden ihre Augen hinter der Brille ganz groß. „Oh, was haben wir denn da?“ Jesses, ein Pantherpilz! „Ach du Schreck!“, ruft Frau Hagedorn. „Ein ordentlicher Giftpilz“, triumphiert Frau Baron. „Sehen Sie die weißen, konzentrischen Hüllreste? Bei einem essbaren grauen Wulstling wären sie grau.“ Es gebe aber auch noch andere, wichtige Unterscheidungsmerkmale. Das Ehepaar Hagedorn nickt interessiert.

Herr Hagedorn holt noch einige Pilze aus seinen Jutetaschen: einen Frauentäubling (Sprödblättler), einen dickblättrigen Schwarztäubling („Im Krieg haben die Leute das gegessen, aber eine Delikatesse ist das nicht“, Baron) sowie Stinktäublinge. Die Mykologin ermuntert ihre Kunden, die Fundstücke mit der Lupe zu betrachten, erwähnt Besonderheiten und gibt Hinweise zur Zubereitung. Die Hagedorns strahlen, die Pilze hoffentlich nicht.



Drögeler

Natürlich kennt Frau Baron auch die halluzinogenen Pilze sowie das Klientel, das mit denselben zu ihr in die Sprechstunde kommt. Blöd hätten sich die Burschen gestellt. „Denen habe ich gesagt, ich beschäftige mich nur mit Speise- und Giftpilzen“, so Baron. Vor einigen Jahren wären die psychoaktiven Pilze auf einer Viehweide am Schönberg gewachsen. Aber die Polizei bekam Wind davon. „Auch Fliegenpilze werden bei uns von den Drögelern gesammelt“, sagt Baron. Wenn sie in ein Waldstück kommt und sieht, dass die Fliegenpilze säuberlich geerntet wurden, weiß sie, was Sache ist.

Ein Kollege, der Pilzexperte Heinrich Brunnhuber*, habe mit den Dingern Selbstversuche gemacht. Er sei unterm Tisch aufgewacht, nachdem er in Tiefschlaf gefallen war. Erinnern konnte er sich an nichts mehr. Brunnhuber hatte sich nur selbst schreien gehört: „Scheißpilz!“ Diese Halluzinationen, die man bekäme, die seien ganz schlimm.



Pilziges Interesse

Auf Steinpilze und Pfifferlinge gibt Baron keinen Pfifferling, die sollen die anderen holen oder gleich kaufen. Es ist die Artenvielfalt, die sie interessiert, die Fragen: „Was kommt in welchem Jahr? Auf welchem Boden, in welcher Umgebung?“ In ihrem Korb landen meist nur die edelsten und knackigsten Exemplare bestimmter Arten, den Rest lässt sie stehen. Dieses Jahr sollten Sammler Ausschau halten nach Zigeunern (Reifpilzen) und Sommersteinpilzen. „Auch Fichtenreizker gibt es heuer erstaunlich viele im Schwarzwald.“

Als lohnenswertes Suchgebiet nennt sie die Gegend zwischen Schwarzwald und Baar, zum Beispiel rund um Friedenweiler. Und die Zubereitung? Frau Baron macht die Pilze meist so, wie ihr Mann sie gern hat: „Mit einem schönen Rahmsößle und nem Schuss Wein dran.“



Was: Pilzsprechstunde mit Roswitha Baron, Sachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie
Wann: während der Pilzsaison, witterungsbedingt bis Anfang November, immer montags von 15-17 Uhr
Wo: Foyer im Naturmuseum Freiburg, Gerberau 32
Preis: 3 Euro pro Beratung

[*Name von der Redaktion geändert]

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