Augenzeugenberichte: Drogen-Razzia im Liquid

Carolin Buchheim

25 Ermittlungsverfahren laufen nach Angaben der Polizei in Folge der Razzia im Liquid Club, die in der Nacht von Freitag auf Samstag stattgefunden hat. Am morgigen Dienstag wird sich Polizeisprecher Brecht in einem fudder-Interview zur Ermittlungsstrategie der Freiburger Polizei äußern. Doch wie haben die Gäste selbst die Razzia erlebt? Augenzeugenberichte - und was die Eltern einiger Gäste dazu sagten...



Gregor: Ich dachte, das sei ein Abischerz!

Die Razzia im Liquid Club (fudder-Foto-Galerien) begann gegen 2:30 Uhr (fudder berichtete). "Ich stand gerade mit einigen Freunden vor der Tür", erzählt Gregor, der an diesem Abend gemeinsam mit anderen Abiturienten des Berthold-Gymnasiums in der Liquid Lounge war. "Ich dachte, das sei ein Abischerz, als LKWs anhielten und plötzlich lauter Polizisten raussprangen."

Weitere Polizisten fuhren mit Kastenwägen vor, sperrten die Universitätstraße zwischen Bertoldstraße und Niemensstraße komplett ab und stellten einen Lichtmasten auf. "Es sah schon ziemlich Tatort-mäßig aus", sagt Gregor.

Philipp: Dann ging das Licht an

Philipp Müller, 19, war im Club als die Razzia begann. Er hatte zunächst ähnliche Gedanken wie Gregor. "Ich saß in einer der Sitzgruppen gegenüber der Treppe. Als im Dunkeln die schreienden, dunkel gekleideten Menschen runterkamen, dachte ich für einen kurzen Moment an einen Scherz. Erst nach ein paar Sekunden habe ich verstanden, dass sie 'Polizei! Polizei!' riefen. Und dann ging schon das Licht an und die Musik aus."

Wie viele Polizisten im dunklen Einsatzanzug in den Club stürmten, in dem sich zu dieser Zeit rund 150 Gäste befanden, ist unklar. Gäste des Clubs und Augenzeugen vor dem Club berichten von 60 bis 120 Beamten. Die Polizei nennt aus taktischen Gründen, wie auch bei Demonstrationen üblich, keine genauen Zahlen. Einige der Polizisten, so Augenzeugen, filmten das Vorgehen.



Jan: Polizisten schnappten sich den Besitzer

Jan Schröder, 19, saß zu Beginn der Razzia an der Theke. "Als erstes schnappten sich zwei Polizisten den Besitzer der Liquid Lounge und gingen mit ihm durch die Tür links hinter der Theke, da geht es glaub ich in den Keller."

Wie es weiterging, schildert Philipp so: "Wir mussten dann alle dort bleiben, wo wir waren, und die Hände über den Kopf nehmen. Bei mir und meinen Freunden standen zwei Beamte, sie waren noch ziemlich jung."

Pillen und weißes Pulver auf dem Fußboden

Jan konnte beobachten, wie einer der Clubgäste eine Tüte mit Pillen auf den Boden warf. "Das haben die Polizisten aber sofort gemerkt und ihn nach draußen genommen." Auch auf dem Boden bemerkte Philipp kleine Beutel. "In der Ecke, in der ich saß, lagen zwei oder drei Beutel mit Pillen und bestimmt zehn Beutel mit weißem Pulver. Das hat mich ganz schön überrascht."

"Zunächst fragten die Polizisten, ob jemand minderjährig sei. Ein Mädchen, das ich kenne, wurde dann sofort mit nach oben genommen. Ihr volljähriger Freund durfte aber hinterherkommen", erzählt Jan.  Dann hieß es: warten; geredet werden durfte nicht. "Das Arme hochhalten wurde mit der Zeit ganz schön anstrengend", sagt Philipp. "Irgendwann durften wir die Hände aber zur Entspannung auch auf die eigenen Schultern legen." Eins fand Philipp ziemlich lustig: "Immer wieder klingelten die Handys, und man durfte ja nicht drangehen." Was im Rest des Clubs passierte, konnte er aus der Nische heraus jedoch nicht beobachten.

Es war kalt und es gab Wasser

Auch Jans Blick auf die Tanzfläche wurde durch eine Säule versperrt. "Es war auf jeden Fall ziemlich kalt", sagt Philipp. "Die Lüftung lief volle Pulle, und von draußen kam auch noch kalte Luft rein, das war unangenehm." Später brachten die Polizisten, dann auch die Mitarbeiter des Clubs, Wasser; von den vorher gekauften Getränke durfte nicht getrunken werden. "Irgendwann musste ich aufs Klo, da hat mich ein Polizist erst im Beisein eines anderen durchsucht und dann dorthin begleitet." Das Vorgehen des Polizisten bezeichnete Philipp als "fair".



Timo: Die meisten Passanten waren desinteressiert

Von draußen war derweil wenig zu sehen. Timo kam aus dem Art Café und schildert die Szene so: "Die Straße war abgesperrt, und an den Absperrungen standen Polizisten. Ein paar Besoffene haben die angesprochen, aber seltsamerweise haben sich die meisten Leute im Bermudadreieck nicht dafür interessiert. Dabei war relativ viel los."

Timo dachte sofort an eine Razzia. "Ich war schon mal bei einer dabei, und das sah gleich irgendwie so aus. Und das Liquid hat ja auch einen bestimmten Ruf."

Drinnen wurde weiter gewartet. Nach knapp drei Stunden Wartezeit wurden erst Jan, dann Philipp, nach oben geführt. "Erst musste ich in einen Wagen. Dort wurden zuerst meine Personalien festgestellt. Dann musste ich meine Schuhe und Socken ausziehen, und dann alle Kleidung bis auf meine Boxershorts", sagt Jan. Seine Sachen und sein Portemonnaie wurden durchsucht; gefunden wurde nichts.

Philipp: Ich wurde mit einer Nummer fotografiert

"Ich durfte mich wieder anziehen. Meine Gegenstände wurden in eine Plastiktüte gepackt und dann wurde ich zum nächsten Wagen gebracht. Dort wurde ich mit einer Nummer fotografiert."

Philipp musste nur Socken und Schuhe ausziehen und wurde dann durchsucht "wie am Flughafen". "Mich hat es viel mehr gestört, fotografiert zu werden, als die eigentliche Durchsuchung. Ich habe gefragt, was sie mit den Fotos machen. Mir wurde versichert, dass sie nach dem Ende der Ermittlungen, wenn nichts gegen mich vorliege, vernichtet werden", sagt er.

Danach wurden beide zur Absperrung begleitet und nach Hause entlassen. "Vor mir ging aber jemand, gegen den wohl etwas vorlag, er wurde in einem Polizeiwagen weggebracht", sagt Jan.



Das sagten die Eltern...

Es war kurz nach sechs, als beide nach Hause gehen konnten. "Meine Eltern meinten zu mir  'Du hast aber lang gefeiert'. Da habe ich ihnen erklärt, was passiert war", sagt Philipp. "Jetzt lässt meine Mutter einen Anwalt prüfen, ob es okay war, dass wir so lange warten mussten." Jan erzählte seinen Eltern ebenfalls von der Razzia. "Meine Mutter fand es schlimm. Mein Vater fand das Ganze eher lustig. Er meinte, ich hätte ja jetzt eine Lektion gelernt."

[Fotos: Tino Vollmer / Gregor Kalchthaler]