Aus Müll mach schön: Upcycling aus Südbaden

Laura Maria Drzymalla

Möbelstücke aus ausgemusterten Euro-Paletten, Lampenschirme aus Einweg-Plastikflaschen und Schmuck aus zerkratzten Schallplatten – Upcycling heißt das Phänomen, bei dem Weggeworfenes zu etwas Neuem gemacht wird. Der Trend ist nicht nur umweltschonend, sondern auch ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft. Wir stellen drei junge Unternehmer aus Südbaden vor, die Neues aus Altem erschaffen.

 

Grünetüte

Backpapier, Handtuch, eine Plastiktüte und das Bügeleisen auf Stufe 3. Wer aufmerksam durch den Stühlinger radelt, kann auf einem Balkon unweit der Eschholzstraße möglicherweise Grünetüte-Gründer Benjamin Lorenz mitsamt seiner Bügelmaschine erspähen.

Der 26-jährige Freiburger verschmilzt bunte Plastiktüten zu Ohrringen, Ketten und Täschchen. Die Tüte legt er dabei zwischen zwei Lagen Backpapier und bügelt sie durch  ein Handtuch hindurch so lange, bis eine strukturierte Plastikschicht entsteht, die dick genug ist, um sie mit der Nähmaschine zu vernähen. Die Maschine gehörte übrigens einst seiner Oma.

„Ich hatte die Idee, nachdem ich die Dokumentation ’Plastic Planet’ gesehen habe“, sagt Benjamin, der als Assistent der Geschäftsleitung in einem Freiburger Autohaus arbeitet. „Der Film hat mich auf das Müllproblem aufmerksam gemacht. Schmuck daraus herzustellen macht superviel Spaß – und Plastiktüten hat einfach jeder zuhause.“

So ist der Name Grünetüte nicht etwa auf Rauschmittel zurückzuführen: Benjamin will mit seiner Marke auf übermäßigen Tütenkonsum aufmerksam machen, aber ohne dabei mit dem ökologischen Zeigefinger zu mahnen.Für seine Stücke  wählt er Ausschnitte von Logos der großen Supermarktketten, wie  den Slogan „Hier bin ich Mensch“ einer großen Drogeriemarktkette, oder einfache und schöne Drucke, wie die dunkelroten Tomaten eines Supermarkts. Plastiktüte ist für Benjamins Zwecke übrigens nicht gleich Plastiktüte: „Rewe-Tüten funktionieren nicht, aber Aldi zum Beispiel lässt sich supergut verbügeln.“

 

Faden*gold



Wer das handbestickte Taschentuch mit den Initialen der Oma und das beige-braun-karierte Lieblingshemd vom Opa noch aufbewahrt hat, der kann es zu Silvia Kurz nach Emmendingen ins Atelier Faden*gold bringen und sich eine Laptophülle daraus machen lassen. Die gebürtige Münchnerin macht Fashion-Upcycling: Sie schneidert aus alten Klamotten und gebrauchten Stoffen nostalgische Patchworkdecken, Taschen aus Jeans und Hemden, Stofftiere aus Kinderkleidung und mehr.

„Wenn meine Kunden ihre Dinge im fertigen Produkt wiedererkennen, das Schnuffeltuch oder die Schwangerschaftshose, hat das eine sehr hohe emotionale Wertigkeit.“ Auf privaten Kleidertauschpartys beschafft sie sich Stoffe und Kleider, trennt Knöpfe, Reißverschlüsse und Verzierung heraus, um sie für neue Produkte wiederzuverwerten.

Für Silvia stehen Umweltschutz und Wasserersparnis beim Upcyclen im Fokus. „Es ist eine Lebenseinstellung. Mittlerweile bin ich zur Sammlerin geworden, ich sortiere und sichte. Man kann so vieles wiederverwerten und muss nicht alles wegwerfen“, sagt Silvia, die einen grauen Schal, gefertigt aus einem Herrenhemd und einem fein gerippten Pulloverärmel, trägt.

Seit 2011 hat sie ihr Atelier in einer Emmendinger Künstlergemeinschaft; anfangs nur aus Spaß, heute ist Faden*gold ihr Hauptberuf. Neben einer Auswahl an Upcycling-Produkten bietet sie auch Nähkurse an. Der Schwerpunkt liegt bei Stoffen, aber auch Windlichter aus alten Gläsern und Drähten und kleine Holzprodukte stehen  für die Zukunft auf ihrem Kreativplan.  

