Aus dem Alltag einer transsexuellen Prostituierten

Anne-Kathrin Weber

Leyla ist 23, transsexuell und arbeitet in Freiburg als Prostituierte. Im großen fudder-Portrait erzählt sie ganz offen, wie sie zu diesem Job gekommen ist, was sie empfindet, wenn sie ihre Kunden bedient und welche Grenzen diese zu beachten haben. Der Bericht einer Frau, deren Beruf von großen Teilen der Gesellschaft immer noch nicht akzeptiert wird.



Der Anfang

Mit 18 habe ich angefangen, als Prostituierte zu arbeiten. Nach dem Hauptschulabschluss habe ich eine Ausbildung zur Nageldesignerin gemacht und anfangs auch in diesem Beruf gearbeitet.

Bald geriet ich aber in Geldschwierigkeiten und schaute mich nach anderen Verdienstmöglichkeiten um. Die Tante einer Freundin arbeitete als Prostituierte und hat mich neugierig gemacht. Erste Erfahrungen sammelte ich in einem Erotik-Massagesalon. Dort werden erotische Streicheleinheiten verteilt, es kommt aber nicht zum Akt. Irgendwann landete ich in einem Bordell.

Meinen ersten Tag dort erinnere ich noch sehr gut. Als meine Annonce im Anzeigenblatt erschien, wurde ich mit Anfragen bombardiert. Ich war die erste transsexuelle Prostituierte in Freiburg. Ich bin eine Frau, aber eben mit Penis.



Meine damalige Chefin warf mich ins kalte Wasser. Sie erklärte mir nur kurz die Regeln: Nie ohne Gummi und "lass dir nicht die Zunge in den Hals stecken, das ist widerlich." Dann schickte sie mich direkt mit dem ersten Gast aufs Zimmer. Ich war schüchtern, aufgeregt und erleichtert, als die Stunde endlich vorbei war. Als der Kunde gegangen war, hatte ich 500 Euro Cash auf der Hand und ein komisches Gefühl im Bauch. Meine Kolleginnen schickten mich unter die Dusche und ich habe den Gast und den Ekel einfach abgewaschen.

Am ersten Tag hatte ich 15 Kunden und irgendwann habe ich aufgehört, nachzudenken. Abends war ich völlig fertig. Ich wollte gar nicht mehr aus der Dusche raus. Dann habe ich mein Geld gezählt und gesehen, dass es sich gelohnt hat. Zwar empfand ich das Geld als schmutzig, aber es ist bis heute der erfolgreichste Tag gewesen. Auch jetzt noch fühle ich mich manchmal nicht gut dabei. Ich bin noch jung, und in meinem Alter hat man eigentlich andere Träume und Ziele, als in einem Bordell mit fremden Männern zu schlafen.

In den vergangenen fünf Jahren habe ich deshalb nicht ausschließlich als Prostituierte gearbeitet. Ich brauche Abwechslung und Zeit für soziale Kontakte. Sonst geht man an diesem Job irgendwann kaputt. Ich arbeitete auch als Nageldesignerin, Tänzerin, Verkäuferin oder im Call-Center. An den Wochenenden habe ich zusätzliches Geld im Bordell verdient. Momentan bin ich Tür- und Telefondame und nebenbei Prostituierte.



Alltag

Ich arbeite sieben Tage in der Woche, oft zwischen 12 und 14 Stunden täglich. Früher verdiente ich mindestens um die 600 Euro am Tag. Inzwischen verdiene ich das Geld nicht mehr so leicht. Es kommen nicht mehr so viele Kunden. Und die, die kommen, werden immer schwieriger und anspruchsvoller. Außerdem schläft die Konkurrenz nicht, die rumänischen Mädchen auf dem Straßenstrich machen den gleichen Service, den wir hier im Geschäft anbieten, zum halben Preis. Bei mir kostet die Viertelstunde ohne Extras 60 Euro, bei denen vielleicht 30 Euro komplett.



Seit 2006 muss ich zusätzlich zur Zimmermiete täglich 25 Euro Pauschalsteuer abgeben, unabhängig davon, wieviel ich überhaupt verdiene. So bleibt an schlechten Tagen nicht mehr viel übrig. Bis vor einem Jahr war ich noch krankenversichert, inzwischen kann ich mir das nicht mehr leisten. Die gesetzlichen Kassen wollen mich als Prostituierte ohnehin nicht haben. Obwohl ich ja nicht öfter krank bin als die anderen Versicherten.

