Auswärtsfahrt zum Tivoli

Bernhard Peter

Die Begegnung Alemannia Aachen gegen SC Freiburg war aus südlicher Sicht weniger erfreulich. Jedoch vermag es das Flair des Tivolis immer noch, jedes Fußballerherz zu erwärmen, wie unser Seepark-Schlachtenbummler Börny zu berichten weiß. Randbemerkungen vom Kartoffelkäferkick.



Vergangenheit

Beim Betreten des altehrwürdigen Tivoli in Aachen mit seinen steilen Stehplatzrängen und den Flutlichtmasten aus einer anderen Zeit kommen mir auf verklärte Art und Weise Schwarzweißfotos der Oberliga West in den Sinn.

Jene Ära des deutschen Fußballs zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn der Bundesliga 1963, als der Fußball noch frei war von Finanzmogulen á la Abramovich; keine astronomischen Spielergehälter, keine VIP Logen und auch keine Cheerleader mit Pompons in Vereinsfarben.

Spieler, die Atom-Otto (Otto Luttrop) gerufen wurden, von Vereinen wie Westfalia Herne, Sportfreunde Katernberg (Essen) und STV Horst-Emscher fuhren hauptberuflich „inne Pütt“ ein, wohnten in der Zechensiedlung und begossen in der Eckkneipe ihre Sieg.



Da die Luft zu jener Zeit sowieso permanent Ruß-geschwängert war, wäre auch kein Politiker auf die Idee gekommen, ein Rauchverbot in Kneipen vorzuschlagen.

Gegenwart

Beim Einlaufen der Mannschaften werde ich jäh ins Hier und Heute zurückgeholt. In einer gemeinsamen Choreographie entrollen Aachener und Freiburger Fans Transparente gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Die Aktion richtet sich speziell gegen die Vorverlegung der Anstoßzeiten, die, sofern es nach der DFL geht, am Sonntag um 12:30 Uhr stattfinden sollen.



Während im Aachener Fanblock in schwarz-gelben Lettern „Gute Zeiten...“ zu lesen ist, recken die Freiburger Anhänger rot-weiße Schriftzüge mit „Schlechte Zeiten“ in die Höhe. Begleitend zu den „Scheiß DFB“-Sprechchören aus beiden Fanlagern lässt es sich der Lagnese-uniformierte Eisverkäufer nicht nehmen, zum x-ten Mal seinen Weg durch den SC-Fanblock zu suchen und verzweifelt seine Ware an den Mann zu bringen.



Der Spielverlauf ist schnell erzählt, denn fußballerische Höhepunkte sind Mangelware. Vor dem Spiel hatte sich Kapitän und Abwehrchef Heiko Butscher beim Aufwärmen verletzt. Gegen die an diesem Tag beherzt auftretenden und kampfstarken Kartoffelkäfer kommt der Sport-Club nur selten zu gelungenen Spielzügen und hat Glück, nicht schon in der Halbzeit zurückzuliegen.

Nicht erst bei den zwei hochkarätigen Kopfballchancen der Aachener durch Auer (24.) und Daun (34.) wird Butschers Kopfballstärke schmerzlich vermisst. Den späteren Fernsehbildern nach zu urteilen, hätte sich der SCF zudem auch nicht beschweren können, wenn der Schiedsrichter nach einem Handspiel von Kevin Schlitte auf den Punkt gezeigt hätte.



In der zweiten Halbzeit gelingt es den Freiburgern zu selten, zwingende Aktionen in Richtung des gegnerischen Strafraums vorzutragen. Am Ende kann die spielerisch selten überzeugende Alemannia nach einem Querschläger im Freiburger Strafraum noch zum nicht unverdienten 1:0 einnetzen (84., Daun).



Vielleicht wäre das Spiel anders verlaufen, wenn die Protestbanderolen der Fans anders verteilt gewesen wären. Wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass wir uns „Schlechte Zeiten“ auf die Fahnen schreiben und nicht die Aachener? Immerhin durfte man einem der letzten Heimspiele auf dem Tivoli beiwohnen, bevor auch diese traditionsreiche Spielstätte einer modernen Arena weichen muss.

Vielleicht freut sich über diesen Upgrade ja wenigstens Heiko Butschers Freundin, die in politisch korrekter, schwedischer Röhrenjeans samt Chihuahua-Verschnitt auf der maroden Haupttribüne Platz nehmen musste.