Techno

Auflegen ist Psychologie: Daria Kolosova im Interview

Bernhard Amelung

tageins findet statt, allerdings ohne Daria Kolosova. Die Ukrainerin hat kein Visum für Deutschland bekommen. fudder veröffentlicht das Interview über die Techno-Szene der ukrainischen Hauptstadt trotzdem – und verrät, wer an ihrer Stelle am Montag auflegen wird.

Hintergrund: Visafreiheit für Ukraine

Im Juni 2017 haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Union die Visapflicht für Bürger der Ukraine aufgehoben. Sie können 90 Tage pro Halbjahr in einen EU-Mitgliedsstaat (Ausnahme: Großbritannien und Irland) einreisen, ohne dass sie dafür ein Visum beantragen müssen. Mit einer Einschränkung: Ukrainische Staatsangehörige brauchen einen biometrischen Reisepass für die visumfreie Einreise in den Schengenraum.

Daria, du lebst in Kiew. Wie ist die Clubszene dort?

Daria Kolosova: Ich bin 2014 nach Kiew gezogen. Ein Jahr, das von politischen und gesellschaftlichen Unruhen geprägt war. Die Maidan-Proteste waren auf dem Höhepunkt, der Krieg in der Region Donbass begann. Wir hatten eine schwere Zeit durchgemacht, aber die Menschen sind mehr und mehr ausgegangen. Man könnte sagen, die Maidan-Proteste haben dem Nachtleben in Kiew zu einer Frischzellenkur verholfen. Neue Clubs eröffneten, Leute veranstalteten Partys, die Menschen wollten ihre Alltagssorgen in der Musik vergessen.

Wie gehen die Behörden mit der Szene um?

Daria Kolosova: Eigentlich ist den Behörden egal, was passiert. Allerdings herrscht immer noch die Vorstellung, dass Techno und Drogenkonsum gleichbedeutend ist. Der Staat muss natürlich gegen Drogenkriminalität vorgehen, aber es werden die falschen Orte und Menschen inkriminiert.

Auf Drogenkriminalität spezialisierte und bewaffnete Einheiten führen Razzien in Clubs durch, bei denen die Gäste oft malträtiert werden. So war das zum Beispiel im Club Closer. Die Behörden wollten den Club schließen. Doch die Leute gingen auf die Straße und demonstrierten gegen das harte Vorgehen. Ich wünsche mir, dass die Behörden vielmehr das Wachstum der elektronischen Musik und Clubkultur unterstützen und nicht bekämpfen.

Du selbst bist ja Resident in der Keller Bar. Was ist das für ein Club?

Daria Kolosova: Die Keller Bar eröffnete auch 2014, als DJ-Bar, wo man etwas trinken gehen, aber auch tanzen kann.Das Team hat sich dann mit Anya und Oleg BSF zusammen getan, die unter dem Namen Batiskaf die größten Drum and Bass- und Hardtechno-Veranstaltungen in der Ukraine organisiert haben. Sie haben aus der Bar einen Untergrund-Club gemacht, in dem die besten Discjockeys der Ukraine spielten. Leider musste die Keller Bar im Mai dieses Jahres schließen. Doch das Team hat mit Horosho Vsegda eine neue Location eröffnet und arbeitet gerade daran, einen weiteren Club zu eröffnen.

Eugene Berchy und Garik Pledov, zwei Keller-Residents, und ich veranstalten jetzt unter dem Namen Materia unsere eigenen Partys mit lokalen Discjockeys und namhaften Gästen aus dem Ausland.

Wie bist du eigentlich Resident-DJ der Keller Bar geworden?

Daria Kolosova: Eugene hat dort eine Party veranstaltet und mich eingeladen, nach dem Headliner aufzulegen. Die Leute waren zu dieser fortgeschrittenen Uhrzeit offen für alles. Ich konnte geschmeidig Techno mit Elektro, alte Klassiker und neue Platten, mixen. Vielleicht habe ich an diesem Abend sogar mein bestes Set überhaupt gespielt. Danach kam Anya (die Keller Bar-Mitbetreiberin, d. Red.) zu mir und hat mich gefragt, ob ich fortan regelmäßig auflegen wolle.



Wann hast du mit Auflegen angefangen?

Daria Kolosova: Mit 17, in Luhansk. Ich bin in Lutugino geboren und aufgewachsen, einer Stadt in der Region Donbass im Osten der Ukraine. Eine Bergbau-Region. Parallel zur Schule habe ich eine Tanz- und Gesangsschule besucht, bin also schon sehr früh auch mit Musik in Kontakt gekommen.

Außerdem hat mich mein Vater sehr inspiriert. Ich bin mit seiner Musik aufgewachsen. Er hörte Metallica, Pantera, The Prodigy, Propellerheads, also Rock, Metal und elektronische Musik. Er spielte selbst in einer Rockband und legte ab und zu in einer Diskothek auf.

Und das Auflegen?

Daria Kolosova: Stas, ein Freund von mir, hat mir das Auflegen beigebracht. Er hatte damals schon mehr als zehn Jahre Erfahrung und hat mir an einem Vestax-DJ-Kontroller gezeigt, wie das geht. Ich aber wollte, dass er mir das Auflegen mit Vinyl beibringt. Er lehnte zuerst ab. Die Zukunft des Auflegens liege in der Technologie und im Digitalen. Niemand müsse Plattenkisten schleppen. Das habe ich nicht gelten lassen, und er musste mir schließlich beibringen, wie man mit Platten auflegt.

Wie hat es sich für dich angefühlt, zum ersten Mal vor Publikum aufzulegen?

Daria Kolosova: Das war 2010 auf einer Party in Luhansk. Ich war die einzige Discjockey, die Techno spielte. Ich war sehr nervös und dachte, dass vergessen hätte, wie man auflegt. Aber die Crowd hatte Spaß, und ich auch.

Wie bereitest du dich auf deine Sets vor?

Daria Kolosova: Ich bereite mich nie wirklich vor. Unterschiedliche Clubs, unterschiedliche Leute. Man kann nie wirklich antizipieren, was die Crowd will. Auflegen ist Psychologie, und man muss ein Psychologe sein, um die Menschen zu verstehen.

Ich kenne alle meine Platten und Stücke, die ich spiele. Ich weiß, wie man Dynamik in ein DJ-Set bringt. Ich weiß, was eine Crowd verlangt. Das heißt aber nicht, dass ich in meinen Sets nur Hit an Hit spiele. Ich spiele Musik, die vielleicht noch niemand gehört hat, aber ich bin sicher, dass die Crowd dazu gerne tanzen wird.

Welche Platte verlässt nie deine Tasche?

Daria Kolosova: "The Final Frontier" von Underground Resistance. Eine meiner liebsten Platten. Ein wahrer Detroit-Klassiker. Die B-Seite, "Base Camp Alpha 808", ist ein Elektrobrett. Das passt in ein House- oder Techno-Set. Die killt alles.



Kannst du dich noch an die erste Platte erinnern, zu der du selbst getanzt hast?

Daria Kolosova: Irgendwas von DJ Pierre, Steve Stoll, Mike Dearborn oder Underground Resistance. Acid und Techno sind meine größte Leidenschaft. Techno war und ist für mich die kraftvollste, ehrlichste und zugleich intimste Musik für mich. Das ist die Musik der Zukunft. Der Dialog zwischen Mensch und Maschine ist aktueller denn je.


  • Was: tageins w/ Borrowed Identity (Mistress / Quintessentials), Kollektiv Be
  • Wann: Montag, 25. Dezember 2017, 22 Uhr
  • Wo: Waldsee, Waldseestr. 84, 79117 Freiburg