Aussteigen auf Zeit: Wwoofen auf dem Milchmattenhof im Obermünstertal

Adeline Bean-Thompson & Jana Lang

Auf dem Milchmattenhof leben nicht nur Kühe, die Bauernfamilie und Feriengäste, sondern auch sogenannte Wwoofer: Menschen, die Landluft schnuppern wollen und zeitweise auf dem Bauernhof leben und mitarbeiten. Ein Besuch im Obermünstertal:



Samstagnachmittag kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Katharina Krauß zieht sich eine Arbeitshose und Gummistiefel an, verlässt das Haus und geht auf die Kuhweide. Es ist still, nur die Kühe muhen und die Glocken, die sie um den Hals tragen, läuten. Über ein Dutzend Rinder grasen auf der Wiese. „Komm, Komm“, ruft Katharina den Kühen entgegnen und nähert sich ihnen. Sie streichelt sie und langsam und mit viel Geduld schubst sie die Tiere Richtung Stall. Jede Kuh hat einen Namen und einen fest zugewiesenen Platz. Kuh Lisa findet ihren zuerst nicht. Katharina ruft sie und bringt sie an ihren Ruheplatz. Im Stall riecht es nach Kuhmist und Stroh. Katzen und Hühner laufen frei herum.

Katharina Krauß gehören aber weder die Kühe, noch arbeitet sie fest auf dem Bauernhof. Sie „wwooft“ - und zwar auf dem Milchmattenhof von Norbert Schneider, nur wenige Kilometer von Freiburg entfernt, im Obermünstertal. Wwoofen steht für „World Wide Opportunities on Organic Farns", also weltweite Möglichkeiten auf ökologisch betriebenen Bauernhöfen.



Bauer Norbert Schneider ist ein Mann von 56 Jahren mit einem zurückgehaltenen Lächeln und starkem badischen Dialekt. Seine Eltern haben den Milchmattenhof in den 1930er Jahren gekauft; damals gab es zu dem Hof noch nicht einmal eine Straße. Der Wunsch, selbst in der Landwirtschaft zu arbeiten, kam in Schneider erst mit über 40 Jahren auf.

Seit 13 Jahren hält er nun Hinterwälder-Rinder, eine alte, artgeschützte Kuhrasse, die länger lebt und weniger krankheitsanfällig ist als andere Kuhrassen, aber auch weniger Milch gibt. Auf dem Hof leben nicht nur 15 Milchkühe, sondern auch fünf Kälber, zwölf Ziegen, sechs Hühner und viele Katzen. Außerdem: Norbert Schneider, seine Partnerin, Stallhelferin Ulrike, ab und zu Feriengäste und immer wieder bis zu drei Wwooferinnen oder Wwoofer, die kommen, um das Bauernhofsleben im Schwarzwald kennen zu lernen.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages bringen Licht in den dämmrigen Stall. Wwooferin Katharina hat einen großen Eimer in der Hand, aus dem sie Futter in die Tröge der Kühe schaufelt. Danach holt sie die Melkmaschine und kniet sich zur ersten Kuh. Sie melkt sie mit der Hand an, um zu testen, ob die Milch infiziert ist. Alles ist in Ordnung. Sie leert die Milch in eine blaue Schale und stellt sie den Katzen hin, die schon ungeduldig darauf warten.

Dann schließt sie die Melkschläuche an das Euter an. Norbert Schneider fährt währenddessen draußen auf den Wiesen mit dem Traktor Jauche aus. Als die Sonne untergegangen ist, wird es deutlich kälter. Katharina arbeitet sich langsam von Kuh zu Kuh.



Wenn Katharina nicht gerade Kühe melkt, ist sie als freie Journalistin in Freiburg tätig, reist um die Welt und arbeitet vor allem mit ihrem Kopf. Aufgewachsen ist sie jedoch auf dem Land und war schon früh fasziniert von Bauernhöfen und Tieren. Irgendwann erzählte ihr eine Freundin vom Wwoofen, und Katharina sah darin eine Möglichkeit, ihr Leben zu entschleunigen und Raum für Tiere und Arbeit auf dem Land zu schaffen, ohne ihren Beruf aufgeben zu müssen.

Auf dem Milchmattenhof können Wwooferinnen und Wwoofer in vielerweise mithelfen: Im Haushalt, bei den Ferienwohnungen, auf dem Gelände und natürlich im Stall. Zu Beginn nimmt sich Bauer Norbert Schneider meistens einige Tage Zeit, um die neuen Aushilfen einzulernen, bis diese dann selbstständig die Kühe versorgen können. „Einige lernen sogar Traktor fahren“, erzählt er mit leuchtenden Augen. Die meisten Wwoofer arbeiten jedoch lieber bei den Kühen. 

Neben den Pflichtaufgaben bleiben auch Möglichkeiten, sich selber mit eigenen Projekten im Hof einzubringen oder zwischendurch mal ein Mittagsschläfchen zu halten. Manche Wwoofer kochen abends lieber nur für sich, andere nehmen am gemeinsamen Abendessen teil, und manchmal wird Norbert Schneider sogar bekocht. Er genießt die Abwechslung und neuen Menschen auf seinem Hof.



