Basel bietet Konfliktforschung-Studium an

Johanna Schoener

Konflikte prägen unser Leben im Alltag, in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und innerhalb der Staatengemeinschaft. Aber wie ihnen begegnen? Zum Konflikt zwischen der Polizei und den Mitgliedern der links-autonomen Szene in Freiburg und drei weiteren (teilweise fiktiven) Konflikten hat der Soziologie-Professor Ueli Mäder im Mail-Interview Stellung bezogen. Er ist der Gründer des ersten Konfliktforschungs-Instituts der Schweiz in Basel. Im März 2007 startet dort die erste Runde eines neuen zweisemestrigen berufsbegleitenden Aufbaustudienganges für Interdisziplinäre Konfliktanalyse und Konfliktbewältigung.



Was ist das Ziel dieses Aufbaustudienganges?

Ueli Mäder: Studierende sollen Methoden der Konfliktanalysen und der Konfliktbewältigung kennen lernen und anwenden können. Das erfordert auch eine Sensibilität für den eigenen Umgang mit Konflikten.

Das Programm, das sie für das rund 40-tägige berufsbegleitende Studium veranschlagen, ist sehr umfangreich. Viel Stoff in wenig Zeit ? kann man da mehr als nur an der Oberfläche kratzen?

Ueli Mäder: Wer diesen Studiengang besucht, hat ja schon eine Ausbildung abgeschlossen. Er verfügt auch über berufliche und persönliche Erfahrung. Das hilft, zusätzliche Kenntnisse relativ dicht zu vermitteln. Das Studium gibt einen Einblick in unterschiedliche Formen und Ursachen von Konflikten. Einzelne Schwerpunkte lassen sich aber jetzt schon vertiefen. Ich denke etwa an neue Ressourcenkonflikte, die sich am Zugang zum Trinkwasser entbrennen.

Wo stößt die Konfliktforschung in der Praxis an ihre Grenzen?

Ueli Mäder: Konflikte haben auch mit Macht und Interessen zu tun. Sie lassen sich nicht einfach mit schönen Gesprächen aus der Welt schaffen. Ist die Nachfrage nach Experten im Bereich der Konfliktforschung seit dem 11. September gestiegen? Welche Berufe kommen für die Absolventen in Frage?Ueli Mäder: Absolvierende können ihr Wissen in der Lehre und Forschung einbringen. Wichtige Arbeitsgebiete sehe ich in der Entwicklungs-, Sozial- und Friedenspolitik. Das kann in der Diplomatie oder bei Nicht-Regierungsorganisationen sein. Gefragt ist auch die Mediation. Besonders die interkulturelle. Gerade seit dem 11. September.

Welche Konfliktlösungsstrategien würden Sie für die folgenden Konfliktsituationen vorschlagen oder hätten Sie vorgeschlagen, um eine Eskalation zu vermeiden?

