Bauer für einen Tag

Philipp Aubreville

Neben dem ProSieben-Trashformat "Gülcan und Collien ziehen aufs Land" gibt es ein weiteres deutsches Pendant zur US-Serie "The simple life" mit Paris Hilton: Die Aktion "24 Stunden Landwirt" der "Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft" (FNL), bei der Jugendliche "hautnah" den Alltag eines Landwirtes erleben können. Auch fudder-Autor Philip Aubreville zog sich die Gummistiefel an. Und war einen Tag lang Bauer.

Es ist zwanzig vor sechs und vielleicht kräht irgendwo ein Hahn auf einem Misthaufen. Mir ist das egal, denn ich schlafe noch tief und fest in meinem Freiburger Bett.

Ein paar Kilometer weiter, im Luftkurort Kirchzarten, beginnt für den Biolandwirt Rainer Bank hingegen genau jetzt der Arbeitstag. 1995 übernahm der 42-jährige den Thaddäushof seiner Eltern, der einige Jahre zuvor auf biologischen Landbau umgestellt worden war, und kümmert sich seitdem unter anderem um ca. 60 Hektar Land und 38 Milchkühe sowie deren Nachwuchs.

Gegen halb zehn erreiche ich den Thaddäushof. Statt Rainer empfängt mich zunächst Tanja, eine Pressereferentin der FNL, die meinen agrarökonomischen Erlebnisaufenthalt begleiten möchte und dafür am Vortag extra aus Düsseldorf angereist ist.

Wir unterhalten uns dann auch über den schonenden Umgang mit Ressourcen, den Unterschied zwischen „nachhaltig“ und „ökologisch“ oder artgerechte Tierhaltung – im Gegensatz zu ihren vietnamesischen Namensvettern scheint die FNL in Deutschland eher theoretisch tätig zu sein.



Eher praktisch geht es erst zu, als wenig später Rainer Bank zu uns stößt. Ich tausche meine Schuhe gegen Gummistiefel, streife mir ein Regencape über und stehe kurz darauf auf dem Pfeiferberg in der Peripherie Kirchzartens. „Tautologie“ wäre vielleicht das Wort, das dem einen oder anderen dabei durch den Kopf geht – meine sprachwissenschaftlichen Gedankengänge beschränken sich eher auf die Frage, ob der Begriff „abkoppeln“ seine Ursprünge in der Landwirtschaft hat.

„Abkoppeln“ ist nämlich ein Aspekt meiner ersten Aufgabe: Wiesen, welche auch Koppeln genannt werden, zu umzäunen. Da sich ein drittes Abmähen der Weide nach dem Heuen im Sommer nicht mehr lohnen würde, überlässt man das, was noch wächst, den Jungrindern.



Der nun folgende Beitrag zur Fluchtverhinderung ebendieser ist nicht unbedingt typisch – da das regnerische Wetter allerdings keine weiterführenden Aktivitäten auf einem Acker zulässt und es tatsächlich „langweilig wäre, wenn du beim Putzen der Landmaschinen zuschaust“, machen wir diesen Job, der „sowieso irgendwann mal gemacht werden muss." So rammt Rainer Holzpflöcke in den Boden, während ich dazwischen Metallpfähle aufstellen soll, was mir zunächst nur mit der Geradlinigkeit eines Kurt Beck gelingt.

Einige Korrekturen, noch mehr Pfähle sowie eine Regenpause im außerschulischen Sinn später ist die erste Weide von Pfählen umkreist. Nun wird der Draht gespannt – wenig später steht mein ganz persönlicher Lieblingszaun komplett. Tanja kann diesem monumentalen Moment nicht mehr beiwohnen – sie ist schon vorher zurück nach Düsseldorf gefahren. Auch wir fahren wieder Richtung Hof – es gibt Mittagessen.