Der Beruf reizt mich trotzdem noch, zum einen, weil ich in an guten Tagen sehr viel Geld verdienen kann. Ich bin kein Spartyp, sondern gebe Geld gerne aus und kann mir dann viel leisten. Zum anderen kann man sich eine gewisse Bequemlichkeit und Freiheit erlauben: Wenn ich nicht arbeiten will, lasse ich es eben ein, zwei Tage bleiben. Oder ich fahre nach ein paar guten Wochen spontan in den Urlaub.

Kundschaft

Als transsexuelle Prostituierte habe ich einen speziellen Kundenstamm. Die meisten sind zwischen Mitte 20 und Mitte 40, jüngere Männer kommen selten. Man kann meine Gäste nicht eindeutig einer sexuellen Sparte zuordnen, es gibt da TS-Liebhaber und bisexuelle Männer, aber auch andere, die einfach nur neugierig sind und mal was Neues ausprobieren wollen. Interessanterweise kommen viele Ausländer. In ihren Kulturen ist Homosexualität wahrscheinlich ein noch größeres Tabu als bei uns. Bei mir leben sie dann ihre Vorlieben aus.



Fast alle macht die Vorstellung verrückt, Oralverkehr mit einer Transsexuellen zu haben. Und natürlich Analverkehr, das ist ein ganz großes Thema bei Männern. Schon im Vorgespräch merke ich, wie der Gast so drauf ist. Früher war mir das relativ egal. Wenn der Preis gestimmt hat, habe ich so ziemlich jeden Gast genommen. Auch mein Service war sehr umfangreich. Wenn aber heute einer kommt, der mich anekelt oder ein absoluter Macho ist, der meine Regeln nicht akzeptieren will, schicke ich sie weg. Sonst wird das auf Dauer zu anstrengend. Ein absolutes No-Go ist Verkehr ohne Verhütung. Da ist mir meine Gesundheit zu schade, außerdem ist das hier im Haus verboten.

Manche Männer bringen mir ein ärztliches Attest mit, aber das ändert nichts. Oralverkehr ohne Kondom mache ich so gut wie gar nicht mehr. Für mich sind auch Zungenküsse tabu, das wäre mit manchen Gästen einfach widerlich. Außerdem ist Küssen für mich etwas sehr Intimes, das hebe ich mir für meinen Partner zu Hause auf.



Es gab auch schon schlimme Erlebnisse. Ein Gast war so grob und aggressiv, dass er mich beim Verkehr ernsthaft verletzt hat. Da bin ich ausgerastet, habe ihn nackt aus dem Haus geworfen und ihm die Kleider aus dem Fenster hinterhergeschmissen. Mir war egal, ob er bezahlt hatte. Es gibt Grenzen.

Ich habe aber auch Gäste, die einfach nur reden wollen. Die bezahlen den vollen Service und erzählen mir dann von ihrer Familie, von der Ehe und vom Beruf. Ich habe einen Stammfreier, der immer mehrere Stunden bucht. Er ist nett, gepflegt und zärtlich. Wir haben nicht nur Sex, wir reden auch, tanzen, bestellen uns etwas zu essen. Das sind die Gäste, die man gerne empfängt.



Privatleben

Manche wollen sich auch privat mit mir treffen, aber egal, wie nett ich sie finde, das geht nur auf geschäftlicher Ebene. Also gegen Bezahlung. Ich trenne, wie die meisten anderen Berufstätigen ja auch, Geschäftliches und Privates. Klar, manchmal kommt auch einer genau nach meinem Geschmack, aber ich finde die Vorstellung traurig, dass man seinen Partner im Bordell kennenlernt.

Ich verdiene mit meiner Transsexualität zwar Geld, lebe sie privat aber sexuell nicht so aus. Einen Partner zu finden, der meinen Job so akzeptiert, ist vielleicht schwieriger als bei anderen, aber es geht. Ich würde die Männer, mit denen ich privat schlafe oder zusammen bin, auch nicht als bisexuell bezeichnen. Sie leben diese Bisexualität ja nur im Bett aus und auch hier sehr selten.

