Bautzener Melancholie

David Weigend

Silbermond spielen am Mittwoch in Basel. Vor dem Auftritt demonstriert die Band Bodenständigkeit. Bei fudder labern die Ostsachsen frei Schnauze drauflos. Zur Sprache kommen traurige Gefühle, Teelichter und der Druck, den überraschenden Verkaufszahlen des Debüts gerecht zu werden.

Das undurchsichtigste Mitglied der Bautzener Popgruppe Silbermond ist Johannes Stolle. Stumm wie der Mond sitzt er im Drehsessel einer Münchner Hotelbar und beobachtet, wie seine drei Bandkollegen aus Anlass ihres Tourneestops in der Basler Kaserne kommenden Mittwoch Fragen beantworten. Der 24-jährige Bassist trägt ein schwarzes Shirt, auf dem ein Wohnmobil abgebildet ist. Darüber die Aufschrift: „Travel around the World“. Es soll die einzige Botschaft bleiben, die der Gesprächspartner an diesem Vormittag sendet. Das Reden überlässt Johannes den anderen, seinem Bruder Thomas (Gitarre) und der Sängerin Stefanie Kloß. Die wirkt in natura noch mal eine Klasse hübscher als im Bravo-Starschnitt. Auf der Homepage charakterisiert sich die 22-jährige mit dem Satz: „Ich rede, bevor ich denke.“


Dass diese Selbsteinschätzung stimmen könnte, zeigt sich beim Abhören des Interview-Tonbands: „Letztendlich muss man sich wirklich mal sagen, es gibt wirklich, auch wenn es so’n Klischeespruch is, es gibt echt so viele Leute, denen geht’s echt beschissen, verdammt. Und wir regen uns auf, wenn man für nen halben Tag der Strom ausfällt. Hallo? Also, deswegen, wir sind halt einfach so. Also, weiß nich, vielleicht isses, weil wir aus Bautzen kommen. Wir sind halt, wir hatten ne super Zeit, wir sind in Kneipen rumgetourt, haben mit Teelichtern gespielt, als wir 15, 16 waren.

Unsere Eltern haben uns von den Gigs abgeholt, weil wir noch keinen Führerschein hatten und haben uns die Nacht durch die Gegend gefahren. So, und dann ist es für ne Band natürlich supercool, jetzt auf großen Bühnen zu spielen, gerade das zweite Album fertig zu haben und deswegen sind wir durchaus zufrieden.“ Das ist Stefanie, ungeschnitten. Mit funkelnder Gürtelschnalle und asymmetrischem Scheitel beantwortet die Sängerin prophylaktisch alle Fragen, die einem eventuell einfallen könnten. Gerne flicht sie dabei ein kumpelhaft-berlinerndes „Weißte?“ ein und erwähnt, dass sie sich mit dem Medienvertreter lieber in einer Kneipe getroffen hätte als in einer Hotelbar. Das kommt bodenständig rüber. Und diese Bodenständigkeit wirkt lässig angesichts des unerklärlichen Erfolgs von Silbermond. 1998 formierten sich die vier Schüler unter dem Namen Jast und coverten Songs von Alanis Morissette, bevor sie anfingen, deutsche Texte zu schreiben. 2004 veröffentlichten sie bei einem Majorlabel das Debüt „Verschwende deine Zeit“. Zur rechten Zeit.

Das Album hielt sich eineinhalb Jahre ohne Unterbrechung in der Hitparade, wurde in Deutschland bis dato mehr als 500 000 mal gekauft, bekam Doppelplatin, den Echo für den besten Neukommer, einen Cometen und andere Auszeichnungen. Eine gefeierte Tournee, Rock am Ring, Live Aid vor 150 000 Zuschauern. Stefanie, Thomas, Andreas und Johannes sind zu Identifikationsfiguren ihrer Generation geworden. Stars zum Anfassen. Ihre Lieder stiften Beziehungen, ihre Anwesenheit wird von den Fans selbst in privatesten Situationen verlangt. Neulich meldete sich einer mit dem dringenden Wunsch, die Silmos möchten doch bei seiner Freundin im Krankenhaus anrufen. „Die wollte sich das Leben nehmen, und ihr habt doch so nen Rieseneinfluss auf sie, bitte, bitte!“, zitiert Stefanie den Anhänger. Diese Art der Einflussnahme ging ihr dann aber doch zu weit.


Silbermond machen weniger auf Understatement als Wir sind Helden, spenden dafür aber mehr Geborgenheit. Auch wenn Krittler finden, dass die Silmo-Texte aus der „Lyrik-AG des örtlichen Gymnasiums“ stammen könnten. Die Songs schwanken zwischen bravem Teenrock und emotionalen Muntermachern. Geniestreiche sind auch dabei. Auf dem Debüt etwa „Durch die Nacht“, ein Song, der selbst Vierschröter anrührt. Das Zweitwerk „Laut gedacht“, am 5. Oktober platiniert, enthält ebenfalls so eine Bombe, die wie in Zeitlupe und relativ zart in den Ohrmuscheln explodiert. Sie heißt „Unendlich“ und tickt Pink Floyd-mäßige sechs Minuten lang, bevor sie hochgeht. Auffällig ist, wie melancholisch sie klingt. Das verwundert, wenn man die Erfolgswelle bedenkt, auf der die Bautzener gerade surfen. Andreas, der Schlagzeuger mit den Korkenzieherlocken und der brummelig-verschlafenen Aura, widerspricht höflich: „Wir fühlen uns jetzt nicht ganz oben. Wir sind ganz normale Typen, manchmal melancholisch wie jeder andere auch. Melancholie ist ja eine inspirierende Kraft.“ Thomas, der 22-jährige Gitarrenschlaks, kann sie etwas genauer erklären, diese Gefühle, die sich manchmal in sein Rockstarleben schleichen: „Ich stehe auf der Bühne, sehe diese vielen Menschen, die mitsingen und alles machen. Ich gehe runter nach der letzten Zugabe und bin wie auf Droge. Voll Adrenalin. Und kurz danach mischt sich ein trauriges Gefühl dazu. Weil ich dieses Szenario verlassen muss. Was passiert, wenn all das mal vorbei ist?“


Vielleicht fußt diese Silbermond-Vernunft auf der Skepsis darüber, wie lange der Erfolg noch anhält. Thomas hat diese Belastung gespürt, die sich aus den überraschenden Erfolgszahlen ergab. Der Druck war anfangs da, als er mit den anderen ins Studio ging, um „Laut gedacht“ aufzunehmen. Aber dann kam er zu dem Schluss, dieses Nachdenken über Druck und Erfolg, das bringt doch alles nichts. Ein Text der aktuellen CD suggeriert, dass sich Silbermond für die Flucht nach vorn entschieden haben: „Wir haben viel zu viel gesehen, um noch mal umzudrehen.“ Bleibt zu hoffen, dass Bautzens Beste den Erfolgskurs nicht im Autopiloten runterreißen. Manch einer bescheinigte ihnen bei den Gigs der laufenden Tour einen Extralöffel Routine und beobachtete gespielt spontane, in Wahrheit jedoch einstudierte „Wunschnummern“. In Basel müssen die ganz normalen Typen beweisen, dass sie Künstler sind. Und vielleicht einfach mal in die Arme der Zuschauer springen.


Was: Silbermond, Support: The Air Collective
Wann: Mittwoch, 25. Oktober, 2