Situation 1: Konflikte innerhalb der Familie zwischen Eltern und KindernDer 15-jährige Sohn hat seit Wochen Streit mit seinen Eltern ? immer das gleiche Thema: Bis wann darf er abends weg? Die Eltern erlauben ihm nur bis Mitternacht auszugehen, er sei ja noch nicht einmal 16. Der Sohn wird schon aufgezogen, weil er immer so früh nach Hause muss. Kaum ist das nächste Wochenende in Sicht, eskaliert der Konflikt auf’s Neue. Ueli Mäder: Solche Reibereien gehören zum Alltag. Sie sind auch eine Form von Kontakt. Reibung erzeugt auch Wärme. Lassen wir doch diese Familie weiter streiten. Das schadet niemandem. Hilfreich wäre allenfalls eine gemeinsame Gesprächsrunde mit weiteren Eltern und Jugendlichen. Vielleicht mit einer zusätzlichen Person, die darauf achtet, dass alle zu Wort kommen. Am Freitagabend gibt es übrigens in Familien oft Knatsch. Alle freuen sich aufs Wochenende und haben Vorstellungen, wie schön es jetzt sein sollte. Situation 2: Konflikt zwischen Kunde und VerkäuferinAbends im Supermarkt, zehn Minuten vor Ladenschluss: Ein Kunde meint, dass er zu wenig Wechselgeld für seinen 20-Euroschein bekommen hat. Die Kassiererin ist sich sicher, dass er ihr nur einen 10-Euroschein gegeben hat. Beide beharren auf ihrer Position. Die Schlange hinter dem Kunden wird immer länger, die Kassiererin gestresster und der Kunde unfreundlicher. Er verlangt ein Gespräch mit dem Filialleiter.Ueli Mäder: Ja, der Filialleiter soll nur kommen. Damit desavouiert er seine Mitarbeiterin nicht. Im Gegenteil. Und das Anliegen des Kunden wird auch berücksichtigt. So verliert niemand das Gesicht. Der Filialleiter gibt dem Kunden dann abseits vom Geschehen den 10-Euroschein. Nicht weil er ihm mehr glaubt. Aber die Verkäuferin hätte den Schein erst nach der Herausgabe des Rückgeldes versorgen sollen. Dieser Konflikt lässt sich also einfach lösen. Da braucht es kein Verfahren mit Fingerabdrücken.Situation 3: Konflikt zwischen Polizei und Mitgliedern der links-autonomen Szene in FreiburgIn der Nacht vom 27. auf den 28. Juli ist ein Konflikt zwischen Teilnehmern der so genannten"anarchistischen Konferenz" DIY (Do it Yourself) und der Freiburger Polizei vor der KTS eskaliert. Eine Polizeistreife wollte einen Sprayer festnehmen, woraufhin sich circa 100 KTS-Besucher solidarisierten und die Polizisten umzingelten. Bei der darauf folgenden Auseinandersetzung wurde ein Polizist schwer am Auge verletzt, so dass er notoperiert werden musste. Am 28. Juli wurde daraufhin der Festival-Zeltplatz, wo die Besucher des DIY-Festivals ohne Erlaubnis campierten, mit massivem Polizeiaufgebot geräumt und die Polizei erteilte mehrfach Platzverweise für den Stadtbereich Freiburgs. Am 29. Juli kam es nach Aufruf des DIY zu einer Versammlung am Platz der alten Synagoge in der Innenstadt. In einem groß angelegten Einsatz umstellte die Polizei die circa 300-köpfige Menge, stellte die Personalien der Beteiligten fest und nahm 27 Personen in Gewahrsam. Am Samstag, den 5. August fand daraufhin eine unangemeldete Demonstration gegen “Repression, Unterdrückung und Polizeigewalt” statt, die friedlich verlief. Ueli Mäder: In der ersten Eskalationsstufe gibt es situativ kaum eine einvernehmliche Lösung. Die Polizei kann entweder Verstärkung organisieren und die Verhaftung gewaltsam vornehmen oder sie kann die Übermacht anerkennen und sich zurückziehen. Wenn dies friedlich und im Gespräch mit den Jugendlichen geschieht, ist das schon sehr erfolgreich. Was sich in der zweiten und dritten Eskalationsstufe vollzogen hat, ist klassisch. Oft wird in solchen Situationen die Repression verstärkt. Das kann vereinzelt nötig sein. Aber in der Regel verlagert sich der Konflikt so bloß. Jugendliche leiden unter der Verengung der Lebensräume. Die Behörden müssen sich mit ihnen dialogisch zusammen raufen und verständigen. Das ist schwierig, aber möglich. Ich habe das schon erlebt. Wenn Jugendliche beliebte Orte mitgestalten können, übernehmen sie gerne Verantwortung. Situation 4: Krieg im LibanonIsraels Militär kämpft (trotz Resolutions-Entwurf der Uno) weiter im Südlibanon, die Hisbollah feuert Raketen auf Nordisrael, Leidtragende sind vor allem Zivilisten. Die Zusammenhänge und Ursachen des Libanon-Krieges sind sehr komplex. Trotzdem die Frage nach der Stellung Europas: Der Ruf nach Handeln seitens des Westens wird immer lauter, mit welchen Strategien könnte Europa zur Konfliktlösung beitragen?Ueli Mäder: In dieser Situation braucht es zunächst eine starke Intervention der Vereinten Nationen. Europa muss die UNO politisch und materiell unterstützen, aber auch eigene Bande nutzen. Ergänzend helfen mediative Verfahren mit allen Beteiligten auf unterschiedlichen Ebenen. Möglichkeiten bestehen auch in der Kultur und im Sport. Wir wollen gerade untersuchen, wie sich jüdische und islamische Religionsgemeinschaften in der Schweiz begegnen. Vielleicht ergeben sich daraus weiter führende Hinweise.

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Konfliktforschungsinstitut