Bagdad brennt im Freiburger Theater

Karl Flender

Über den Irak-Krieg glauben wir dank der ständigen Berichterstattung gut informiert zu sein. Doch der Besuch von "Bagdad brennt" verursacht Zweifel daran: basierend auf dem Blog von Riverbend, einer jungen Frau aus Bagdad, erzählt das Stück nicht aus der Perspektive der westlichen Besatzer, sondern aus jener der Opfer.



Auf der Bühne steht sie nun: Riverbend, Irakerin, jung und blond, im Rolling Stones-Sweatshirt, die Antithese zur europäischen Klischeevorstellung einer Irakerin. Sie beschwört den vermeintlich fernen Krieg so intensiv herauf, dass man ihr gefesselt zuhört.


Politisches Geschehen macht einen erst durch das persönliche Erleben betroffen und so reißt uns Riverbend hinab in einen Strudel aus Tragödien und Gewalt. Sie erzählt von elfjährigen Jungen, die als Terroristen erschossen werden; von Männern, die am Straßenrand unter ihrem Auto vergraben werden, damit ihre Familien sie anhand der Autos identifizieren können; sie erzählt von der zunehmenden Radikalisierung der Iraker durch die Unterdrückung.



Immer wieder ertappt man sich dabei, wie man in die von westlichen Medien kolportierten Klischees oder Informationsfärbungen verfällt und sich zu wehren beginnt: „Nein, das kann so nicht passiert sein“ – nur um dann wieder von Riverbend an die Folterungen in Abu Ghraib erinnert zu werden. So etwas gibt es eben doch. Krieg schafft immer Leid, selbst wenn er von der „westlichen Zivilisation“ geführt wird.

Anna Bögers
als Riverbend ist überzeugend. Sie spielt eine wütende, zu Unrecht verletzte und beraubte Frau, die sich Gehör zu schaffen sucht. Stets ist das Spiel und der Text intensiv, man wünscht sich manchmal geradezu die Pausen des Monologs herbei, so beklemmend ist er.

Als Kontrapunkt zum anstrengenden und aufwühlenden Monolog Anna Bögers agiert der Videokünstler Victor Morales als Clown. In die erzählte Realität mixt er Ballerspiel-Ästhetik, lässt im eigens programmierten Videospiel das Publikum über Aufbau oder Zerstörung entscheiden, Ölfässer und Dollar regnen; oder er schießt Raketen auf Soldaten – alles ganz spielerisch, ganz nebensächlich, ganz willkürlich. Nur mit dem Unerschied, dass anstelle der Generäle das Publikum entscheidet.



Bagdad brennt ist keine leichte Kost, doch während viele Medien den Mantel des Schweigens über westliche Kriegsverbrechen legen, kann man sich in diesem Stück von Vorurteilen und falschen Bildern befreien. Vor allem darin liegt der Wert des Stücks: die eigene Arroganz wird uns brutal vor Augen geführt. (Fotos: Matthias Kolodziej)


Was:
Bagdad brennt
Wann: 2., 16. & 28. November 2008, 20 Uhr
Wo: Kleines Haus, Theater Freiburg




Mehr dazu:


Web:
Riverbend-Blog