Generell will ich nicht, dass mein Partner mit meinem Penis viel zu tun hat. An sich verliebt er sich ja in eine Frau. Ich bin, sobald ich angezogen bin, ganz normal weiblich. Es fehlt lediglich das I-Tüpfelchen, die geschlechtsangleichende Operation. Deshalb sehe ich den Penis nicht als Teil von mir und es macht mich auch nicht an, wenn mein Partner ihn beim Sex ins Spiel bringt.



Im Geschäft lasse ich mich beim Sex mit Kunden auch nicht gehen, ich habe ganz sicher keinen Spaß mit dem Freier. Es ist halt Fließbandarbeit, Routine. Es mag Mädchen geben, die nymphomanisch veranlagt sind und gerne mit den Männern schlafen, aber das ist selten. Ich zum Beispiel denke während des Akts gerne an die Rechnungen, die der Typ mir gerade bezahlt. So entsteht die nötige Distanz. Wenn der Kunde es gerne möchte, täusche ich notfalls auch einen Orgasmus vor. Die ausbleibende Ejakulation erkläre ich ihm mit den Folgen der Hormonbehandlung.

Familie und Freunde

Meine Familie weiß nicht, dass ich als Prostituierte arbeite, und das kann auch gern so bleiben. Meine Eltern sind strenggläubige Italiener und hatten mit der Geschlechtsumwandlung schon so ihre Schwierigkeiten. Heute habe ich noch gelegentlich Kontakt, aber ich bin kein großer Familienmensch.

Aus meiner Jugendzeit habe ich kaum noch Freunde. Viele sind nicht damit klargekommen, dass aus ihrem Kumpel plötzlich eine gute Freundin werden sollte. Inzwischen interessiert es mich nicht mehr, was die Leute von mir denken. Das hat mich früher schon genug eingeschränkt. Ich wollte immer auch nach außen so weiblich wirken, wie ich mich fühlte, und habe mich stundenlang geschminkt und sehr übertrieben gekleidet. Mit 16 habe ich dann mit der Hormonbehandlung angefangen, später kam die Brust-OP und Laserbehandlung. Das Geld dafür habe ich mit der Prostitution verdient. Und mit etwas Geduld und Spucke soll sobald wie möglich die ausbleibende Operation folgen.

Ansonsten fühle ich mich in meinem Körper ganz wohl. Er ist mein Kapital, deshalb mache ich viel Sport und achte sehr auf meine Ernährung. Ich glaube kaum, dass eine übergewichtige Transsexuelle viel Geld verdienen würde.



Zukunft

Ich hatte mir immer vorgenommen, mit der Prostitution aufzuhören, sobald ich schuldenfrei bin. Aber momentan kann ich mir das noch nicht vorstellen. Irgendwann ist man natürlich aus dem Alter raus. Dann kommt vielleicht auch der richtige Partner. Für den will ich eine normale Frau sein, die abends zu Hause ist.

Ich weiß nicht, ob ich mal Kinder haben werde. Allein die Vorstellung, meine Tochter könnte erfahren, dass ich mich prostituiert habe und würde es selber ausprobieren wollen, finde ich ganz schlimm. Das würde ich nie erlauben.

In meiner Bewerbung für den Job danach wird auch sicher nicht stehen, dass ich als Prostituierte gearbeitet habe. Obwohl es laut Gesetz inzwischen ein legaler Beruf ist, wird er in der Gesellschaft offensichtlich nicht akzeptiert. Meine Chefin im Call-Center zum Beispiel hat damals Bilder von mir im Internet gefunden und mir daraufhin gekündigt. Obwohl sie mir zuvor mehrmals gesagt hat, dass ich eine vorbildliche Mitarbeiterin sei.

Politik

Für Politik interessiere ich mich kaum. Ich glaube nicht, dass Frau Merkel sich mit einer Prostituierten an einen Tisch setzen und ihre Probleme ernstnehmen würde. Die Politik macht mehr kaputt, als dass sie hilft. Das sieht man ja am Prostitutionsgesetz; verändert hat es nichts, die Arbeit ist nur schwieriger und bringt nicht mehr so viel Geld.

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[Bild 1: Symbolbild, dpa, alle anderen Bilder: Anne-Kathrin Weber]