Aus der Ferne wirkt Deutschland wie der Heilige Gral - Interview mit Manuel Möglich

Daniel Laufer

Der Journalist Manuel Möglich wurde durch seine TV-Reihe "Wild Germany" bekannt. Für sein Buch "Deutschland überall" hat er jetzt auf der ganzen Welt nach Spuren von Deutschen und der deutschen Kultur gesucht. Am Freitag liest er daraus in Freiburg. fudder-Redakteur Daniel Laufer hat mit ihm gesprochen - über deutsche Identität, Heimat und Simonswälder Tracht mitten in Brasilien:



Du bist in fremde Länder auf der ganzen Welt gereist und hast dort nach Sachen gesucht, die "deutsch" sind - wieso?

Manuel Möglich: Diese ganze Geschichte ist durch das Gerücht entstanden, Menschen in Namibia würden noch immer den Geburtstag von Adolf Hitler feiern. Da dachte ich mir: Ich bin zwar nicht eingeladen, es könnte aber ganz spannend sein, mal hinzufahren und zu schauen, wie das abläuft.

Nach der Reise nach Namibia habe ich weitere Geschichten entdeckt, die eigentlich noch viel spannender waren und vor allem auch in den Kontext der deutschen Kolonialgeschichte gepasst haben. Da habe ich gemerkt: Darüber könnte man ein Buch schreiben, verknüpft mit einem Reisebericht. Grundsätzlich reise ich sehr gerne.

Was hast Du gefunden?

Natürlich jede Menge Klischees. Man hört diese ewigen Geschichten: Deutschland sei ja ein unfassbar tolles Land, weil hier wunderbare Autos gebaut würden oder toller Fußball gespielt würde.

Ob in Namibia, in Brasilien oder in Samoa: Die Menschen standen nicht nur mir sehr positiv gegenüber, sondern auch Deutschland - ganz egal, ob sie 35 Jahre alt waren oder 85. Die größten Schwierigkeiten mit dieser ganzen Problematik um die deutsche Geschichte hatte ich selbst. Ich war derjenige, der sagte: Wir können nicht nur nach vorne schauen und vergessen, was war - das geht nicht!

In der Welt sieht man das wohl deutlich entspannter. Ich will nicht beurteilen, ob das gut ist. Es gibt aber wohl keinen Grund mehr, dass man diesen Satz etwas leiser sagt: "Ich komme aus Deutschland." Von früheren Reisen kenne ich das noch anders.

An einer Stelle in "Deutschland überall" schreibst Du, Du hättest genug von diesen "Geschichten über Phantasiedeutschland". Was meinst Du damit?

Gerade ältere Deutschstämmige im Ausland verbinden mit Deutschland etwas, was ihnen ihre Eltern oder Großeltern mitgegeben haben: Deutschland ist für sie den Heiliger Gral, ein geschützter Ort, den man nicht mehr kennt.

Ich glaube, aus der Distanz glorifiziert man ein Land - nur ist es eigentlich nicht mehr das Land, sondern die Idee. Es handelt sich um die eigene Herkunft, von der man weiß: Sie ist so weit weg, dass man dort nie wieder hinkommt. Im Zweifel ist es in Deutschland also besser als da, wo man heute ist.

Dieses Phantasiedeutschland hat mit Deutschland wenig zu tun. Die Menschen wissen natürlich, dass unsere Kanzlerin Merkel heißt, aber im besten Fall haben sie ein Bild vom Deutschland der 50er- oder 60er-Jahre im Kopf, der Zeit des Wirtschaftswunders, der Zeit von Ludwig Erhard. Dass es die RAF oder den Deutschen Herbst gab, blenden die Menschen komplett aus.

Immer wieder kam das Gleiche - das hat mich genervt. Was man im Ausland mit Deutschland verbindet, trifft den Nagel eben nicht ansatzweise auf den Kopf. Wenn man sich die Elbphilharmonie anschaut oder den Berliner Flughafen, wird ja offensichtlich, wie wenig hier manchmal funktioniert und wie viel auch hier gemauschelt wird.

Könnte man den Deutschen aber nicht auch eine gestörte Selbstwahrnehmung unterstellen - und die Schwierigkeiten, die man mit dem Berliner Flughafen und der Elbphilharmonie hat, als Luxusproblem betrachten?

In Namibia gibt es eine gut geteerte Straße, die die großen Städte verbindet - der Rest des Landes fährt auf Schotter. Da haben wir in Deutschland natürlich Erste-Welt-Probleme.

