Bändern in der Mensa: Warum manche Studierende essen, was andere übrig lassen

Marius Buhl

Etwa 40 Studierende essen in der Mensa der Uni Freiburg die Essensreste ihrer Kommilitonen. Kostenlos, ohne langes Schlangestehen, direkt vom Geschirrband. Das Studierendenwerk weiß nicht, wie es mit ihnen umgehen soll. Eklig? Unterwegs mit einem Bänderer.



Die Beute kommt auf einem soßenverschmierten Teller, ein Prachtexemplar. Der Jäger hat sich angepirscht, vorsichtig ist er von seinem Tisch in der Freiburger Mensa aufgestanden, jetzt steht er ganz vorne am Förderband, das die leer gegessenen Teller in den Bauch der Mensa schleppt. Eine junge Studentin tritt ans Band, behutsam stellt sie ihren Teller ab, dreht sich um.


Darauf hat der Jäger gelauert.  Er stürzt vorwärts, seine Augen fixieren die Beute, die gerade in den Schlund am Ende des Förderbands fährt. Der Jäger wirft seine Arme hinein, er packt den Teller, zieht ihn hinaus. Er lächelt zufrieden. Er hat eine gigantische Portion Nudeln ergattert.

In der Freiburger Mensa geht an diesem Donnerstagmittag alles seinen gewohnten Gang. Hungrige Studenten drängen sich in langen Schlangen vor den Essensausgaben. Essen 1: Nudeln mit Fleisch. Essen 2: Linseneintopf mit Reis. Preis: jeweils 2,65 Euro. Wer leer gegessen oder keinen Hunger mehr hat, räumt seinen Teller aufs Förderband. Dann wird wieder studiert.

Jonathan F. stellt sich in keine Schlange. Jonathan F. wählt auch kein Essen aus, genauso wenig wie er einen Preis bezahlt. Jonathan F. jagt Essensreste. Er sagt das so: „Ich fühle mich manchmal wie ein Jäger.“

Bis zu 40 Studierende "bändern" täglich in der Mensa

Menschen wie Jonathan gab es in der Freiburger Mensa wohl schon immer. Einzelne Studierende, die die Essensreste ihrer Kommilitonen aßen. Sie fielen kaum auf. Im letzten Jahr wurden sie ein paar mehr, wer einmal dabei war, erzählte es seinen Freunden. Inzwischen sind sie 40 Leute, die jeden Mittag das essen, was ihre Kommilitonen nicht mehr wollen. Ein bisschen Nudeln, ein bisschen Linsen, ein bisschen Milchreis. Die Hälfte der Mensaabfälle vertilgen sie bestimmt, glaubt Jonathan. Er und seine Kollegen nennen sich Bänderer, weil sie das Essen vom Band holen. Es klingt wie Wilderer.

Jonathan hat sich seinen Teller inzwischen auf seinen Tisch gestellt. Er sitzt immer im selben Eck, ganz vorne am Band. Um ihn herum lungern die anderen. Tineke, Martin, Lea. Viele studieren Umweltnaturwissenschaften, ein paar wenige auch Politik. Jonathan macht seinen Master in Mathe. Man kennt und mag sich, weil Bändern eh nur für bestimmte Leute was ist, glaubt Tineke. „Jeder will aber auch satt werden“, sagt Jonathan.

Die Nudeln sind jetzt etwas kalt geworden, aber sie schmecken noch. Etwas Fleisch liegt auch dabei. Jonathan ist eigentlich Vegetarier, aber beim Bändern macht er eine Ausnahme, er will nicht zu wählerisch sein. Während er isst, schielt er ständig zum Band. Es könnte sein, dass er die nächste Beute verpasst.

Das Studierendenwerk errichtet eine Mauer

Das Studierendenwerk Freiburg, das die Mensa betreibt, berät derzeit intern über die Bänderer. “Wir sind hier in Diskussionen über das Thema, ich kann aber leider keine abschließende Stellungnahme bieten”, sagt Renate Heyberger, die stellvertretende Geschäftsführerin. Laut Lebensmittelhygiene-Verordnung darf die Mensa bereits ausgegebenes Essen nicht nochmal ausgeben.

Anfang Februar haben Mitarbeiter deshalb einseitig große Trennwände vor die Bänder gestellt. Am nächsten Tag hingen daran Papierzettel, auf die jemand Botschaften gekritzelt hat. „Die Mauer muss weg!“ zum Beispiel. Oder: „Hallo Wegwerfgesellschaft.“ Die Schilder waren nach einem Tag verschwunden, die Wände blieben. Seitdem kommen Jonathan und seine Kollegen nur noch von einer Seite ans Band.

