Bei der Lesewanderung "Sätzlinge" lesen unbekannte Autoren ihre Texte

Michelle Hechenbichler

Jungpflanzen bezeichnet man in der Landwirtschaft als Setzlinge. Und junge Autoren als "Sätzlinge" – zumindest im Umfeld des Literaturhaus Freiburg. Am Sonntag fand die zwölfte Ausgabe der Literaturwanderung in der Freiburger Innenstadt statt.

Bei der Lesewanderung lesen die Sätzlinge, also Freiburger Autoren, deren literarische Schaffensphase noch ganz am Anfang steht, ihre frischen und völlig unbekannten Texte vor. Und zwar an ganz besonderen Orten, zu denen das Publikum erst hinwandern muss.


Anstatt wie üblich in eher wilderen Stadtteilen unterwegs zu sein, verlief die Lesewanderung am Sonntag in der ruhigen Innenstadt. Nachdem Singer-Songwriter Sebastian Polmans mit sanfter Stimme und zarten Gitarrentönen die Veranstaltung angestimmt hatte, wurden die etwa 50 Teilnehmer in drei Gruppen eingeteilt und marschierten los.

1. Station: Fabian Blaznik in der Schlossberggarage

Das Parkhaus ist stickig. Fabian, der erste Sätzling, steht vor einer Steinmauer – dem Rest der ursprünglichen Stadtmauer. Der 20-Jährige hat zwei Kurzgeschichten vorbereitet. Die erste heißt "Der Knoten" und beschreibt metaphorisch das erste Verliebtsein als "Bindfäden, die fest und sicher geschützt in [den] Händen" liegen und dann zu einem Wollknäuel voller Knoten wird.

Fabians zweite Kurzgeschichte heitß "Das Ungesagte" und beginnt mit "die Nacht war stickig" und von da an ist klar, weshalb das Parkhaus als Lesebühne ausgesucht wurde. Als Zuhörer war man in dieser Kurzgeschichte Beobachter einer ungesunden zwischenmenschlichen Beziehung. Während der Mann unter dem Vorwand der Liebe mit Gewalt auf das Schweigen seiner Frau reagiert, schafft diese es nicht, sich der Wahrheit zu stellen, dass sie ihn womöglich nicht mehr liebt, und geht stattdessen lieber weiterhin ihrer Gewohnheit nach zu schweigen.

2. Station: Christine Lauer in der Wäscherei Himmelsbach

In der Wäscherei Himmelsbach: Räume voller sauberer Hochzeitskleider und Teppiche. In einem gemütlichen Raum sitzt bereits die 22-jährige Christine. "Der Mitarbeiterraum", sagt Herr Himmelsbach. Er hat am Sonntag seine Türen geöffnet, um Christines Geschichte in seinem historischen Haus das passende Ambiente zu verleihen. Ihre Kurzgeschichte "Den Worten ein Abschied" handelt nämlich vom Krieg.

Obwohl der Inhalt außerordentlich brutal ist, findet sich viel Poesie in den Worten, die sie wählt: "Das Donnern der Büchsen überdeckt das Surren der heimtückischen Biester, die einem den Körper mit derartiger Kraft zersprengen, dass die Knochensplitter meterweit streuen." Der Hauptcharakter, ein Soldat, versucht im Kampf gegen die Franzosen noch einen Kameraden zu retten, was nicht gelingt.

Dann machte die Geschichte einen Sprung. Man befindet sich im Jahr 2017, also 100 Jahre später. Ein Geschwisterpaar macht sich auf in den Wald, um dort mit einem Metalldetektor nach versteckten Überresten zu suchen. Dabei finden sie den Brief und der Zuhörer erfährt, dass der Soldat seiner Familie geschrieben hat, dass er "übermorgen abgelöst" werden würde.

3. Station: Simone R. Ott im Wagen 56

Nächster Stopp ist die Haltestelle Holzmarkt. Ist der nächste Raum etwa die Tanzschule Gutmann? Nein, viel besser. Ein kleiner, alter Straßenbahnwagen kommt zum Stehen. Ein Schaffner Herr Burgenmeister von den historischen Straßenbahnfreunden erklärt, dass der Wagen 56 der jüngste unter den Oldtimer-Straßenbahnen ist. In dieser zauberhaften, holzverkleideten Bahn wird der dritte und letzte Text vorgetragen.

Die 47-jährige Simone, eigentlich Schauspielerin, hat ein Märchen geschrieben. Dieses enthält zwar klassische Märchenelemente, wie Prinzessin Rosa, die einen Prinzen sucht. Tatsächlich spielt es aber auch mit modernen Themen wie dem Schönheitsideal, das die pummelige Prinzessin nicht erfüllen kann. Oder der Zwangsheirat, der sie ausgeliefert ist, weil ihr königlicher Vater kein Geld mehr hat.
Wer selber Lust hat, seine Texte aus der Schublade rauszukramen und vorzutragen, kann sich ab jetzt bei den Sätzlingen anmelden. Die nächste Lesewanderung findet am 18. Mai 2018 in Herdern statt.

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