Balzplatz ohne Tore

Dirk Philippi

Ganz arg früher, da war alles viel einfacher. Wenn ein ralliger Zweibeiner eine Lebensabschnittsgespielin suchte, die ihm die Fellunterhosen kämmen und die Höhle klinkern sollte, buckelte er einfach rüber zum Saurier-Grillplatz, grunzte zweimal und donnerte dem nächstbesten Mitbewerber seine Holzkeule auf die Schale. Heute muss Mann sich schon etwas mehr Mühe geben: Zusammengelogene Komplimente und geklaute Blumen, ein Kniefall oder das, für was die Männer - kämen sie drumherum - sogar auf manche Frau verzichten würden. Dirk erinnert sich ans Tanzen.



"Ich glaube an das Pferd! Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung!"
Kaiser Wilhelm II. (1912)

"Ich werde mich doch nicht auf der Tanzfläche zum Deppen machen!"

Dirk (Irgendwann in den 90ern)

Wir befinden uns im legendären PODIUM, einer biederen Kleinstadt-Disco mit langweiligem Barbereich, einem massiv schielenden Türsteher und Salat-Putenstreifen-Garten - dennoch aber legendär, weil konkurrenzlos. Dort, auf dem Balzplatz der Kleinstadtrinder, stehen wir um die Tanzfläche herum und trinken Cola und Bier. In den Sitznischen hat sich die örtliche Weiblichkeit versammelt, tuschelt und raucht und wartet auf den Moment, um uns auf die Probe zu stellen. Dann die ersten Töne. Ein Kreischen. Jemand packt meine Schulter und zerrt mich zur Seite. Mädchenhaare wehen durch mein Gesicht und fremde Schenkel streifen meine Jeans. Die Sitznischen sind plötzlich wie leer gefegt und die Tanzfläche überschwemmt von gut aussehenden Mädchen. Das Lied beginnt. Melissa Etheridge. M.E.L.I.S.S.A. E.T.H.E.R.I.D.G.E. - Ohrenbetäubender Lärm und Ekstase ähnliche Zustände. Wir Jungs bleiben gechillt stehen, wo wir schon den ganzen Abend gechillt stehen, trinken Cola und Bier und reden über das Tanzen: "Tanzen ist scheiße", manifestiere ich zu Tom, der zustimmend nickt und erwidert: "Es gibt wenn, dann nur ganz wenige Songs, auf die man tanzen kann!" Ich nicke zurück. Wir haben es verstanden!

Für Mädchen ist Tanzen noch nie ein Thema gewesen. Die tun es einfach und haben Spaß. Als Gott das Rythmusgefühl verteilt hat, da haben sie sich zweimal angestellt. Wir Männer dagegen riefen bei Bier, Angeberei und Schamgefühl "Zweite Kasse bitte!" Deshalb haben wir jetzt eine große Klappe, großen Durst und schämen uns in Grund und Boden, wenn wir mit einer Frau tanzen sollen. Für uns Männer nämlich hat die Tanzerei rein gar nichts mit Spaß zu tun. Für uns ist Tanzen sehr wohl ein Thema. Oh ja! Mädchen können ihre Hüften einsetzen, um uns willenlos zu machen. Wenn sie tanzen, dann verzücken sie uns und ist es das Selbstverständlichste auf der Welt. Wir aber finden Tanzen eben scheiße, das gebietet unsere Coolness, Abgeklärt- und Unsicherheit.



Tom tippt mich an und schiebt sein Kinn in Richtung Tanzfläche. Dort vor uns ein Library-Girl, leibhaftig, zuckersüß, wild und mit diesem Brillenstil, der mit Direktzugriff aufs Kleinhirn libidonöse Primärtriebe weckt. Ich starre sie an und werde nervös. Sie zwirbelt ihre zarten Arme durch die heiße Luft und ich richte unsicher meinen T-Shirt-Kragen. Als ich mich dabei ertappe, wie ich tatsächlich zu "Like the way I do" wippe, fange ich an zu nässen. Sitzt meine Jeans? Sieht man die neuen Adidas? Ist das Haargel, das mir den Nacken runter läuft? Dann dieser Augenblick. Ihre Freundin, wie immer natürlich weder halb so hübsch noch halb so tanzbar, irgendwie Modell Oer-Erkenschwick, flüstert ihr was ins Ohr, grinst zu uns und mit einem kurzen Kopfdrehen signalisiert mir die zukünftige Chefsekretärin: "Ich will Dich tanzen sehen!"

