Aufregen ist ihr Hobby

Ausblick auf fünf Jahre Sexismus, Queer-Hass und Rassismus – was Dita Whip über die Wahlen denkt

Dita Whip

Anstelle einer entspannten Kolumne über die Vorteile von wasserfester Kosmetik an Tagen mit mehr als 36 Grad regt sich unsere Kolumnistin Dita Whip auch im Juni auf. Über Heidi Klum, die zurückliegenden Wahlen und vieles mehr.

Juni: Mir ist jetzt schon viel zu warm und es ist Pride Month. Das Jahr und "Aufregen ist Ihr Hobby" haben die erste Halbzeit hinter sich. Ich würde sagen, in einem Anflug von kolumnistischer Faulheit, kann ich nun endlich über ein schönes Thema schreiben. So #JeSuisSommerloch. Das Aufregen war in letzter Zeit so anstrengend.


Ah.. Fuck! Allerdings waren die letzten Tage so vollgestopft mit idiotischen und hasserregenden Dingen, selbst mein Aufrege-Modul musste Überstunden schieben. Und so gibt es auch im Juni eine Runde "Aufregen ist ihr Hobby".
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One-"Woman"-Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen, die die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.

Fangen wir doch im Pride Month mit dem Thema CSD an. Vor zwei Wochen war ich auf dem CSD in Wiesbaden zu Gast. Ich traute meinen dezent geschminkten Augen nicht, als ich einen Info- Flyer zum CSD in die Hand gedrückt bekam. Darauf weist das Automatenspiel am Kurhaus Wiesbaden auf Folgendes hin: "[Damit] die normale Lebensweise von uns und unseren Gästen nicht nachteilig beeinflusst wird, erwarten wir, dass Sie vom Besuch unserer Räumlichkeiten am heutigen Tage Abstand nehmen." Seit wann ist das notorische Geld verschwenden Teil einer normalen Lebensweise? Und warum zur Hölle ist der Einwurf einer Zwei-Euro- Münze eine Lebensweise? Überflüssig zu erwähnen, dass ich direkt Lust hatte, vorbeizugehen und sehr unfreundlich zu werden. Falls noch jemand dümmlich fragt, weshalb es noch immer CSDs bedarf – dies sollte Beispiel genug sein.

PS: Wenn mir ein Anwalt vielleicht bei der Klärung der Frage: "Ist vor der Tür eines Geschäftes einen Scheiterhaufen aufstellen Teil der freien Meinungsäußerung?" helfen möchte... Hit me up!

Kritik an der Zürich Pride

Zwischenzeitlich schafft es das Komitee der Züricher Pride, die Gesichte von 50 Jahren Stonewall in Melonenbällchenmacher-Art auszuhöhlen. Kritik an den Veranstaltern wird laut, dass unter anderem das Line-Up nicht genug Raum für lokale queere Künstler lässt. Bei Bookings wie Luca Hänni und Rednex ist das nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt. Dass das Hin- und Her bei Cashless Pay ein sinnlos bankengesteuertes Drama ist, die generierten Gewinne kaum in queere Taschen fließen und die Stadtpolizei einen queeren Blick hinter die Kulissen anbietet. Uhm, warte... Stonewall fing doch irgendwie mit Straßenschlachten gegen die Polizei, Polizeiwillkür und Razzien an. Schön. Manch Ironie ist so stark, das kann man satirisch gar nicht mehr zuspitzen. Thanks Zürich Pride for doing my job for me!
Das Zürich Pride Festival ist ein jährlich stattfindendes Festival in Zürich, das für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Menschen mit Transidentität, Intersexuelle und Queers einsteht. Dieses Jahr findet es am 15. Juni statt.

