Badisches Gras, von der Sonne verwöhnt

Carolin Buchheim

Martin Jägers* Nutzgarten liegt gut versteckt an einem Hang in der Nähe seines südbadischen Heimatstädtchens. Dort pflanzt er Cannabis an – für sich und seine Freunde. Ein illegales Unterfangen, für das der Endzwanziger ein Jahr ins Gefängnis gehen könnte. Aber dieses Risiko nimmt er in Kauf.



Um zu Martins Planzen zu gelangen muss man durch Maisfelder und Weinberge, an denen an den kühlen Tagen Anfang Oktober auch um die Mittagszeit noch der Nebel klebt. Es geht über einen Feldweg einen kleinen Hügel hoch und schließlich über einen Trampelpfad durch hüfthohe Brennnesseln.


Die Cannabispflanzen leuchten sattgrün zwischen den rundherum schon herbstlich eingefärbten Bäumen und Sträuchern. Mehr als zwei Meter sind die buschigen, üppig beblätterten Pflanzen hoch, und erst beim Näherkommen bemerkt man ihren typischen harzig-süßlichen Geruch. Sie stehen auf einer Fläche von vielleicht drei Mal fünf Metern und eine Sperrholz-Konstruktion, die man auch in jedem Kleingarten finden könnte, stützt die Pflanzen ab. Martin begutachtet seine Pflanzen mit Besitzerstolz. Er tastet die Dolden ab; Harz bleibt an seinen Fingern kleben. Vier, fünf einigermaßen trockene Tage brauchen die Pflanzen noch, dann kann geerntet werden.



Was Martin macht ist illegal: Der Anbau von Cannabis ist laut Betäubungsmittelgesetz verboten. „Cannabisanbau ist keine kleine Sache“, sagt Tomas Orschitt, Staatsanwalt in der Betäubungsmittelabteilung der Staatsanwaltschaft Freiburg. „Die Strafbarkeit beginnt bereits, wenn man Samen in die Erde drückt mit der Absicht, Rauschgift herzustellen."

Das Verbot scheint allerdings nur wenig abzuschrecken: Es gibt Fachgeschäfte für „Grow-Bedarf“, internationale Samenhändler, die – oft auch über das Internet – eine große Auswahl unterschiedlicher Cannabissorten bereithalten und eine Flut an Internetforen, in denen ambitionierte Cannabisbauern Tipps und Tricks austauschen. Cannabis wird auf Balkons und in Gärten gezogen, in mit UV-Lampen und Belüftungsanlagen präparierten Kleiderschränken und Kellern, oder eben, so wie Martin es tut, im Freiland.

Das warme, sonnige Klima, die Weinberge und Maisfelder in Südbaden erleichtern den Anbau. Die Polizei in der Region fliegt im Spätsommer Ermittlungsflüge mit dem Helikopter (fudder berichtet), um Cannabis in Maisfeldern aufzuspüren, und Anfang Oktober, wenn der Mais sich gelb färbt, kann man als aufmerksamer Passant in Maisfeldern oft mit Leichtigkeit den dunkelgrünen Cannabis über die Stauden herausragen sehen (Siehe Bild unten, am Rand der A5, nördlich von Freiburg).



Cannabispflanzen werden im Freiland zwar häufig entdeckt, die Täter aber nur selten gefunden. Eine Statistik wird in Freiburg darüber nicht geführt. „Von den Funden auf Balkons und in Gärten, die wir natürlich eindeutig zuordnen können, einmal abgesehen, sind wohl nicht mehr als zehn Freiland-Anbau-Fälle pro Jahr, bei denen wir die Täter ermitteln können “, sagt der Staatsanwalt.

