Bei der Hezbollah in Beirut (3)

David Lohmüller

Die zwei Freiburger Reisenden unterwegs im Libanon. Gegensätzlicher könnten die Eindrücke der beiden nicht sein: Ein Reisebericht zwischen Trümmern, Eleganz und Sicherheitskontrollen.



Auf dem Weg nach Beirut

Die 80 Kilometer von der Grenze bis nach Beirut waren ein Wechselbad der Gefühle. Freude kam auf bei dem herrlichen Blick auf das Sonnenuntergang-errötete Mittelmeer und auf die plötzlich ergrünte Landschaft. Bedrückung dagegen kam auf beim Passieren der unzähligen Militärcheckpoints, Panzer und Stützpunkte - allesamt in Gefechtsposition.

Ganz besonders beklemmend aber war die Fahrt vorbei an Nahr al-Bared, einer Stadt im Norden Libanons. Diese wurde unlängst von libanesischen Truppen dem Erdboden gleich gemacht, weil sich dort eine hartnäckige Gruppierung verschanzt hatte. Das gesamte Gebiet war großräumig umringt und hermetisch abgeriegelt von Militär. Ein Anblick, der einem erst so richtig und ganz unmittelbar bewusst macht, wie furchtbar eigentlich Krieg ist.

Vielleicht ist auch gerade dieses augenöffnende Erlebnis, solche Szenen vor Ort zu sehen, der Grund, warum wir hier hergekommen sind. Damit ist gemeint, dass wir uns hier vor Ort ein viel differenzierteres Bild von der Lage der Menschen hier machen, und von dem, was sie durchgemacht haben.

Ein Vorteil gegenüber allen Daheimgebliebenen, die sich auf ein Weltbild verlassen müssen, welches die vorgefilterten und in Häppchen servierten Fernsehnachrichten liefern, die sich wiederum oft verlieren inmitten der vielen anderen weltweiten Hiobsbotschaften.

Eines steht jedenfalls fest: so viel wir hier in der kurzen Zeit bereits über die Hintergründe und die ganze Geschichte dieser Krisenregion erfahren haben, eröffnet eine ganz neue Sicht auf diese Region unserer Erde.



Der erste Eindruck von Beirut ist ähnlich wie die Fahrt in diese wundervolle Stadt. An jeder Ecke steht Militär und kontrolliert Autos und Passanten. Straßensperren, Panzer und bewaffnete Soldaten prägen das Stadtbild. Vor allem aber auch die vielen zerbombten Häuser und Brücken. Es bleibt einem wirklich jedes Mal kurz der Atem stecken, wenn man einen dieser Schauplätze des Krieges sieht.

Und nun kommt das große ABER: die Stadt ist großartig. Ein unglaublich tolles Flair herrscht hier. Viele junge Menschen, offenherzig und alles andere als begegnungsscheu. Ins Auge sticht, dass Downtown Beirut einer europäischen Metropole in Modernität in nichts nachsteht. Nur schicke Menschen, in den besten Klamotten gekleidet mit den teuersten Autos unterwegs, präsentieren sich entlang der Strandpromenade.

Der einst völlig zerbombte Stadtkern wurde vollends wieder aufgebaut und gleicht mehr Disneyland als einer Innenstadt. Das Gemisch an Völkern und Religionen gibt der Stadt eine sehr lebendige und bunte Atmosphäre, die ich so noch nirgends gesehen habe. Wir genießen jede Minute hier.

Auch die Gastfreundschaft ist wie überall im Nahen Osten omnipräsent. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir von einer jungen Reporterin angesprochen, ob wir ein Interview für sie geben könnten. Sie wolle einen Artikel schreiben über Backpacker in Beirut und wir seien so ziemlich die Einzigen, die sie finden konnte. So saßen wir genau vor der Hauptmoschee und zugleich dem militärbewachten Regierungsgebäude und führten rege Gespräche und erhellende Diskussionen. Kurze Zeit später gesellten sich noch ein paar friedliche Hezbollah Demonstranten dazu, die nebenan auf einem Platz ihr Zeltlager errichtet hatten und servierten uns Kaffee. Eine herrliche Situation war das.

Das Herrlichste war aber, dass wir unsere Übernachtung schon sicher hatten. Denn, man soll es kaum glauben und der Zufall wollte es, dass sich genau in unserer Reisezeit Miriam in Beirut aufhält. Miriam ist eine Freundin, die ich bei meiner "vorletztjährigen" Weltreise im Iran besucht hatte.



Und so kam es, dass ich in Syrien eine Nachricht in meinem Mailaccount vorfand, die sinngemäß lautete wie folgt: "David, wenn ihr zufällig auf euerer Reise gedenkt auch in den Libanon zu reisen, dann kommt auf jeden Fall hier im schönen Beirut vorbei um alte Gepflogenheiten aufleben zu lassen." Gesagt, getan.

Ein herzliches Wiedersehen war es und wir können gar nicht dankbar genug sein, dass wir bei Miriams Freundin Sonja so herzlich aufgenommen wurden und seither eine billige und sehr unterhaltsame Bleibe haben.

