Badische Bandnamenskunde (52): The Trial

Tobias Schächtele

Warum heißen Bands aus der Regio so, wie sie heißen? Wir fragen regelmäßig eine Band, wie ihr Name entstanden ist und was er zu bedeuten hat. Dazu gibt es ein Small-Talk-Futter rund um die Band-Historie. Heute: The Trial, deren Auskunftsbereitschaft üppigst ausfällt.



Bandname: The Trial

Wie ist euer Bandname entstanden?


Es gab viele Faktoren und einen Haufen mehr Namen. Letztlich fiel die Entscheidung auf „The Trial“, im mehrdeutigen Sinne von „Die Gerichtsverhandlung“ (mit der Gesellschaft und mit sich selber), „Der Prozess“ – sowohl kafkaesk als auch im Sinne einer steten Entwicklung gemeint und „Der Versuch“, was recht selbsterklärend ist.

Wie ist eure Band entstanden?


1984/85 begegnete ich (B. Alabay) in Berlin M. Strenge. Zusammen schrieben wir fiktive Mauer-Texte. Als er anfing, auch Lyrics zu schreiben, schlug ich vor, dass wir eine Band gründen. 1985 taten wir das auch – vorerst blieb das jedoch nur ein Projekt auf dem Papier. Wenn wir seinerzeit Instrumente in die Hand nahmen, dann kam allerhöchstens nächtlicher Krach im Lietzensee-Park bei heraus. Es gab durchaus auch schon zusammengestellte Line-ups, doch verhinderte immer irgendetwas, dass wir wirklich und richtig loslegen konnten.

1987 sollte es eine Kooperation mit M. M. Kramarz geben – wir wollten gemeinsam im Rahmen der 750-Jahres-Feierlichkeiten in Schöneberg auftreten ... auch das musste abgesagt werden. Trotzdem gab es 1987 die ersten klanglichen Experimente, doch richtig interessanter Krach entstand erst ab Anfang 1988, als ich mit T. Liebscher zusammen diverse Instrumente malträtierte. M. Strenge war zu dem Zeitpunkt nicht mehr so stark an Bandaktivitäten interessiert und schrieb weiterhin Texte. Er schreibt bis heute, wir haben auch 2002/2003 gemeinsam etwas für The Trial gemacht. Seine psychische Verfassung ist jedoch recht schwierig, daher sind er und ich die Begründer der Band, aber das aktuelle Line-up ist ohne ihn.

Überhaupt hat es unzählige Musiker in der Geschichte von The Trial gegeben. Das Ganze ist mehr ein queres Projekt denn eine klassische Band. Es gab mehrere Besetzungen, die jahrelang das Bild nach außen vertraten (in etwa vergleichbar mit Laibach vielleicht), aber der Dreh- und Angelpunkt blieb durch die Jahre ich. Leider, muss ich sagen. Eine gemeinsame Vision ist immer etwas spannender und abwechslungsreicher als ein Solopfad, aber irgendwie habe ich es dann doch geschafft, ein paar schräge Leute zusammenzubringen, die nun The Trial darstellen. Ich sah und sehe mich da eher als eine Art Katalysator.

Namen, Alter, Herkunft und Instrumente der Bandmitglieder:


Wie gerade eben ausführlich erklärt, ist die Besetzung immer eine relativ variable Sache. Man kann sich diese Band wie eine Zuglinie vorstellen: zum Personal stoßen Eisenbahnbegeisterte hinzu. Leider lassen sich auch viele Schwarzfahrer nicht vermeiden. Die werden dann auf offener Strecke in die Wüste geschickt. Der feste Kern besteht heutzutage aus drei bis vier Leuten... drei bis vier deshalb, weil im musikalischen Entstehungsprozess eher nur zwei bis drei und im Drumherum dann durchaus bis zu sechs Persönlichkeiten mitmischen.

