Aus dem Leben eines Biermanns: Pischko hat seine Autobiographie geschrieben

Elisabeth Kimmerle

Was wäre der Augustinerplatz ohne den Biermann? Pischko hat Kultstatus. Doch wer ist der Mensch hinter der Legende? Freiburg wird es bald erfahren - Pischko hat nämlich eine Autobiographie geschrieben. Auf 600 Seiten erzählt er seine Geschichte.



Nirgends sitzt es sich schöner als auf dem Augustinerplatz, wenn im Sommer der Abend über Freiburg hereinbricht. Hier versammeln sich die Studenten auf dem Kopfsteinpflaster, das noch aufgeheizt ist von der Sonne, und trinken Bier. Irgendwann, die Flasche ist gerade ausgetrunken, taucht wie aus dem Nichts ein kleiner Mann auf einem klapprigen Rad auf, und huscht durch die Menge. Er wechselt ein paar Worte mit dem einen oder anderen, steckt ihm seine Nummer zu, sagt „Proscht! Proscht!“ und geht weiter.


Jeder hier kennt den Biermann – und weiß doch nichts über den schmächtigen Mann, der eine Institution ist am Augustinerplatz. Fast Kultstatus hat der Biermann unter denen, die ihn kennen. Seine Fans tragen ein T-Shirt, auf dem er abgedruckt ist - die ursprünglich als Gag gedachte Idee eines Freiburgers stieß auf große Nachfrage.



Die Kommunikation mit Pischko verläuft in abgesteckten Bahnen, er kann kaum Deutsch. So hat sich jeder sein eigenes Bild gemacht von ihm. Nach all den Jahren, die er an den Augustinerplatz kommt, ist er vielen ein Mysterium geblieben. Der Gesprächsstoff, den er nichtsdestotrotz bietet, speist sich aus seiner Sprachlosigkeit. Das Augustiner-Volk tauscht Gerüchte über ihn wie Panini-Bildchen. Um den Biermann ranken sich viele Mythen. Seine Mutter sei reich, wird gemunkelt, und dass er sein Geld an Automaten verschleudere.

Seit Monaten ist ein neues Gerücht im Umlauf: Der Biermann habe eine Autobiographie geschrieben. In die Welt gesetzt hat die urbane Legende – der Biermann selbst. Er hat eine Liste mit den Emailadressen seiner Stammkunden angelegt, damit er sie benachrichtigen kann, wenn das Buch aus dem Türkischen übersetzt ist. Viele fragen ihn seitdem, wann das Buch erscheint. Acht Monate sind ins Land gegangen, seit er den Leuten am Augustinerplatz das erste Mal davon erzählt hat. Viele halten die Geschichte von der Autobiographie nach wie vor für eine urbane Legende. Doch es gibt das Manuskript tatsächlich – und die Geschichte dahinter ist frappierend.

Sie führt zurück in die Türkei der siebziger Jahre und erzählt das erschütternde Schicksal eines alevitischen Kurden vor dem Hintergrund der politischen Unruhen und der Verfolgung von Minderheiten. 600 Seiten stark sind die Aufzeichnungen, die der kurdische Philosophieabsolvent Serhad Cepo Gewez im Moment ins Deutsche übersetzt, jede Woche ein Kapitel. Wenn er fertig ist, soll die Autobiographie in kleiner Auflage erscheinen. Einen Verleger hat Pischko noch nicht gefunden.



Dafür aber einen Grafikdesigner, mit dem er auf ungewöhnlichem Weg ins Geschäft gekommen ist. „Eines Tages kam Pischko mit einem Zettel in der Hemdtasche zu mir, auf den der Grafikdesigner sein Angebot geschrieben hatte, das Layout des Buchs zu übernehmen“, erzählt Avdo Karatas, der die Autobiographie lektoriert. Als Mittelsmann versuchte Avdo, die Sprachbarriere zu überwinden und schrieb darunter: „Wieviel soll es kosten?“ Am nächsten Tag kam der Biermann mit der Antwort des Grafikdesigners wieder. „Einen Kasten Bier“, stand darauf.