Probleme gibt es auch juristischer Art: Wem gehört das weggeworfene Essen? “Mit der Rückgabe am Band geht das Eigentum am Essen vom Studenten zurück an die Mensa”, sagt Rechtanwalt Norbert Müller aus Freiburg. Bänderer verletzten damit das Eigentumsrecht der Mensa.

Jonathan versteht, dass nicht alle gut finden, was er tut. „Wir essen, ohne zu bezahlen. Aber wäre es besser, das Essen fliegt in den Müll?“

"Bändern ist effizient"

Rund 41.000 Tonnen Lebensmittel werfen deutsche Hochschulmensen pro Jahr in den Müll. Das fanden Forscher der Universitäten Stuttgart und Wien 2009 mittels einer Studie heraus, bei der sie über ein Jahr sechs Mensen untersuchten und die Ergebnisse hochrechneten. „Wenn wir Bändern, passiert das öffentlich“, sagt Jonathan. „Das schafft Bewusstsein.“ Nicht für alle ist die Lebensmittelverschwendung aber das Hauptmotiv. „Wenn ich ehrlich bin, mache ich es, weil ich nicht anstehe und kein Geld bezahle. Bändern ist effizient“, sagt ein Student der Umweltnaturwissenschaften, der anonym bleiben möchte.

Einmal gab es deswegen Ärger, sagt Jonathan. Er habe beobachtet, wie ein Student einen nahezu unberührten Teller extra ganz vorne aufs Band gestellt habe, damit kein Bänderer ihn kriegt. Er sei dann gesprintet und habe den Teller noch erwischt. Der Student fand das gar nicht toll. Sie stritten sich lautstark darüber, wem das Essen denn nun gehöre. „Das war bestimmt ein Jurist“, vermutet Jonathan.

Er ist mittlerweile beim dritten Teller angelangt. Ein Student im Hoodie hat Frühlingsrollen übrig gelassen, dazu gibt es Chilisoße. Während des Essens spricht man vor allem übers Bändern und über andere Bänderer. Kennt ihr den, der immer nur mit der Gabel am Band lauert, und sich die leckersten Sachen direkt vom fremden Teller pickt? Oder die alte Dame, die jede Woche kommt, die aber doch sicher nicht mehr studiere?

Auf dem Tisch zwischen ihnen stapeln sich Salatschüsselchen, Teller und Tablette. Sie sind blitzblank, nur aus manchen tropft noch etwas Soße. Manchmal esse er Suppe, Vor- und Hauptspeise, sagt Jonathan. Am besten seien aber die Tage, an denen es Kaiserschmarrn oder Milchreis gebe, da habe er sogar ein Dessert. In der Freiburger Mensa isst kaum jemand ausgewogener als er.

Pfeiffersches Drüsenfieber und Noro-Durchfall drohen

Dr. Ernst Tabori hat vom Bändern noch nie gehört. Er leitet das Deutsche Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg. Als er studierte, sagt er, habe man die Teller noch leer gegessen. Die Gesundheitsrisiken beim Bändern findet Tabori überschaubar. "Ein Ansteckungsrisiko herrscht vor allem dann, wenn kein frisches Besteck verwendet wird. Daran kleben die meisten Erreger.” 

Generell sei die Ansteckung via Tröpfcheninfektion noch am gefährlichsten: Pfeiffersches Drüsenfieber, Noro-Viren, Scharlach und Ebola könnten so beispielsweise übertragen werden. Die Gefahr sei allerdings gering, denn: "Welcher Ebola-Patient geht zum Essen in die Mensa?”

Jonathan sieht das ähnlich. "Wenn jemand in der Mensaschlange niest, kann ich mich genauso anstecken“, sagt er. Er esse daher fast alles, was ihm auch schmecke. Nur wenn Servietten im Essen lägen, lasse er den Teller aus.

Jonathans Kollegin Tineke muss sich manchmal überwinden, vor allem seit sie die Geschichte einer Freundin gehört hat. Die habe sich vom Band mal eine Portion Reispfanne geholt. Als es arg süß und klebrig wurde, habe sie ausgespuckt. Ihr Voresser hatte seinen Kaugummi in die Reisreste gedrückt. "Eklig", sagt Tineke. Es bleibt das einzige Mal, dass ein Bänderer an diesem normalen Donnerstagnachmittag dieses Wort in den Mund nimmt.

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[Foto: Florian Kech]