B. Alabay: Jg. 71, Berliner und Halb-Deutscher/Halb-Türke, spielt an sich alle Instrumente, wie sie gerade anfallen, hauptsächlich jedoch Bassgitarre, Gitarre, Langhals-Laute (türkische Saz) und Programming. Dazu sporadisch auch Schlagzeug. Und dazu dann noch die Stimme. Der Hauptjob ist aber, die Chefsache zu managen. Spielt sehr gerne „irgendwas“ ein und vergisst es dann wieder. Andere müssen es dann richten und hassen ihn dafür.

T. Pfeuti: Jg. 71, Berner und somit Schweizer, spielt hauptsächlich Schlagzeug und Perkussion, ist aber auch, wenn er Lust hat, für Programmierung und derlei Späße zuständig. Circa 1988 bis 1991 war er der Bassist. Seit 1996 ist er offiziell der Schlagzeuger. Zwischendurch war er verschollen ... diskutiert nicht gerne und knüppelt am liebsten „free“ drauf los.

Mik@: Jahrgang 66, Ruhrpottler und Wahlkölsch, besteht sehr auf dem schrägen Künstlernamen und ist hauptamtlich Elektroniker und Planer. Er kommt ursprünglich aus dem „echten“ Industrial und ist derjenige, der analoge und
digitale Maschinen bis in die letzte Diode ergründet. Er ist für einen Teil des Sounddesigns und für manch schräge Idee verantwortlich, gemeinsam sind wir die beiden musikalischen Pole der Band. Diskutiert wahnsinnig gerne und würde am liebsten für eine Minute Musik ein Jahr proben.

A. S. Sidiropoulos: Jg. 70, Ludwigsburgerin aber keine Griechin, bleibt oft im Hintergrund, ist jedoch für weibliche Stimme, manch Text und hier und da und die Kotamo zuständig. Außerdem sind Action, Optik und Chaos ihr Sonderressort. Im Rahmen der türkischen Texte hörte man sie in letzter Zeit recht selten, sie ist aber im „Bandpool“ und bekommt alle Überlegungen und Entscheidungen mit.

Es gibt noch einige weitere, lose mitmachende Musikerinnen und Musiker, die ich hier jetzt nicht namentlich erwähne, da sie entweder nur projektbezogen mitwirken oder bewusst im Hintergrund bleiben. Sie sind aber sehr wichtig, weil so auch der Instrumenten-Horizont erweitert wird, von der Geige über Drehleier bis zur Zugarschsaune. Live werden wir ebenfalls von einigen befreundeten Kollegen unterstützt. Eine Band, sie zu knechten!



Wann gegründet:

1985. Danach kam es immer wieder zu wichtigen Zäsuren, die keine Neugründungen waren, aber durch Besetzungswechsel, Umzüge oder sonstwelchen Karneval eine Bedeutung erlangten ... 1988, 1991, 1993, 1994, 1998, 2000 und zuletzt 2003. Seit 2003 sind wir das, was wir heute so sind.

Proberaum:

Wir haben keinen regulären Proberaum mehr. Es gab früher natürlich welche, berühmt-berüchtigt der Bandkeller in St. Blasien, die Zollhalle in Freiburg und das Bandlab in Emmendingen. Aber ab 1998 probten wir entweder gar nicht oder in extra angemieteten Wochenend-Proberäumen. Die Musik entsteht an drei Hauptstellen: in Emmendingen (der Zentrale), Köln (Elektro-Fachberatungsstelle) und Hamburg (in irgendwelchen Bunkern, in denen Schlagzeug eingespielt wird). Wir sind also überall und nirgends. Eine virtuelle Band, die über Telefon, Internet und Postkarten die Bande zu den einzelnen Mitgliedern hält.

Denkwürdigste, spannendste, aufregendste Gigs:


An sich war jeder Gig denkwürdig, spannend, aufregend oder eine Teilmenge dessen. Irgendwann 1990, glaube ich, gaben wir in St. Blasien ein Konzert – in der gleichen Nacht brach eine Flutkatastrophe über den Ort ein und setzte die Bühne knapp zwei Meter unter Wasser. Das war aber nach dem Konzert; nach uns die Sintflut sozusagen. 1993 waren wir auf einem Punk-Fest (oder so etwas ähnlichem) und mussten feststellen, dass wir (in der damaligen Besetzung) wohl etwas zu krass für die Leutchen waren... eine Zuschauerin kotzte, weil ihr unser Rocktheater zu heftig auf den Magen (oder das Hirn?) drosch. Nun denn.

