Bastian Sick: Tatü, Tata, die Sprachpolizei ist da

David Weigend

Bastian Sick, der "Hausmeister im großen Bau der deutschen Sprache" (FAS), hat gestern im Konzerthaus einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. In einer Mischung aus Lesung und Projektorschau erzielte er teils Heiterkeit, bewies aber auch sein Talent zur uninspirierten Zweitverwertung.

Der aggressiven Plakatwerbung für die „Bastian Sick Schau“ konnte man sich in den letzten Wochen nur schwer entziehen: Ein Mitvierziger mit saschahehnesker Föhnfrise und mausgrauem Businessanzug steht, den Gesichtsausdruck auf „nichts sagend“ gedrechselt, vor einem Verkehrsschild, dessen Aufschrift lautet: „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Auf dem Schild darunter steht: „Die Tournee zum Buch.“


Tatsächlich trägt Sick, der neunmalkluge Zwiebelfisch-Kolumnist von Spiegel online, auf der Bühne des Freiburger Konzerthauses einen sehr ähnlichen Anzug wie auf dem Plakat. Sick beginnt, indem er sich beim Publikum durch einem Lokalbezug einzuschmeicheln versucht: „Natürlich kenne ich Freiburg schon seit meiner Kindheit. Damals machte ich mit meiner Familie immer in Lehen halt, bei der Familie Disch. Eine Nacht auf der Reise von Norddeutschland nach Italien. Bei Dischs gab es immer Schnitzel mit Bratkartoffeln, herrlich.“

Nach diesem Takt Warmsprech kehrt der Sprachkritiker mit den riesigen Daumen zum erwarteten Tagesgeschäft über. Sick wälzt sich in anderer Leute Fehler und hackt dann genüsslich auf ihnen herum.

Seine Themen: Scheinanglizismen, falsch gesetzte Präpositionen, der inflationäre Gebrauch der Anführungszeichen, Schreiben nach Gehör und so fort. Sick angelt aus dem Mülltümpel des deutschen Sprachgebrauchs die grausigsten Zwiebelfische, weidet sie aus und verkauft den Prozess des Ausweidens als Inhalt seiner Schau. Minutenlang referiert er ablesend, wie sich die regionalen Ausdrucksarten für den Satz „Ich gehe zu Aldi“ differenzieren: „Ich geh’ Aldi“, „Ich gehe bei Aldi“, „Ich gehe zum Aldi“, „Ich gehe nachm Aldi hin“ etc. Das in der fudder-Redaktion geläufige „Ich geh uff Aldi“ berücksichtigt Sick leider nicht.

Trotz all der penetranten Eigenwerbung (für sein neues Buch, für sein neues, angeblich schon fast vergriffenes Spiel, für sein altes Buch, für sein Hörbuch, für seinen Verlag…), muss man dem Mann eine Zunge für launige Sprachurteile bescheinigen.

Mit dieser artikuliert der Lübecker dann Sätze wie: „Selbstverständlich lassen sich grüne Bohnen beugen.“ Oder: „Armins’s Bauernladen…eine Zischpartie der besonderen Art.“ Den Großen der Zunft, Max Goldt und Wolf Schneider etwa, schlittert Sick jedoch müde hinterher. Das äußert sich vor allem beim unsäglichen Programmpunkt der Fußballerzitate. Die schiefen Bilder von Möller, Basler und Kollegen („Schnee über die Sache gewachsen“, Andi Herzog) sind sattsam bekannt und bei Blutgrätsche bequem nachlesbar. Warum Eintritt zahlen für eine Grammatikhyäne, die das ganze eins zu eins nachbetet? Und nicht einmal in der Lage ist, die Verulkten korrekt nachzuahmen. Beispiel Paul Breitner. Sick imitiert den Oberbayern in rheinischer Mundart. Solche Schlampereien kombiniert der Oberlehrer mit hehren Botschaften im Stil eines Fortschrittapostels: „Lernen ist das, was uns weiterbringt. Was uns voranbringt.“ Ein Satz, wie ihn unser Bundespräsident nicht schwerwiegender hätte formulieren können.

Am besten ist Sick, wenn er den Mund hält und die Fotos seiner Projektorschau wirken lässt.

Speisekartenunglaublichkeiten („Gordon Blue“), Kneipenwerbung („Happyauer“), hektisch beschriebene Aktionstafeln („Haut strafende Körperlotion“), das ist gutes Amüsement. Auch Sicks Hinweis auf die zunehmende Versachlichung von Menschen kommt witzig. Metzgerin: „Käse ist meine Kollegin nebenan.“ Buchhändler: „Ich bin nicht die Kasse.“ Krankenschwester: „Der Blinddarm hat heute Nacht dreimal geklingelt.“ Restaurantgast: „Ich bin der Rollbraten, meine Frau das Schnitzel.“

Trotz gelungenem Abschluss kann Sick den Eindruck des pingeligen Besserwissers nicht wettmachen. Dazu kommt, dass der selbst titulierte „Sprachpfleger mit satirischer Feder“ nicht immer den besten Stil pflegt, etwa, wenn er in seinen Texten Dopplungen wie die „überflüssigen Floskeln“ einsetzt. Der wandelnde Duden, ein Kandidat fürs Altpapier. Zumindest in seiner Eigenschaft als Entertainer.