Wenn ich in den Jahren zuvor mit dem Rucksack unterwegs war, kam ich ja auch immer gerne zurück: In Deutschland funktionierte alles, hier kannte ich das System. Es ist irrsinnig, wenn sich die Leute aufregen, dass der ICE eine Strecke von 600 Kilometern mit fünf Minuten Verspätung zurücklegt.

Es gibt Länder, da kommt man nicht auf die Idee, sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Dieses gestörte Verhältnis ist im Grunde eine totale Binnensicht. In Deutschland schwingt eine Unsicherheit oder Zerrissenheit mit. Der Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" erbost viele Leute, auf jeden Fall entsteht eine Diskussion - das spiegelt viel wider.

Da bedient man sich auch wieder Klischees. Aber irgendwie ist ja auch dieses "nicht Fertigwerden" von Bauprojekten fast eines…

Würdest Du Menschen in Deutschland empfehlen, so eine Reise anzutreten, wie Du sie gemacht hast?

Zu reisen ist im Prinzip das Beste, was man machen kann, wenn man über sich selbst und sein Land nachdenken will. Ich würde das jedem empfehlen, wenn er die Zeit dazu hat und es sich leisten kann - ob man jetzt einfach nur nach Frankreich geht oder bis nach Afrika kommt, ist egal. Wenn man an die Orte fährt, die ich besucht habe, ist es natürlich extrem.

In Blumenau in Brasilien hast Du eine Frau namens Susan Tiefensee getroffen, die dort Oktoberfestkönigin werden wollte - gekleidet in Simonswälder Tracht. Wie kam es dazu?

Ihre Großmutter hatte ihr viel von Deutschland erzählt - sie konnte noch fließend Deutsch sprechen, ihre Eltern oder Großeltern sind damals ausgewandert. Interessanterweise kam Susan selbst gar nicht aus dem Schwarzwald, sondern aus Pommern.

Das ist aber auch wieder so ein Klischee: In den meisten Fällen wird Deutschland mit Bayern und der Lederhose gleichgesetzt. In diesem Fall war das deutsche Bild eben die Simonswälder Tracht und die Bollenhüte. Wahrscheinlich hat die irgendjemand mitgebracht und dann hat man angefangen, das zu kopieren, weil man es schön fand.

Man kennt Dich ja hauptsächlich wegen Deiner Fernsehreportagen bei ZDFneo. In "Wild Germany" hast du ungewöhnliche soziale Phänomene in Deutschland behandelt, bei "Heimwärts mit…" mit Prominenten deren Heimat besucht, "Deutschland von außen" hatte ein ähnliches Konzept wie Dein Buch. Warum prägt diese Heimat-Thematik Deine Arbeit so sehr?

Bei "Wild Germany" war das ein bisschen Zufall. Wir wollten zeigen, was in ganz Deutschland los ist - nicht nur in Berlin, worauf sich viele andere konzentrieren. Es ging uns um ein Gesamtbild. Irgendwann kam die Idee, wie viele Geschichten man um dieses Thema stricken kann. Daraus ist dann "Heimwärts mit…" entstanden.

Ich fand das Buch "Deutschboden" von Moritz von Uslar großartig - wie er in ein ostdeutsches Dorf geht und dort einfach drei Monate lang mitlebt.

Der Begriff "Heimat" wird ja oft im rechten Kontext missbraucht und ist sehr negativ besetzt. Ich wollte die bekannte Thematik anders erzählen - nicht reißerisch und manchmal bewusst langsam. Da ist mittlerweile ein roter Faden entstanden, der sich durch alle Sachen zieht, die ich in den letzten Jahren gemacht habe.

Auch in Zukunft wird es sicherlich mal eine Berührung mit der Thematik geben, wenn auch nicht so intensiv, wie das zuletzt der Fall war. Ich habe mich jetzt zwei Jahre lang auf diese Deutschland-Geschichte konzentriert - jetzt finde ich, man kann das auch mal wieder ein bisschen zur Seite schieben.

Buchtrailer



Zur Person

Der 36-jährige Manuel Möglich ist freier Journalist. Er arbeitete für das Magazin Vice und den Radiosender 1LIVE. Bekannt wurde er durch seine TV-Reportagen-Reihe "Wild Germany", die auf ZDFneo lief. Seit Dienstag ist er mit seinem Buch "Deutschland überall" auf Lesetour.

Mehr dazu:

Was: Manuel Möglich - Lesung "Deutschland überall" und Geschichten aus "Wild Germany"
Wann: Freitag, 10. April 2015, 20 Uhr
Wo: Schmitz Katze, Haslacher Str. 43, 79115 Freiburg

Manuel Möglich
Deutschland überall
Rowohlt Berlin, 2015
19,95 Euro
ISBN 978-3-87134-200-4 [Foto: Promo]