Dann waren ja noch am 26. Mai 2019 diese Wahlen. Die Wahlen mit dem sehr grünen und doch verstärkt braunen Ergebnis in halb Europa. Man braucht keine langgezogene Wahlanalyse, um zu wissen, dass rechtspopulistische, vergangenheitsversessene und sozial rückschrittliche Tendenzen auf dem Vormarsch sind. Und dass diese nicht unbedingt LGBT-freundlich sind: kein Geheimnis! Wenn diese Katastrophe nicht schon längst genügend Zündstoff für eines jeden Pulverfass der Sorge ist: Liebe Freiburger, wir haben die "besorgten Bürger" jetzt auch im Gemeinderat. So nennen die Pappnasen von SPD und CDU/CSU sowas, ich würde ja gleich Nazi sagen! Beides Vorzeige-AfDler aus dem völkischen Flügel. Wir dürfen uns also fünf Jahre auf Sexismus, Misogynie, Queer-Hass, Zynismus, Rassismus und andere braune Auslassungen freuen. Jemand Lust auf gnadenloses "AfD-Watching-und-Bloßstellen" die nächsten fünf Jahre? Anmeldungen bitte an mich!

Der Klum-Hass geht in eine neue Runde

Ich erspare es mir jetzt, in der Breite auf die Verfehlungen der politschen Ideen-Resterampe AKK einzugehen. Da muss man – auch abseits queerer Themen – nicht wirklich viel schreiben. Dass diese Person ein Griff ins Klo der Politik ist, war schon seit der Ablehnung der Ehe für Alle und dem Gleichsetzen dieser mit Sodomie keine Neuigkeit. Wo wir bei Resterampen sind: Es gibt auch wieder neue Gründe, Heidi Klum zu hassen. Heidi-Klum-Hassen ist eine meiner persönlichen Leistungssportarten. Neben übertrieben schminken und Wein trinken.
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Nein, erstaunlicherweise steht der Klum-Hass diesmal nicht in Verbindung mit GNTM, sondern mit der US-Drag-Queen-Castingshow RuPauls Drag Race. Wer Drag Race bis jetzt nicht kennt, hat die letzten elf Jahre auch unter einem Stein gelebt. Redseven – die Produktionsfirma, die Pro 7 zuarbeitet – hat die Rechte an der sehr beliebten Drag-Queen-Serie für Deutschland erworben. Und wohl auch schon fleißig gecastet. Wo war bitte meine Einladung!? Die Chose sollte anfangs wohl von Olivia Jones moderiert werden, einige andere waren auch im Gespräch. Wenn man Jurassica Parkaund der gut informierten Gerüchteküche der Drag-Sisterhood glauben schenken darf, geht die Moderation der Serie wohl an den wandelnden Albtraum in Plusquamperfekt. Ja, Heidi Klum soll die Sache moderieren. Allein die räumliche Nähe dieses Namens an der Serie löst bei mir schon einen krankhaften Würgereflex aus.

Der Sendung sollen unterdessen auch alle Themen genommen werden, die sie im Orignal so liebenswert gemacht hat: Coming Out, HIV und das Leben damit, Diskriminierung, Selbstfindung und andere unglaublich wichtige Themen für die queere Community. Naja, was soll man auch anderes aus dem deutschen Strudel der TV-Kloake erwarten. Es stinkt halt an allen Ecken und Enden nach der Ausbeutung queerer Kunstformen, queerer Andersartigkeit und queerer Gesichten. Egal, wie viele Haarteile und Glitter sich die Klum antackern lässt.

Uh, so langsam erschöpfen sich nicht nur meine Aufregungs-Akkus, sondern auch der Platz in dieser Kolumne. Dementsprechend fasse ich den Rest der zu beanstandenden Themen noch fix wie folgt zusammen: Pinkwashing von Unternehmen im Pride Month, die AfD als beinahe Volkspartei im Osten und Personen, die Leute auf Dating-Apps anschreiben und fragen, warum sie ihnen nicht auf Instagram folgen. Ich glaube, das fasst es ganz gut zusammen.

Ich geh jetzt ein Wassereis in Wodka tauchen und versuche, den ganzen Mist per Pegel zu pegeln.



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