Außenansicht: Ein Amerikaner in Freiburg

Mason Whitman

Mason Whitman ist 18 und hat im Mai in Memphis, Tennessee, seinen High School-Abschluss gemacht. Nun wird er ein Jahr lang im Rahmen eines Austauschs aufs Theodor-Heuss-Gymnasium gehen. Uns hat er von seinen ersten Freiburg-Eindrücken erzählt. Eine Außenansicht über Mülltrennung, Wagenburgler und den Seelenzustand der Freiburger.



Schorle mit Eis

Nach einer vierstündigen Fahrt, ich war zuvor in Bonn, steige ich aus dem Zug am Freiburger Hauptbahnhof. Warm ist es hier, die Sonne scheint. In Nordrhein-Westfalen, wo ich den Sommer verbrachte, war es meist wolkig und regnerisch.

Ich war überrascht und glücklich, als mein Gastvater mir ein Glas Apfelschorle mit Eis anbot. Bevor ich nach Deutschland kam, hörte ich immer wieder, dass man in Deutschland nie Getränke mit Eis trinken würde. Nach ein Paar Schlücken von der kalten, erfrischenden Apfelschorle wusste ich, dass Freiburg zu mir passen würde.



Mülltrennung

Freiburg ist eine durchaus passende Stadt für einen jungen, durstigen Reisenden. Und eine saubere Stadt mit Bewohnern, die sich wirklich um Nachhaltigkeit kümmern. Ich wohne im Vauban. Wie mir scheint, zeigen die Leute dort viel Initiative, um einen ökologischen Lebensstil anzuwenden. Das ist mir sehr wichtig. Die ganze Stadt scheint sehr umweltfreundlich zu sein. Fast jeder sortiert den Müll in verschiedenen Tonnen.



Das finde ich ungewöhnlich. In den Staaten, besonders in meiner Heimatstadt Memphis, gibt es kein Recyclingsystem. Jede Familie hat nur eine Mülltonne und kümmert sich nicht weiter um Mülltrennung.

Es gibt auch kein großes Interesse für alternative Energien. In Freiburg beschäftigt man sich ernsthaft mit Themen wie Windkraft und Solarenergie.



Freiburg ist überschaubar. Man kann die meisten Strecken mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen. Und wenn dein Fahrrad kaputt ist oder dein Bein verletzt, gibt es immer noch die Straßenbahn. Ich finde das VAG-Netz übersichtlich. Das macht umweltfreundliches Verhalten leichter.



Ohnehin scheint es mir unnötig, in Freiburg ein Auto zu haben. Ich bin hier noch nie in einem Auto gesessen. Das Fahren wäre wohl recht nervenaufreibend, da die Straßen ja von Radfahrern, Fußgängern und Straßenbahnen belegt sind.

places to be

Die Schönheit von Freiburg ist nicht bloß in den Werbeprospekten zu sehen, sondern auch in natura. Es gibt viele Bars und Clubs, sowohl moderne, als auch alternative. Ich gehe zum Beispiel gerne ins Art Café.



Es ist ein bisschen komisch, aber trotzdem finde ich die Stühle mit Zebramuster und die Kellerbar sehr geil. Auch das Lokal am Waldsee gefällt mir. Jeden Dienstag gibt es dort ein Konzert aus der Reihe Jazz ohne Stress. Die Musiker sind gut und der Eintritt frei.

Münster

Auch die Architektur der Stadt gefällt mir. Vor allem die des Freiburger Münsters.



Ich habe auch schon den Kölner Dom und Ulmer Münster besichtigt, aber das Freiburger Münster ist einzigartig. Ich war überrascht, als ich erfuhr, dass das  gesamte Kirchenvermögen im 19. Jahrhundert in der Hand der staatlichen Verwaltung war.



An der Südseite des Münsters hängt ein Wasserspeier mit entblößtem Hintern. Dieser zeigt in die Richtung des erzbischöflichen Palais, eine Beleidigung für die Hierarchie der Kirche. Das Münster wurde von den Bürgern unter großen Opfern gebaut. Deswegen gehört es den Bürgern.



Protest

Eine Sehenswürdigkeit der anderen Art war für mich die Wagenburg, die am Eingang vom Quartier Vauban steht. Ich laufe jeden Tag daran vorbei. Am Anfang wusste ich nicht, dass die Wagenburg aus einem Protest heraus entstanden war. Mein Gastvater erklärte mir, dass es sich bei diesen Aktivisten um eine Bewegung gegen das Green Business Center handele.



Ich sagte ihm, dass etwas Derartiges bei uns sofort von der Polizei geräumt werden wurde. Da wurde der Gastvater sehr ernsthaft und sagte: "Weißt du, wenn die Leute, die in Freiburg wohnen, irgendetwas nicht mögen, machen sie viel Aufhebens darum. Die Bürger hier haben wirklich viel Macht. Und wenn etwas in ihren Augen falsch läuft, ärgern sie sich und protestieren dagegen.“

Der Bundestagswahlkampf ist auch etwas, worüber sich viele Leute aufregen. Ich höre von jedem, dass Merkel bestimmt Bundeskanzlerin bleiben werde. Ich finde es jedenfalls echt toll, dass ihr es geschafft habe, einen grünen Bürgermeister zu wählen. Im Übrigen gibt es in den USA keine Wahlkampfplakate, auf denen Köpfe abgebildet sind. Zu sehen sind nur die Namen der Kandidaten und ein kleiner Slogan.

Der Name der Stadt ,,Freiburg“ scheint einen ziemlichen Einfluss auf den Seelenzustand der hiesigen Bevölkerung zu haben. Ihr seid Leute, denen Freiheit etwas bedeutet. Und ihr seid wohl auch bereit, dafür zu kämpfen.



Ich freue mich darauf, ein Jahr lang in Freiburg zu leben. Ich bin hier als Austauschschüler. Ab nächsten Montag werde ich am Theodor-Heuss-Gymnasium als Zwölftklässler am Unterricht teilnehmen und so mein Deutsch verbessern. Dann will ich in den USA mein Studium beginnen.

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