Dabei ist es so: Wenn ein Junge, also nur im Notfall und nur als gezielter, strategischer Feldzug, also wenn einer von uns doch einmal auf die Tanzfläche gehen sollte, dann muss da schon alles passen. Erstens tanzt prinzipiell keiner besser als man selbst. Zweitens hat es lässig auszusehen und nicht verkrampft. Drittens müssen die Einsätze stimmen - Springen in der richtigen Sekunde und die Songtexte selbstredend auswendig! Wenn wir tanzen, dann ist das Männersache, dann sind wir eins mit uns, wie beim Elfmeter - nur ohne Tor.

Da hat sie mich nun, wo sie uns alle haben wollen und ich bete um ein anständiges Stück Liedgut. Danke DJ! Danke. Wenigstens die Beastie Boys! Ich schreite ins Stroboskop-Licht, stehe breitbeinig da (laut Tom signalisiert das bei Mädels tendenzielle Bereitschaft und wirkt angeblich erbarmungslos lasziv und sexy) und warte auf den Einsatz. Die ersten Töne. Dann: "Kickiiiiiiiiin´" - Jetzt geht die Post ab. - "(...) now your mom threw away your best porno mag" - Ich schleuder meine Arme nach vorne und klappe die Unterschenkel aus. Oh ja, du bist es! - "You gotta fight (...)" - Mit der Pulle Bier in der Hand proste ich Tom zu. - "(...) for your right (...)" - Jetzt in die Knie und fertig machen zum Absprung. - "(...) to paaaaaaaarty!" Oh yes, jetzt wird gerockt. Keiner macht es so wie ich. Whitney-Houston-Kuschlern mal zeigen, was so ´ne richtige Tanzharke ist.



Wenn man heute in einen Club blickt, dann sind aus immer mehr jungen Männern hübsche Tänzerinnen geworden. Dirty-Dancing-Spätfolgen? Die Jungs laufen, als hätten sie ihre Hüften einen Meter vorlings transplantieren lassen - allzeit bereit eine junge Dame "anzutanzen". Antanzen, das scheint ohnehin irgendwie die neue Form von gesellschaftlich akzeptierter Nötigung zu sein. Die Auserwählte an den Hüften packen und sich in Juanes-Manier um sie herum schwengeln. Während sie den hippen Seitschwenk erwartet, immer schön mit stetem Beckendruck nach vorne. Und irgendwie scheint zumindest manchen Damen das tatsächlich zu gefallen. Ich meine, ich liebe es auch Frauen beim Tanz zuzusehen, ich liebe Ballerinas und ich vergöttere das Ballett. Aber selbst zum Tanzbär mutieren, nur um sich mal an der Rinde zu reiben?

Als das letzte Gitarrenriff erklingt und ich aufschaue, blicke ich beinah ins Nichts. Neben mir kniet ein langhaariger Kurt-Cobain-Verschnitt auf der Tanzfläche und reckt die Hände in malerischer Pose gen Himmel, Tom lässt seine Gliedmaßen ausbaumeln und von hinten sehe ich noch Tobias, den anerkannten Dorfdepp mit den Moonboots, wie er sich vom Acker macht. Wir waren zu dritt auf der Tanzfläche und nicht annährend so innig wie das Brillenmädchen und ihre Freundin, die sich nun wild knutschend in der Nische gegenüber räkeln. "Ich hab´s ja gesagt: 'Tanzen ist scheiße!'", murmle ich zu Tom, der zustimmend nickt und noch eine Cola bestellt.

Mehr dazu:

[hübsch leben]-Kolumnen auf fudder