Baden, Du hast mich zur Schwäbin gemacht!

Johanna Wagner

Weltoffen und naiv zog fudder-Autorin Johanna Wagner nach dem Abi von Böblingen nach Freiburg. In Freiburg angekommen lernte sie den Hass kennen. Den uralten Hass zwischen Badenern und Schwaben:



Leute aufgrund ihrer Herkunft zu hassen fand ich persönlich ja noch nie so geil. Der Provinzial-Rassismus zwischen Badenern und Schwaben ging während meiner Kindheit und Jugend an mir vorbei. Ich wusste zwar, welche Nachbardörfler ich im Falle des Zusammentreffens mit Steinen bewerfen muss, aber dass ich auch einen Großteil des restlichen Bundeslandes hassen sollte, war mir nicht klar.


Gut, nach einem Fußballspiel gegen Badener Mannschaften hatten meine Kumpels ab und zu ein blaues Auge mehr oder einen Zahn weniger als üblich, aber haarscharf kombinieren war auch noch nie meine Stärke.



Der erste Kontakt mit dem Feind

Dann kam ich nach Freiburg und wurde eines Besseren belehrt. Ich saß zu Beginn des ersten Semesters mit netten Leuten aus Karlsruhe und Freiburg zusammen. Im Laufe des Abends (zugegeben nach ein paar Bier) dachte ich, es sei Zeit intim zu werden und nannte sie ganz liebevoll „Badenser“.

Das Ding war: Mir war nicht klar, dass das Wort „Badenser“ ein Schimpfwort ist. Jeder meiner Bekannten nannte die Badener eben Badenser oder Gelbfüßler. Durch meine naiven Blindheit und meiner Neigung die Welt als Ort der Liebe anzusehen, kam ich nie auf die Idee die Bedeutung des Wortes zu hinterfragen. Hätte ich mal lieber machen sollen.

Das Wort „Badenser“ war also gefallen. Während ich noch fröhlich und freundesuchend in die Runde grinse, entstand ein peinliches Schweigen. Sehr distanziert wurde mir die Bedeutung des Wortes erklärt. Mir wurde auch erklärt, dass durch das Schwabentor einst ein Schwabe vertrieben wurde. Es wurde weiterhin angedeutet, dass sich die Geschichte immer wieder wiederholen kann. Auch im 21. Jahrhundert.

Die Jungs am Tisch spannten ihren Bizeps an, die Mädchen schliffen ihre Fingernägel. Heugabeln und Fackeln wurden parat gestellt. Ich hatte Angst.



Der Rückzug

Das restliche erste Semester verbrachte ich mit anderen Schwaben. Meist hatten wir uns ängstlich in dunkle Ecken zurückgezogen und machten Kehrwoch' oder aßen Käsespätzle. Ich war im Land des Feindes. Nach Sonnenuntergang verließ ich das Haus nicht mehr.

Als ich mich auf Grund meines wilden Übermuts dann doch mal nach Einbruch der Dunkelheit auf einer WG-Party tummelte, offenbarte ich (zugegeben wieder nach ein paar Bier) meine wahre Identität als Schwäbin. Daraufhin wurde mir ins Ohr geflüstert: „Was haben Schwaben und Äpfel gemeinsam? Beide sind am schönsten, wenn sie am Baum hängen!“



Ich ging nach Hause und weinte sehr, sehr lang. Ich rollte mich in meinem Spätzles-Nescht zusammen und nahm meinen Kuschelbesen in den Arm.

Das Problem war, dass ich niemals stolz darauf gewesen war, schwäbisch zu sein. Es war mir recht unangenehm wenn sich der aus Stuttgart kommende Herr Maier mit seiner riesigen Wampe im Feinripp-Unterhemd mit einer Bauchtasche geschmückt und seine sockigen Füße in Sandalen geschützt „no ne Kuatro Formadschi und o' Halbe“ in Italien bestellt hatte.

Und danach „so a Ladde Matschiado“. Noch unangenehmer war es mir, wenn er sich am Ende des Essens über die Preise beschwerte. Auch mit Eigenschaften wie Sparsamkeit und Sauberkeit konnte ich mich nie wirklich identifizieren.

Ich informierte mich über die Wurzel des mir auferlegten Hass-Erbes. Nach monatelangen Recherchen fand ich heraus: So viele Gründe für den Hass gibt es gar nicht. Man hasst sich eher so aus Prinzip. Der Hass zwischen Schwaben und Badenern gehört einfach zum guten Ton.

An und für sich habe ich nichts gegen prinzipiellen Hass – da muss man schon nicht drüber nachdenken. Prinzipieller Hass ist ein bequemer Hass. Wenn ich aus Prinzip gehasst werde, so möchte ich dem Prinzip auch gerecht werden.



Schwäbisch aus Prinzip

Und so bin ich schwäbisch geworden: Ich beschimpfe die Badener jetzt zuerst, wenn ich sie treffe. Ich schüttele den Kopf, wenn die Badener wieder viel zu viel Geld ausgeben für unnötige Dinge wie Strom, Wasser und Essen. Sind sie im Sommer barfuß, weise ich sie auf den leichten Gelbstich ihrer Füße hin.

Noch dazu muss ich den Badenern natürlich beweisen, dass ich fleißiger und ehrgeiziger bin als sie. Ich murmelte also monatelang in der Unibib „schaffe, schaffe, Häusle baue“ vor mich hin und freute mich über schlechte Noten meiner badischen Kommilitonen wie über eine Nachzahlung oder ein frisch gekehrtes Treppenhaus.

Aß ich mit meinen prinzipiellen Feinden in der Mensa, warf ich ihnen verachtungsvolle Blicke zu, wenn ihr Teller nicht leergegessen war. Ich murmelte „lieber n' Moge verrängt, ols m Wirt was g'schenkt.“

Bin ich umgeben von Badenern, schreie ich zu meinen Freunden: „Pasch uf d'Dasch uf, die klauet hier älle!“

Und hier stehe ich also und bin knausrig und geizig, schaff' den ganzen Tag und kehre zum Feierabend das Treppenhaus. Noch dazu spreche ich furchtbaren Dialekt, der mir jedes Date versaut.

Danke Baden, danke Hass. Das Leben macht so gar keinen Spaß mehr.



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