Baden in Blut: Die Metalszene am Rheinknie

David Weigend

Am Samstag beginnt im Lörracher Naturpark Grütt ein rares Metalfestival der Region, "Baden in Blut". Außerdem erscheint nächste Woche "Isolation", das neue Album von Fear my Thoughts, eine Band aus Rheinfelden, die mit ihrem Major Deal bei Century Media zu den wenigen, bekannten regionalen Vertretern des Genres zählt. Bleibt die Frage: wie hart ist das Rheinknie?



Der Grünpalast in Lörrach ist ein Bauwerk, das auch in Tolkiens Mittelerde stehen könnte: ein Dom aus Weidenruten, eingeweiht vom damaligen Bürgermeister Hans-Werner Grotefendt.


Besucht man heute die Website des Grünpalasts, um nach Veranstaltungen zu suchen, findet man lediglich Hinweise auf das „Kinder Theater Treffen“. Nichts zeugt davon, dass im Landschaftspark Grütt am 12. Juli zum vierten Mal das wichtigste Metalfestival der Region stattfinden wird: „Baden in Blut“.



„Ein krasses Wortspiel, ich weiß“, sagt Jürgen Hamel. Der 28-Jährige arbeitet bei IBM in Basel und ist eines der 16 Mitglieder der Metalmaniacs Markgräflerland, die das Festival organisieren. Die Metalmaniacs wollen das Blut als „lebensspendendes Element in unseren Adern“ verstanden wissen und im weiteren Sinne als „Belebung unserer Region“.

So weit der PR-Sprech für jene Menschen, die hinter dem Festival eine Massenschlägerei vermuten. Metalfans dürften sich vom Titel „Baden in Blut“ ohnehin angesprochen fühlen: Das Blutsymbol ist nun mal Bestandteil von Heavy Metal, was unzählige Plattencovers und Songtitel des Genres beweisen. Dabei sind Metalhörer meist ausgesprochen friedliche Leute. Sie haben bloß eine Vorliebe für harte Musik, die ein tiefes Reservoir an Energie darstellt, sagen sie selbst. Das ist vielleicht der Widerspruch, den viele nicht verstehen.



Es werden am Samstag also keine Drachentöter-Siegfrieds im Weidendom einlaufen, sondern Haarschüttler, die sich für Bands wie Stormlord, God Dethroned und Destruction interessieren. Destruction sind die Headliner des diesjährigen Festivals. Bezeichnend ist, dass diese Band den Höhepunkt ihres Schaffens Mitte der 1980er Jahre hatte.

Destruction-Sänger Marcel „Schmier“ Schirmer aus Efringen-Kirchen sagte 2007 in einem Fudder-Interview: „Von Basel bis Karlsruhe ist Metal-Niemandsland.“



Wenn man aber sieht, mit welcher Hemdsärmligkeit die Metalmaniaken und ihre Helfer das badische Blutbad anrichten, zweifelt man am Niemandsland: Allein vom Ideal getragen handeln sie Verträge mit den Bands aus, die 2007 sogar aus Schweden (One Man Army and the Undead Quartet) und Dänemark (Mercenary) anreisten; sie bauen den Honigweinstand auf, die Bühne und kümmern sich um rund 800 Gäste. Wie passt das zusammen?

Neue These: Südbaden ist voller Metalliebhaber, die für ihre Musik aber kaum Infrastruktur vorfinden. Jürgen Hamel: „Selbst im Basler Z7, einer gut laufenden Rockinstitution, ist es für eine Nachwuchsband sehr schwer, einen Auftritt als Vorband zu kriegen.“



Ähnlich argumentieren die Mitglieder von Fear My Thoughts (FMT), zurzeit wohl die wichtigsten Vertreter der harten Spielart am Rheinknie. 1998 in Rheinfelden gegründet, erspielte sich die Band 2005 einen Plattenvertrag beim Majorlabel Century Media und veröffentlicht am 18. Juli ihr sechstes Album. Markus Ruf, 25, Gitarrist der Band, sagt: „Es gibt massig gute Bands in der Region. Aber auch wir mussten uns am Anfang die Chance erkämpfen, vor unseren Lieblingsbands spielen zu dürfen – und dafür oft Hunderte von Kilometern zurücklegen.“

Ruf erzählt vom ersten FMT-Gig im Bürgersaal Rheinfelden, dem er damals noch als pubertierender Zuhörer beiwohnte.



In den Folgejahren spielten FMT auf Festivals wie With full Force vor 25 000 Fans und tourten mit der Szenegröße Exodus durch Europa. Sie lernten die Tricks der Profis, der Erfolg wurde greifbar.

Dennoch: Gitarrist Patrick Hagmann, 32, arbeitet immer noch hauptberuflich als Erzieher in einem Behindertenheim, seine Kollegen haben ähnliche Jobs. Hagmann sagt: „Vor zehn Jahren hätten wir mit diesem Deal und der Popularität, die wir jetzt haben, gut von der Musik leben können. Heute nicht mehr. Es ist zumindest in Deutschland eine Illusion, dass man als Rockmusiker allein von Plattenverkäufen seinen Unterhalt finanzieren könnte.“



Nichts Neues. Ganz im Gegensatz zum kommenden FMT-Album „Isolation“ (erscheint am 18. Juli), mit dem die Gruppe vermutlich einige Anhänger verlieren wird, wie erste Reaktionen in Internetforen zeigen. Der neue Sänger Martin Fischer hat dem gutturalen Gesang bis auf einige, unkontrollierte Grunzer abgeschworen, die Band klingt insgesamt runder, aber auch gebremster und untechnischer.

Die neue Milde dürfte das Heavylager polarisieren. Ruf sagt, dass man bei Century Media vom Isolation-Material erstmal ziemlich überrascht gewesen sei. „Dann fanden sie es aber cool und meinten, es bringt nichts, wenn wir nur für die Befriedigung bestimmter Erwartungen so weitermachen, wie bisher. Das wäre nicht ehrlich.“



Am 19. Juli stellen FMT ihre Mutprobe im Freiburger Crash vor. Hier kamen bei den vergangenen Konzerten der harten Schiene (Master und Graveworm) gerade mal etwa 150 Besucher. Für die Veranstalter ein Minusgeschäft. Hopser, Mitbetreiber vom Crash, sagt: „Wir machen solche Gigs ja gern. Aber Freiburg ist einfach zu klein für eine Metalstadt.“

Mehr dazu:


Was
: Baden in Blut (mit Destruction, God-Dethroned, End of Green und anderen)
Wann: Samstag, 12. Juli ab 12 Uhr
Wo: Landschaftspark Grütt, Lörrach
Eintritt: 29 € (nur noch "Abend"kasse)

Was
: Fear my Thoughts & Lower Hell (Oberkirch)
Wann: Samstag, 19. Juli 2008, 21 Uhr
Wo: Crash, Schnewlinstr. 7

Extra
: Zuletzt sei auf ein tolles Benefizprojekt von Metalbands aus der Regio hingewiesen: Emmendingen United