August-Anwohner: "Es gibt Tage, an denen könnt' ich heulen."

Dana Hoffmann

Als Spießer, Langweiler und Spaßbremsen werden sie beschimpft: Die Anwohner rund um den Augustinerplatz müssen sich einiges anhören. Dabei werden ihre Anliegen meist nicht korrekt wiedergegeben: "Wir wollen die jungen Leute nicht um ihre Geselligkeit bringen", erfuhren wir von ihnen. Unter anderem.



„Wir wussten, wo wir hin ziehen.“ Doris Morawe blinzelt gegen die Sonne. Sie hält ihre Hand schützend über die Augen und lässt den Blick über den Augustinerplatz schweifen. Vor zehn Jahren ist sie mit ihrem Mann aus Frankfurt in den Süden gezogen.


Seitdem lebt sie in der Salzstraße, in Sicht- und Hörweite von der Treppe, über die gerade jeder mündige Freiburger irgendeine Meinung absondert. „Der Platz ist doch lebendig und so schön, gerade wegen der Leute. Wenn die hier gemütlich sitzen und den Abend genießen, das ist pure Lebensfreude.“



Bis ungefähr um Mitternacht funktioniere das mediterrane Prinzip gut, dann kippe häufig die Stimmung. „Nachts um drei gehen hier regelmäßig Leute mit kaputten Bierflaschen aufeinander los.“

Während Morawe, die Mediatorin und seit 25 Jahren Mitglied der Grünen ist, die nächtlichen Auseinandersetzungen beschreibt, betont sie immer wieder: „Das sind aber nicht die Leute, die hier friedlich zusammen sitzen und reden.“ Das gleichmäßige Geraune vom August, ab und zu ein lautes Lachen, empfinde sie als angenehm. „Ich fühle mich hier gut aufgehoben.“



Nicht ganz so entspannt sieht Henrike Beck die Lage am August. Auch sie möchte niemanden vertreiben. „Aber es geht nicht, dass wir nachts wach werden und wach bleiben. Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.“ Beck wohnt mit ihrer Familie in der Gerberau, die Schlafzimmerfenster gehen nach vorne raus. „Es gibt Abende, da könnt' ich heulen. Ich will und muss schlafen und kann es einfach nicht.“

Draußen würden Flaschen gekickt, jeden Abend habe irgendjemand Geburtstag. „Dann wird um Mitternacht Happy Birthday gegrölt.“ Auch Picknicker, die schon früher am Abend ihre Decken auf dem alten Kopfsteinpflaster ausbreiten, beobachtet die 40-Jährige mit Argwohn: „Wenn jemand so ausgerüstet daher kommt, dann bleibt er meist auch länger.“ Das sei zwar prinzipiell kein Problem, aber: „Die Leute gehen, die Fischdosen bleiben.“



Der Müll, das findet auch Doris Morawe, sei ohnehin eines der größten Probleme: „Mit dem Fahrrad kann man hier erst durchfahren, wenn die Stadtreinigung da war.“ Morgens um sechs rückt die mit riesigen Saugern an. Zwischen 60.000 und 100.000 Euro kostet die Entfernung von Scherben und Papier jährlich. Das behaupten zumindest Mitglieder der Bürgerinitiative „Der kleine Augustin e.V.“. Diese erstaunlich hohe Angabe hätten die Mitglieder von der Freiburger Abfallwirtschaft erhalten. Wir fragen dort nach und bekommen zur Antwort: " Bei uns fallen im Schnitt 70 000 bis 80 000 Euro Reinigungskosten für den Augustinerplatz pro Jahr an. In einem richtig guten Sommer kann es auch mehr sein."

Dieses Geld könnte auch sinnvoller eingesetzt werden, meint Morawe: „Die Öffnungen der Mülleimer sind viel zu klein, da passt kein Pizzakarton durch. Und dann bleibt alles liegen.“

Ein so genanntes Döner-Verbot, das den Verkauf von Speisen außer Haus untersagt, wie es seit Kurzem in Augsburg erprobt wird, lehnt sie ab: „Verbote sind schrecklich, die Leute sollen ihren Müll einfach entsorgen.“ Den Einsatz von Streetworkern hält sie hingegen für sinnvoll. „Es gibt zwei Arten von Klientel. Die einen, und das ist der größte Teil, wollen hier nur gemütlich sitzen und reden. Die gehen aber auch relativ früh wieder. Die anderen sind die, die schon mittags anfangen, zu trinken, und sich dann nicht mehr unter Kontrolle haben. Das sind aber immer die gleichen fünf, sechs Typen.“



Alkohol fließt am Augustinerplatz fast ohne Grenzen, 40 bis 50 Kisten will Morawe in warmen Nächten  schon gezählt haben. Obwohl die Sperrstunde längst überschritten ist, gibt es reichlich Nachschub vom mobilen Bierverkäufer. Der Polizei sind in dieser Sache offenbar die Hände gebunden: Angeblich kann er wegen einer psychischen Störung nicht belangt werden. Auch gegen die Ruhestörer mit Gitarren oder Bongo-Trommeln wird nur selten etwas unternommen. Die Polizei habe schlicht keine Zeit, sagt eine Sprecherin. „Der Fokus liegt ganz klar auf dem Bermudadreieck. Der Augustiner ist auf seine Art auch problematisch, aber mit weniger Gewaltpotential.“



Die Forderung nach einem kommunalen Ordnungsdienst, wie ihn zum Beispiel Mannheim hat, werden von Seiten der Stadt abgeschmettert: „Wir sind kein Kontrollstaat, das geht zu weit. Außerdem müssten wir das dann für alle öffentlichen Plätze in Freiburg einrichten und das ist einfach nicht machbar.“ Doris Morawe fände diese Lösung immerhin sympathischer als die massive Polizeipräsenz in der Innenstadt. „Wie die da aufgereiht stehen, das ist doch schrecklich. Ich will nicht in einem Polizeistaat leben.“

Henrike Beck, die zusammen mit anderen Anwohnern in der Bürgerinitiative „Der kleine Augustin e.V.“ aktiv ist, distanziert sich ebenfalls von einer „Zero-Tolerance“-Politik nach New Yorker Vorbild. „Das wird teilweise falsch dargestellt. Wir sind hier nicht die totalen Spaßbremsen und Spießer, die die jungen Leute um ihre Geselligkeit bringen wollen.“

Aber Kommentare wie „Dann zieh doch weg“ oder „Kauf halt Ohropax“ will sie auch nicht hören: „Ich wünsche mir Respekt gegenüber den Leuten, die hier wohnen und arbeiten.“ Doris Morawe stimmt ihr zu:  „Mich kriegt hier keiner weg.“ Das soll keine Kampfansage sein, sondern eine Liebeserklärung: „Der Augustinerplatz ist der schönste in Freiburg. Ich würde auch gerne mal wieder auf der Treppe sitzen und ein Glas Wein trinken.“

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