Anstoß für die Autobiographie war eine Nacht im Sommer 2003, von der Pischko sagt, sie habe sein Leben kaputt gemacht. Ein Supermarkt in der Lehener Straße brennt in dieser Nacht komplett nieder. Pischko, der zu dieser Zeit als Putzkraft für den Parkplatz des Marktes beschäftigt war, wird der Brandstiftung bezichtigt und festgenommen. Ein Jahr verbringt er nach eigenen Angaben im Gefängnis, im anschließenden Prozess wird er freigesprochen. „Die Zeit dort war für mich die reine Hölle“, sagt er. „Ich dachte, ich halte das nicht aus. Ich bin unschuldig, ich gehe hier drin noch drauf.“ Um seine Erlebnisse zu dokumentieren, beginnt er noch im Gefängnis, sie aufzuschreiben. Die Aufzeichnungen versteckt er, um sie später seiner Familie in der Türkei zu geben. Sie sollen die Wahrheit erfahren.

Sie drängt aus ihm heraus, die Geschichte seiner Familie; ein Schicksal, das stellvertretend steht für viele Migranten aus der Südosttürkei. Der Biermann ist mit zwei Vätern aufgewachsen - seinem leiblichen Vater und dem Liebhaber seiner Mutter. Aus seiner Selbstbezeichnung "Bastard" - im Türkischen "pic" - machten die Deutschen seinen Rufnamen "Pischko". Seit 18 Jahren lebt der Tagelöhner aus Malatyain Deutschland, die meiste Zeit davon hat er unter der Brücke geschlafen.

Anfangs hat er das Leergut am Augustinerplatz gesammelt. Die Polizei habe sich damals gefreut, dass jemand den Platz sauberhält. „Ich war der Erste, der das gemacht hat. Andere hätten die Flaschen nicht einmal angerührt“, sagt er. „Damals hatte jeder genug Geld zum Leben, auch die Obdachlosen. Erst mit der Umstellung auf den Euro wurde das Geld knapp und die Pfandflaschensammler immer mehr.“  Die Studenten kamen und gingen – der Biermann blieb am Augustinerplatz. „Die meisten sind gegangen. Aber ich mache weiter. Ich habe den Leuten versprochen, dass ich Bier verkaufe, bis ich sterbe“, sagt er.



Es ist ein ambivalentes Verhältnis, das er zu den Augustiner-Gängern hat. „Ich muss arbeiten. Wenn ich einen Abend daheim bleibe, rufen mich die Leute an und fragen, wo ich bleibe.“ Viele Studenten haben seine Telefonnummer und verlassen sich auf ihn. Ein Anruf genügt und der Biermann kommt mit dem Fahrrad um die Ecke gebogen. Reich wird er nicht dabei, aber irgendwoher muss das Geld für seine Zigaretten und das Bier für den nächsten Tag ja kommen. Es ist ein Knochenjob; bei Wind und Wetter ist der Biermann auf der Straße, oft bis morgens um sechs. Im Winter ist er froh, wenn er eine Flasche Bier verkauft. Andererseits hat er die Studenten am Augustinerplatz ins Herz geschlossen. „Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr ich den Charakter der Leute dort schätze. So etwas habe ich davor noch nie gesehen“, sagt er. Er hat es sich eingerichtet in seiner Welt. Vielleicht ist der Augustinerplatz das Einzige, was ihm bleibt. Einem Mann, der zu alt ist, um neu anzufangen und gebrannt von den Erlebnissen der Vergangenheit.

Wie werden die Studenten auf das Buch reagieren – diese Sorge treibt den Biermann um. „Was werden sie von mir denken? Ich weiß selbst nicht, wer ich bin“, sagt er nachdenklich und seine wässrigen Augen schweifen ab. „Vielleicht werde ich dann auch verstehen, was für ein Mensch ich bin.“ Der Biermann hat eine Stimme bekommen. "Ich konnte mich nie viel mit den Leuten am Augustinerplatz unterhalten. Hoffentlich kann ich jetzt durch das Buch mit ihnen reden", sagt er. Ganz und gar wird das Augustiner-Volk das Mysterium um Pischko wohl nicht lüften, doch fördert die Autobiographie den Menschen hinter dem Phänomen Biermann zutage. Aus dem Mann mit vielen Geschichten wird dann der Mann mit einer Geschichte werden.



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Einsendeschluss
ist Freitag, 27. August 2010, 13 Uhr. Die Gewinner werden nach dem Ende der Verlosung per eMail informiert und erhalten ihr Shirt in Wunschgröße per Post. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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