Gesichter Beiruts

Nach einer relativ kurzen Nacht hieß es aufstehen und packen, denn unser Plan war es, morgens mit Amale, die Reporterin von unserem ersten Tag in Beirut, die zerbombten Hezbollah-Gebiete im Süden Beiruts anzuschauen und mittags die Stadt in Richtung Damaskus zu verlassen. Aber wie das mit den Plänen so ist - sie werden oft nicht eingehalten und so sollte es auch heute kommen.

Aber erst einmal ging es Richtung Südbeirut, wo wir uns mit Amale treffen wollten. Da sie Mühe hatte, die Heiratsanträge ihres liebestollen, 65-jährigen Taxifahrers abzuwimmeln, verzögerte sich alles ein wenig. Trotzdem fanden wir uns kurze Zeit später mitten im Stadtteil der Hezbollah wieder - oder das, was davon noch übrig ist. Hier bot sich uns wirklich ein furchtbarers Bild Beiruts.

Unmengen zerbombter Häuser und Schutt anstatt glänzender Fassaden und schicker Geschäfte, wie sie in der Innenstadt zu sehen sind. Laut Amale wurde schon viel Schutt beseitigt, so dass wir an einigen leeren und staubigen Plätzen inmitten grauer Häuserblocks vorbeikamen. Schockierend war, dass in den zerstörten Blocks, die noch mehr oder weniger standen, wieder Menschen lebten. So wurden zum Beispiel aus 3-Zimmer- kurzerhand 2-Zimmerwohnungen, da eine Hauswand komplett fehlte – ohne jegliches Geländer oder Sicherung versteht sich, manchmal abgedeckt mit einem einfachen Teppich.

Unsere Anwesenheit blieb auch nicht lange unbemerkt. Beobachtet von erstaunlich gut organisierten Sicherheistmännern (keine Polizei oder Militär sondern Hezbollah-Leute) dauerte es nicht lange, bis wir angehalten und kontrolliert wurden.

Nachdem sich ein barscher Sicherheitsmann davon überzeugt hatte, dass unsere Pässe o.k. sind und wir weder andere Staatsbürgerschaften als die deutsche haben, noch jemals im "besetzten Palästina" waren, wurde der Ton etwas freundlicher und er entließ uns in Gnade. Allerdings nicht ohne Amale vorher vor David zu warnen, der möglicherweise ein Al-Quaida-Kämpfer sei, da er ja in so vielen Ländern war, in denen die Al Quaida Trainingscamps unterhält (Vielleicht lag es aber auch an seinem langen Bart oder dem perfekten Arabisch?).

Man spürt, wie die Leute hier in einer permanenten Angst und Ungewissheit leben und es fällt einem, der nie das Grauen eines Krieges miterleben musste, schwer, sich vorzustellen, wie es ist, dort zu leben. Aber zumindest bekamen wir einen kleinen Eindruck des anderen Gesichts Beiruts. Hinter uns lag also ein wirklich beeindruckender Morgen.

Mittlerweile war es so spät, dass wir uns entschieden, unseren vorher angesprochenen Plan zu ändern und statt nach Damaskus zu fahren einen Road Trip nach Baalbeck zu starten. Zusammen mit Amale und zwei amerikanischen Dudes, John und Ryan, mieteten wir ein Auto. Nachdem Amale sämtliche Cousins und Freunde, die mehr oder minder in der Nähe von Baalbeck wohnen, angerufen hatte, um einen Platz zum Campen zu organisieren, ging es los.

In Baalbeck angekommen, machten wir uns voller Tatendrang auf, die 3000 Jahre alten römischen Ruinen zu erkunden, nicht wissend, dass der Zugang pünktlich um 17 Uhr geschlossen wird. Etwas enttäuscht umrundeten wir das Gelände auf der Suche nach einem "semi-legalen Weg" über die Mauern. Aber die Römer haben ihr Handwerk wohl verstanden, denn selbst mit der Hilfe eines einheimischen "Wachmannes" gelang es uns nicht, über die Mauern zu klettern. Trotz allem bekam wir einen relativ guten Eindruck der riesigen Dimensionen.

Unsere nächsten erklärten Ziele waren: Etwas zu essen und einen Platz zum Campen zu finden, denn aus diversen Gründen konnten wir keinen der Plätze von Amales' Bekannten nutzen. Im eine Stunde entfernten Zahle aber hofften wir beides zu finden. Dank eines hervorragenden Sandwiches folgten wir frisch gestärkt dem brillianten Tipp einer Hotelbesitzerin, unser Nachtlager oben am Berg unter der Riesenstatue der Jungfrau Maria zu versuchen, denn dort würden hin und wieder auch Pfadfinder campen.

Gesagt getan. Das freundliche Sicherheitspersonal der dazugehörigen Kirche bot uns einen Schlafplatz auf einer Riesenterrasse zu Füßen der Statue an. Ihrer Meinung nach sollte Amale aber auf jeden Fall in der Kirche schlafen, anstatt mit vier unverheirateten Maenern zu campen.

Sie zog schließlich das Auto vor und so verbrachten wir Jungs die Nacht hoch über den Daechern Zahles auf einem etwas harten Lager, schlafend unter der "Virgin Mary".

Mehr dazu: