"Aus dem Alltag aussteigen und dem System entfliehen": Jochen Haker von Kala Brisella im Interview

Bernhard Amelung & Theresa Ogando

Kala Brisella machen Post-Punk und haben 2017 mit "Endlich krank" ihr Debütalbum veröffentlicht. Am Sonntag spielen sie zusammen mit LeVent im Slow Club. Über sein Bedürfnis, dem Alltag zu entfliehen, spricht Sänger Jochen Haker im Interview.

"Endlich krank" heißt dein Debütalbum mit Kala Brisella. Wofür steht das Bild der Krankheit?

Jochen Haker: Kranksein bedeutet in diesem Fall, dass man aus dem Alltag aussteigen und dem System entfliehen kann.

Woher kommt dein Bedürfnis, dem Alltag zu entfliehen?

Jochen Haker: Das kapitalistische Denken und eine Leistungsgesellschaft sind an Zwänge gekoppelt, denen man sich unterordnen muss. Man Muss sich formen, verformen lassen, um da rein zu passen. Ganz platt formuliert, ist Kranksein die letzte Option, um dem Ganzen zu entfliehen.

Kannst du das näher beschreiben?

Jochen Haker: Der Körper sendet zum Beispiel Signale, dass man mit etwas aufhören muss. Dass eine Stelle zur psychischen Belastung geworden ist. Natürlich kann ich mich dem Gesellschaftssystem nie ganz entziehen. Aber ich habe zum Beispiel meinen Job gekündigt und bin nach Berlin gezogen. Das war ein Ausbruch und mein erster Schritt, mich ganz der Musik zu widmen. Ein Einstieg in den Ausstieg.

Was hast du dabei über dich gelernt?

Jochen Haker: Ich habe viel Sicherheit aufgegeben. Ein festes Einkommen, eine Krankenversicherung, solche Dinge. Dafür habe ich aber viele Freiheiten bekommen. Ich bin nicht mehr an 26 Tage Urlaub gekoppelt. Ich muss nicht mehr zwei Wochen auf die Kanaren fahren, entspannen und die Batterien für den Rest des Jahres aufladen. Ich kann mich selbst organisieren. Selbst entscheiden zu können, ist eine große Freiheit.



Freiheit ist auch das Thema deines Songs "In meinem Inneren". Wie ist die Zeile "wie soll ich frei sein wenn ich es muss" zu verstehen?

Jochen Haker: Ich spiele in diesem Song mit paradoxen Situationen, die jeder aus seinem Leben kennt. In einer Welt, die aus Verpflichtungen und Zwängen besteht, kann man ja nie wirklich frei sein. Trotzdem ist das Streben nach Freiheit für mich sehr wichtig. Ob sich die paradoxe Situation auflöst oder ob man sich in einem anderen Konflikt befindet, ist zweitrangig.

Ich finde, man sollte sich immer fragen, ob man dort richtig ist, wo man gerade ist, wo man hin möchte und was man dafür verändern muss. So abgegriffen das klingt, aber man muss sich aus Komfortzonen heraus bewegen und sich etwas trauen.

Was war deine größte Herausforderung beim Verlassen der Comfortzone?

Jochen Haker: Mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und Kontakte zu pflegen. Stichwort Socializing. Das wurde mir in meinem Job abgenommen. Da war ich nur ein ausführender Arbeiter. Als Selbständiger sind diese Skills aber sehr wichtig.

Ein weiteres Bild, das sich durch deine Songtexte zieht, ist das der Nacht. Was bedeutet die Nacht für dich?

Jochen Haker: Die Nacht ist ein sehr spezieller Zustand des Tages. Wenn die Dunkelheit herein bricht, wandeln sich die Zustände schnell. Städte, Gefühle, Wahrnehmungen verändern sich. Das beginnt schon mit dem Weg zur Tankstelle. Für mich ist die Nacht allgemein die lebendigste Zeit am Tag. Für viele andere dagegen bedeutet Nacht nur Schlafen und Ausruhen.



Die Texte deiner Songs sind ebenso bildhaft wie vage. Worauf legst du beim Songwriting Wert?

Jochen Haker: Ich finde es spannend, wenn man mit wenigen Worten und einer unbestimmten Beschreibung Gefühle vermitteln kann, ohne dass ich dieses Gefühl konkret ausspreche. Ich finde, Indie- oder Alternative-Rock wird schnell anstrengend, wenn man Dinge konkret benennt.

Verzichtest du deshalb auch auf Adjektive?

Jochen Haker: Adjektive wirken schnell flach. Man muss aufpassen, wann und wie man sie in einem Text einsetzt. Ein falsches Wort, und der ganze Song ist kaputt.

Abschließend noch: Woher kommt der Zorn in deiner Musik?

Jochen Haker: Ich wurde einmal gefragt, ob es Liebe oder Hass sei, was ich auf der Bühne ausstrahle und mit meinen Songs vermittle. Ich denke, die Songs haben beides. Sie sind auf ihre Weise empathisch, gefühlvoll, aber es ist auch Wut da. Das hat auch damit zu tun, worum es in "Endlich krank" geht. Die Leistungsgesellschaft, an der viele Menschen zerbrechen. Gerade als Musiker hat man noch mehr Augenmerk darauf, und dann wird man schon einmal wütend.
Kala Brisella

Kala Brisella ist eine Berliner Band, kennengelernt haben sich die Musiker und Musikerinnen aber im Freiburger Theater. Damals hat der jetzige Sänger und Gitarrist der Band, Jochen Haker, noch festangestellt als Licht und Sounddesigner in Freiburg, die aus Berlin angereisten freien Künstler Dennis Deter und Anja Müller, kennengelernt. Das änderte wie die Band sagt "für alle alles", tagsüber Theater, nachts haben sie zusammen Musik gemacht. 2015 kamen dann eigene Touren und die erste EP, 2016 das Debütalbum, dass sie in den Kellerräumen einer alten Druckerei in Berlin-Wedding in elf Tagen live aufgenommen haben. Sie spielen eine bunte Mischung aus Indie-Rock, Post-Punk und Noise-Rock. In dem Album "Endlich krank", herausgebracht von Späti Palace, verbinden sie gesellschaftskritische Themen mit deutschen Texten, viel Energie und viel Lärm.

Web: Facebook-Seite der Band

LeVent

LeVent ist eine Krautrock und Post-Punk-Band. Krautrock, das ist experimentelle Rockmusik von westdeutschen Bands aus den 60er und 70er Jahren. Das Berliner Trio gibt es aber erst seit 2015, trotzdem fühlen sie sich dem Genre nah. 2016 haben sie ihre erste EP auf Kasette selbst herausgebracht. Von den nur vier Tracks wurden zwei in der beliebten US-TV-Show "Gotham" gespielt. Seitdem traten sie schon mit Bands wie "Kadavar", "The Underground Youth" und "Die Nerven" auf. Die Musiker und Musikerinnen waren davor unter anderem Teil der Bands "18th Dye", "Caspar Brötzmann Massaker" und "Wuhling". Letzten Frühling hat das Trio dann zusammen ihr erstes gemeinsames Album herausgebracht. Die Band berichtet, dass die Aufnahme und das Mixen des Albums eine sehr angenehme Erfahrung war. Das Ergebnis überzeugt mit einer Mischung aus Indie, Punk und Rock, die an Sonic Youth erinnert.



Web: Facebook-Seite der Band

  • Was: Kala Brisella, Levent
  • Wann: Sonntag, 18. Februar 2018, 20 Uhr
  • Wo: Slow Club, Haslacherstr. 25, 79115 Freiburg

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