Den Winter über will Katharina immer wieder einige Tage auf dem Milchmattenhof verbringen. Hier kann sie abschalten, obwohl von Entspannung eigentlich keine Spur ist: Morgens um 6:30 Uhr muss sie im Stall stehen. Die Kühe haben es ihr besonders angetan. Katharina hält sie für völlig unterschätzt: „Eine Kuh kann einem viel über das Leben beibringen, sie lässt sich nicht hetzen, und man muss einfach auf sie warten, denn versorgt werden muss sie ja trotzdem. Das kann man nicht einfach auf morgen verschieben wie die Fertigstellung eines Textes oder das Beantworten einer E-Mail.“

Vor dem Milchmattenhof war sie bereits auf einem anderen Schwarzwaldhof, der ihr aber nicht so gut gefallen hatte: „Die Arbeit war zu hart, und man musste im Stroh schlafen. Das machte eine Woche lang Spaß, dann aber nicht mehr.“ Bei Norbert Schneider gefällt ihr besonders gut, dass sie ihr eigenes Zimmer hat und der Bauernhof modernen Ansprüchen gerecht wird: Eine heiße Dusche, ein wenig Privatsphäre und einen Internetanschluss. Das findet sie doch wichtig - vor allem für längere Wwoof-Aufenthalte.

Norbert Schneider hatte in den letzten fünf Jahren über 50 Wwooferinnen und Wwoofer zu Gast. „Ich glaube, dass der Wunsch, diese Arbeit zu machen oder mit Tieren umzugehen, einfach irgendwo in vielen drinnen ist.“



Die meisten Wwooferinnen oder Wwoofer kommen allein, aber manche kommen auch zu zweit. Die erste Wwooferin kam aus Japan und wollte dort den Bauernhof ihres Großvater übernehmen und auf dem Milchmattenhof Erfahrungen sammeln. Seitdem hatte Schneider bei sich: Landwirtschaftslehrer, Traktorfahrer und sogar Studentinnen aus Taiwan. Über E-Mails und eine eigene Facebookseite hält er Kontakt mit vielen ehemaligen Wwooferinnen und Wwoofern, die ihm ans Herz gewachsen sind.

Spontan fallen ihm keine schlechten Erfahrungen ein. „Das mit dem Wwoofen ist schon eine klasse Sach'.“

Katharina ist nun mit dem Melken fertig und leert die Milch in einer große Kanne. Erst mit kaltem dann warmen und wieder mit kaltem Wasser reinigt sie gründlich die Melkmaschine. Dann verlässt sie den Stall und überquert den Vorplatz. Sie zieht ihre Gummistiefel aus und betritt das Haus. Sie muss sich erholen. Morgen geht es weiter. Um 6:30 Uhr.



Was ist Wwoofing?

Wwoof ist ein weltweites Netzwerk, bei dem freiwillige Helfer im Tausch gegen Unterkunft und Verpflegung auf ökologisch betriebenen Farmen mithelfen können. Mehr als 90 Länder sind mittlerweile beteiligt an der Bewegung, die in den 1970er Jahren in England entstand.

Auf der Website wwoof.de muss sich der Freiwillige registrieren und bekommt gegen ein Entgelt von 18 Euro jährlich Zugang zu einer Adressdatenbank. Dann kann er Kontakt mit den Höfen aufnehmen und alles abklären, was für den Aufenthalt wichtig ist: Arbeitsanforderungen, Unterbringung, Dauer des Aufenthalts.

Die Freiwilligen kommen aus allen Altersschichten, und genauso vielfältig sind die möglichen Arbeiten und Unterbringungsmöglichkeiten: Man kann auf dem Feld oder im Haushalt arbeiten. Man wohnt im eigenen Appartement oder im Zimmer im Bauernhaus mit vollem Familienanschluss. Manchmal muss oder kann auch gezeltet werden.

Für den Bauern selbst, der durch seine Arbeit oft an den Hof gebunden ist, bietet sich die Möglichkeit, über seine Wwoofer Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen und außerdem frischen Wind und Austausch über andere alternative Bauernhofkonzepte zu erhalten.

Da der vielseitige Austausch im Vordergrund des Projekts steht und der Wwoofer auch genug Zeit haben sollte, die Umgebung zu besichtigen, funktioniert Wwoofen ohne Geld, nur im Austausch gegen Unterkunft, Verpflegung und familiären und kulturellen Anschluss.    

Die Autorinnen


Adeline Bean-Thompson (22, Ethnologie & Spanisch) und Jana Lang (23, Ethnologie & Kognitionswissenschaften) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) haben sie im Wintersemester an einem Berufsfeldorientierte Kompetenzen (BOK)-Kurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Manuel Lorenz und Carolin Buchheim angeboten haben. Im Rahmen dieses Kurses haben die drei Studierenden diese Reportage konzipiert, recherchiert und geschrieben.

Mehr dazu:

 

Fotogalerie

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.