Der Thaddäushof hat zwar das Bioland-Siegel, weshalb man sich mit der Bezeichnung „Biobauer“ für Rainer Bank nicht zu weit aus dem Fenster lehnt. Doch jegliche Angst vor allzu großer ökologischer Korrektheit in anderen Lebensbereichen erweist sich als unbegründet – am Mittagstisch, an dem schon Rainers Vater wartet, gibt es statt der befürchteten Sojakeimlinge im Tofumantel anständige Hausmannskost.



Nach einem kleinen Rundgang im Hofladen, wo neben selbst produzierten Erzeugnissen auch Zugekauftes angeboten wird, fahren wir gestärkt und um ein Klischee ärmer zurück zur Koppel – zwei weitere Flächen müssen noch eingezäunt werden.

Erneut werden wir dabei vom Regen unterbrochen und stellen uns bei einem anliegenden Hof unter. Rainer und der „gastgebende“ Bauer verfallen sogleich in einen Disput über landwirtschaftliche Fahrzeuge. Dieser Debatte kann ich kaum folgen – beim Wettbewerb ums schönste Alemannisch wäre für beide ein Platz auf dem Siegertreppchen reserviert.



Dies gilt auch für die Frau des Gastgebers, die ich ebenfalls leider kaum verstehe, was ich nur sehr ungern zugeben möchte. Dies führt mich in eine komplizierte Situation: Jeden dritten Wortwechsel begehe ich mit altbewährten Phrasen wie „Ja, schon...“, „Na ja...“ oder „Stimmt, nein...“ – immer nach der für mich gerade noch erkennbaren Grundtendenz.

Nur gelegentlich entfliehe ich der babylonischen Sprachverwirrung, erkläre ihr, dass „Landwirt nichts für mich“ ist und verstehe, dass das vielen so geht – und die Ausnahmen „interessieren sich nur für die Pferde.“ Kaum machen wir uns wieder an die Arbeit, zwingt uns der Regen zum Abbruch, ehe wir die dritte Weide komplett eingezäunt haben. Die Fahrt auf dem Traktor, zuvor durch das cabrio-artige (wenn auch langsamer und wesentlich unbequemer) bestechend, wird nun zum Fiasko: Innerhalb von Minuten ist der T-Wet-Shirt-Contest abgeschlossen.



Eingehüllt in glücklicherweise mitgebrachter Ersatzkleidung geht es nun auf dem Hof weiter: Es ist halb fünf – Zeit für die abendliche Stallarbeit. Die Kühe, die Rainer allesamt mit Namen kennt und zuordnen kann, werden in den Stall geholt. Zunächst wirkt das Ganze wie eine Slow-Motion-Stampede, ehe die letzten Kühe hinterher getrottet kommen.

Einige suchen Blickkontakt und erinnern mich an eine Simpsons-Folge, in der Troy McClure darauf hinweist, dass Kühe auch Menschen essen würden, wenn sie es nur könnten. Nun werden sie aber erst mal gemolken. Nach dem manuellen „Antesten“ der Euter werden – soweit die Milch in Ordnung ist – die Melkbecher angesetzt. Ich laufe zwischen den gemolkenen Kühen im Stall und der Milchkammer nebenan hin und her. Zwischendurch schaue ich Rainers Vater beim Füttern der Kälber zu. Nachdem die nun gemolkenen Kühe zurück auf die Weide getrieben wurden, wohne ich dem Ausmisten des Stalls glücklicherweise nur als Zuschauer bei.



Ohne ins Detail zu gehen – Kühe sind derart unhygienische Tiere, dass die Bezeichnung „Saustall“ die reinste Relativierung ist. Kurz darauf ist mein Tag als Bauer zu Ende. Um sieben sitze ich im Zug nach Freiburg und suche vergebens „meine“ Weide in den Weiten des Schwarzwaldes.

Ich (fudder-Profil) freue mich auf Freiburg, auf einen Job im Trockenen, auf Schreibtischarbeit. Es bleibt dabei: „Landwirt, das ist nichts für mich!“

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