Die 25 Pflanzen, die an dem geschützten Hang in der Nähe einer südbadischen Kleinstadt stehen, gehören Martin nicht alleine: Er pflanzt seit Jahren jeden Sommer mit seinen vier engsten Freunden Cannabis an. Sie sind alle um die Dreißig, zusammen aufgewachsen, und keiner von Ihnen entspricht dem Klischeebild des Kiffers, der zuhause herumliegt und sein Leben nicht auf die Reihe bekommt. Sie haben Studienabschlüsse, Arbeitsstellen, eigene kleine Unternehmen. Einige sind verheiratet, die ersten Babys gibt es auch schon. „Wir sind alle Kiffer, aber wollen nicht zu Dealern gehen“, sagt Martin. „Deshalb pflanzen wir an.“



Zeitsparend wäre der Gang zum Dealer allemal: Rund 120 Arbeitsstunden stecken die fünf Männer pro Person und Sommer in ihr Vorhaben. Sie ziehen Setzlinge heran, pflanzen sie aus und pflegen sie weiter. In diesem Jahr haben die Fünf an insgesamt drei Stellen Mini-Plantagen angelegt. Übrig geblieben ist nur eine.

„An einer Stelle wurden schon die Setzlinge herausgerissen, an der anderen wurden die Pflanzen vor ein paar Wochen abgeschnitten und mitgenommen.“ Martin vermutet, dass es im letzten Fall andere Kiffer waren. „Über die Jahre bin ich echt sehr gebeutelt worden von irgendwelchen Dieben. Beklaut werden, das ist wirklich nervig. Fast nerviger als die Sorge, dass unsere Pflanzen von der Polizei entdeckt werden.“



Neben der Sorge um die Entdeckung und Diebstahl der Pflanzen und mögliche rechtliche Konsequenzen, haben die Cannabisbauern auch Angst vor Schimmel und Tierfraß. In diesem Jahr wurde die Pflanzung von Schnecken heimgesucht. „Die mögen Cannabis“, sagt Felix. „Wir haben erst all’ die Tipps aus dem Internet probiert, aber am Ende half nur Schneckenkorn.“ Felix lacht. „Das ist das erste Mal, dass unser Gras nicht „bio“ ist.“

An einem sonnigen Montag Mitte Oktober wird das Cannabis geerntet. Das geht schnell: Die Pflanzen werden mit Macheten abgehackt und in schwarze Müllsäcke gestopft. Innerhalb einer Viertelstunde ist der Platz unter den Bäumen leer. „Jetzt beginnt die wirklich kritische Phase“, sagt Martin. Denn Cannabis hat einen charakteristischen Geruch; Martins Haus und Auto stinken. „Zum Glück habe ich tolerante Vermieter und Nachbarn, die ignorieren den Gestank einfach.“

Die fünf Jungs teilen die Säcke untereinander auf, die Weiterbearbeitung, das Trocknen und Rupfen, erledigen sie unabhängig voneinander. „Dann hat niemand so ganz schlimm große Mengen bei sich zu Hause“, sagt Martin. Der Gesamtertrag in diesem Jahr liegt bei rund 5 Pfund Marihuana. Verkauft wird das selbst gezogene Gras nicht. „Ich verschenk’ allerdings etwas an die Freunde, die mir nach der Ernte beim Rupfen helfen“, sagt er.

Dass er und seine Kumpels das Marihuana nicht verkaufen, macht ihr Handeln allerdings nicht weniger strafbar. „Sobald Sie Material besitzen, das 7,5 Gramm reines THC enthält, ist der Verbrechenstatbestand verwirklicht; das kann bei Marihuana schlechter bis mittlerer Qualität bereits bei 250 Gramm der Fall sein. Und das bedeutet eine Mindeststrafe von einem Jahr.“ Martin sorgt das wenig: „Ich glaube, ich würde Bewährung bekommen“, sagt er. „Das ist ein Risiko, das ich zu tragen bereit bin.“

Staatsanwalt Orschitt kann dieses fehlende Unrechtsbewusstsein nicht verstehen. „Es ist leider so, dass Cannabis unter jungen Erwachsenen eine akzeptierte Droge ist. Die negativen Folgen werden verharmlost oder ausgeblendet.“

*Name wurde von der Redaktion geändert