1995 gaben wir im Ernst irgendwo mitten im Wald bei Bahlingen ein Deppen-Konzert erster Güteklasse. 1997 spielten wir in Berlin vor einer Horde Linksradikaler in Kreuzberg, was ich erst im Nachhinein erfuhr ... die waren wohl ganz baff; ich später dann auch. 1999 gab es ein denkwürdiges Unions-Konzert, bei dem alle möglichen, liebevoll verfeindeten Exmusiker (Achtung, Schwarzfahrer!) mit auf der Bühne standen – da war aus allen wichtigen Besetzungen das musikalisch Interessanteste anwesend.

Vorbilder & Idole?


Als ich jung war, wollte ich unbedingt sowas machen wie Pink Floyd. Heraus kam dann aber eher sowas wie SPK. Joy Division waren und sind ein großer Einfluss, aber irgendwie klingt es dann doch wieder eher wie ... Legendary Pink Dots (meinen andere). Ja, ansonsten sind weitere Vorbilder und Idole für B. Alabay: Genesis, New Order, Stranglers, Bauhaus, ... an sich der sämtliche New Wave der 70er und 80er Jahre (um die Liste etwas zu kürzen), Baris Manço, Cem Karaca, Laibach, Mahler, Beethoven, Bach und Wagner, Frank Zappa, Chris Squire und Yes, Alien Sex Fiend, Peter Gabriel, Massive Attack, Cryptopsy, Napalm Death, FSOL und alles Mögliche mehr.

Mik@ ist besonders beeindruckt und beeinflusst von SPK, Wire, John Cage und Brian Williams. Außerdem steht er auf 50er-Jahre-Schlager. Mik@ ist besonders beeinflusst von John Zorn und Frank Zappa und eigentlich allem aus dem Jazz, Industrial und Metal, das nicht irgendwie 4/4 spielt und möglichst atonal ist. Naked City dürfte sein Lieblingsact sein. Zum Ausruhen und Kuscheln hört er dann Talk Talk und türkische Volksmusik oder Schweizer Alpenhorn – alles sehr inspirative Musiken.

Frau von Sidiropoulos’ Vorbilder sind insbesondere Dead Can Dance und David Sylvian, die stehen bei ihr ganz oben. Idolisiert werden dann noch Cure, Depeche Mode, Bauhaus, Anne Clark, David Bowie, Massive Attack, Stina Nordenstamm, Björk und verschiedenes aus dem Balkan, z.B. Goran Bregovich.
Ein ganz besonderes Vorbild für sie ist eine Indian-Punk-Band, die sich Blackfire nennt – mit denen ist sie bekannt. Die kommen aus Arizona und sind vom Stamm der Dineh (Navajo). Das Besondere an der Band: sie handeln nach dem, was sie sagen, das ist wohl ziemlich selten im Bizinesss. Kurzum – wir haben so viele Vorbilder und Idole, dass wir uns damit begnügen, unser eigenes Idol und schwerverdauliches Vorbild für andere zu sein.

Stilrichtung:


Einfach Musik! Grenzenlos und stilübergreifend. Wenn wir festgenagelt werden, sage ich immer reflexartig New Wave, weil das die musikalische Heimat des Ganzen ist.

Nächste Konzerte:


Es sieht so aus, dass wir wohl am 27. November im Rahmen des Multicore-Events in Freiburg im Jazzhaus kurz mal wieder die Bühne betreten werden.

Was steht sonst aktuell gerade an?


Wir sind alle noch in anderen Bands und Projekten beschäftigt ... Van Amber, Hills of Cydonia, :tumorchester:, The MMVP...

The Trial:
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