Schwarzwaldgold



Das Material, aus dem Nana Fiedler Schmuck kreiert, liegt bei fast jeder Party in Südbaden zu Füßen der Partymeute. Für ihr Label Schwarzwaldgold stellt die 25-Jährige Schmuck aus recyceltem Stanniol her, das den Flaschenhals des Tannenzäpfle-Biers der Brauerei Rothaus zierte.

Damit der Glanz nicht verloren geht, überzieht Nana das goldene Stanniol mit einer schützenden Lasur und klebt es auf dünnes Holz. „Das Material an sich hat mich tatsächlich schon als Kind fasziniert. Wenn die Erwachsenen Zäpfle getrunken haben, habe ich das Papier geklaut und damit herumgespielt“, sagt die Mediendesignerin,  die seit 2013 ihr Gewerbe mit den kleinen glänzenden Folien betreibt. Die Rothausflaschen sammelt sie nicht alle selber, so viel Bier würde wohl den Arbeitsprozess hemmen. Freunde und Familie sammeln fleißig mit; zweimal hatte sie sogar schon Zäpfle-Gold-Folie ohne Absender im Briefkasten.

Jedes ihrer Schmuckstücke, egal ob Kette, Ohrring oder Anhänger, ist ein Unikat. „Die Arbeit mit dem Material drückt dessen Wertschätzung am besten aus“, sagt sie. „Egal, ob das alte Fahrradschläuche sind, zerbrochene Porzellanteller oder die Manschetten ausgetrunkener Bierflaschen – für mich ist das Ergebnis dann besonders gut, wenn das Ausgangsmaterial nicht mehr eindeutig erkennbar ist.“

Umweltschutz ist nicht Nanas primäre Motivation, ihr geht es vor allem um das Material an sich und um die Heimatgefühle, die sie und ihre Kunden mit dem scheinbar wertlosen Stück Alupapier verbinden. Trotzdem kann auch sie nichts mehr einfach so wegwerfen: „Ich überlege immer, was ich stattdessen damit anstellen könnte.“  

Was ist eigentlich Upcycling?

Ähnlich wie Recycling ist Upcycling eine Art der Müllvermeidung. Hier wird vermeintlicher Abfall als Material für neue Produkte verwendet. Dabei wird die Qualität des „Abfalls“ gesteigert, zudem ist  der Energieaufwand niedriger als beim Recycling. In Entwicklungsländern ist Upcycling oft notgedrungen Alltag, wenn aus den Resten von Autoreifen Schuhsohlen oder aus Dosen Schalen geflochten werden, weil es an Rohstoffen mangelt.

 

Noch mehr Upcycler aus Südbaden



Morendo memoria
Lisa Vöhringer aus Ehrenkirchen fertigt in ihrer Werkstatt Schmuck, Taschen und  Accessoires aus Fahrradschläuchen, Kronkorken, Kaffeekapseln und Schallplatten. Ihr Slogan: „Alles aus[ser] Müll.“
Website: Morendo Memoria

Gefahrenzone
Nicole Reinbold, aufgewachsen in der Nähe von Freiburg, liebt es, schöpferisch tätig zu sein. Ohne Farben ist die Welt grau – also stellt die Modedesignerin, die heute in Berlin lebt, bunte Kleider (Bild oben) und Taschen aus alten Stoffen her. Sie findet: „Aus Altem von gestern wird heute gefährlich Gutes von morgen.“
Website: Gefahrenzone

Shullai
Shullai bedeutet „Morgentau“ auf Kulli, einer Abwandlung des Quechua, der alten Inkasprache. Die vier Gründer Luna, Katharina, Stefan und Jens taten sich 2011 in Freiburg zusammen, um wunderschöne Mützen und Schals aus Alpaca zu vertreiben, die von Indiofrauen in Peru gefertigt werden. Einen bezaubernden Upcycling-Artikel hat Shullai auch  im Angebot: die prächtigen „Fernwehketten“ aus ausländischen Münzen mit kleinen bunten Troddeln.
Website: Shullai

[Bilder: Privat]

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