Auf Vogeljagd

fudder-Redaktion

Lilian und Patrick, unsere Australienreisende, sind bei der Jobsuche erfolgreich gewesen. Bis Weihnachten arbeiten sie auf einer Kirschfarm. Bis es los geht mit der Ernte, gilt es bizarre Jobs zu erledigen. Lilians lange Mitgliedschaft im Schützenverein scheint sich bezahlt zu machen.

Einen Job in Australien zu finden, ist schwerer, als man es immer hört. Wir haben erst einmal recherchiert, was wann wo geerntet wird. Dann führten wir einige Telefonate. Die Adressen hatten wir von einer Homepage, welche die australische Regierung unterstützt. Farmer und Arbeitswillige sollen zusammen kommen. Wir dachten, dass in erster Linie junge Leute mit dem gleichen Visum wie wir solche Arbeiten verrichten würden. Fehlanzeige. Die meisten Farmer bekommen ihre Arbeitskräfte in Truppenstärke angeboten, aus Polen, Libanon und diversen asiatischen Ländern. Fast wie in Deutschland. Offenbar ist dieses Geschäft so rentabel, dass weite Strecken kein Problem sind. Wir sind von Brisbane auf gut Glück gen Süden gefahren, mitten durch das Hinterland von New South Wales. In den Städten unterwegs haben wir uns nach Arbeit umgesehen. Als wir die Nummer einer Anzeige für Obsterntehelfer angerufen haben, waren die Stellen zwar schon vergeben; doch wir bekamen die Nummer eines Bauers, der noch zwei Leute suchte.

Volltreffer. Brian, der Farmer, suchte noch Hände für seine Kirschfarm. Die Ernte ginge zwar erst zehn Tage später los, aber wir könnten gerne schon kommen, denn er habe ein kleines Camp für seine Arbeiter und wir könnten es schon jetzt nutzen. Daraufhin sind wir nach Young gefahren, auf der Landkarte etwa 400 Kilometer westlich von Sydney und die Kirschhochburg in NSW. Schon beim Anblick der Umgebung von Young schlugen unsere Herzen: Hügel mit Obstbäumen und Reben, Weiden mit Rindern und überall kleine Farmen. Es klingt komisch, aber es war wie nach Hause kommen. Brian ist ein typischer Australier. Locker drauf und unheimlich nett. Er lebt zusammen mit seiner Frau, zwei Töchtern und 7000 Kirschbäumen auf einer Farm. Wir durften uns gleich den besten Stellplatz in dem kleinen Camp aussuchen und haben endlich wieder eine tägliche Dusche. Voll der Luxus. Noch sind wir hier die einzigen, aber in ein bis zwei Wochen wird es hier ziemlich voll. Der Plan, mit dem Arbeitsbeginn zu warten, bis die Ernte losgeht, änderte sich schnell. Brian hat Patricks handwerkliches Geschick bemerkt und ihn sofort alle Fahrzeuge der Farm überholen lassen. Ich habe allerdings den skurrileren Job von uns beiden. Als ich Brians Gewehr entdeckte und erzählte, dass ich jahrelang im Schützenverein war, hat er es mir sofort in die Hand gedrückt.

Die Farmer kämpfen hier mit einer Vogelplage und müssen bestimmte Vogelarten schießen, da sie die ganze Ernte gefährden. Ich bin nun also morgens und abends zwischen den Bäumen unterwegs. In Deutschland hätte ich jeden gehauen, der auch nur einen Spatzen schießt. Bevor es nun böse Kommentare gibt: ich schieße nur Krähenarten sowie Vögel, die unseren Elstern ähneln. Papageien und Kakadus dürfen naschen. Die täglichen Streifzüge über die Hügel sind besser als Sport. Allerdings hat Brian in den letzten Tagen einige Braunschlangen entdeckt, deren Bisse tödlich sind. Ich gehe also sehr vorsichtig. Mir ist schon manchmal schwer ums Herz, wenn ich die Abschussvögel sehe. Doch dann denke ich daran, dass es bei den Farmern um die Existenz geht. Dann ist mein Job wieder in Ordnung. Inzwischen warten wir die Halle, in der die große Kirschensortieranlage steht. Wir sind sehr glücklich. Ein Abenteuer ist dieses Leben und so ganz anders, als wir es kennen. Patrick ist in seinem Element, rennt den ganzen Tag herum und ist immer beschäftigt. Brian hat ihn gestern beiseite genommen und ihm den Job des Supervisors angeboten. Damit ist er, wenn die Ernte losgeht, für 20 bis 30 Pflücker und Packer zuständig. Schön für Patrick, nach knappen zwei Monaten in Australien. Doch eines stört mich: er ist jetzt mein Chef. Wenn das mal gut geht. Die Arbeit hier wird etwa bis Weihnachten dauern, so lange ist hier Kirschsaison. Uns ist das recht. Lieber einmal eine lange Aufgabe als ab und zu eine kurze. Wenn wir hier fertig sind geht es auf dem schnellstem Weg nach Sydney.

Bis Weihnachten gibt es für uns keinen einzigen freien Tag. Wie soll das funktionieren? Als Bürohockerin habe ich jetzt schon Muskelkater an Stellen, die man nicht beschreiben kann. Bei stundenweiser Bezahlung füllt das wenigstens die Reisekasse. Immerhin: bei all der harten Arbeit hat man immer die Schönheit des Landes vor Augen. Das ist das richtige Australien. Immer wieder hört man es kreischen, sieht Papageienschwärme oder einen wunderschönen Kakadu. Abends fahren wir mit dem Quad über die Weiden und beobachten die Kängurus. Was will man mehr?