Auf Puffbesuch: Rundgang durch den FKK-Palast

Anna-Lena Zehendner

In der vergangenen Woche hat Berthold Lorenz das Bordell 'FKK-Palast' in der Tullastraße eröffnet. "Ich bin Zuhälter", sagt der Jogginghosenträger. Und hat fudder-Autorin Anna-Lena Zehendner höchstpersönlich durch sein neues Etablissement geführt.



Es ist früher Nachmittag im FKK-Palast Freiburg, und das Geschäft brummt. Männer mit Handtüchern um die Hüften schlappen in Badelatschen aus den Umkleidekabinen. Das Durchschnittsalter ist 30,  Familienstand und Beruf kann man den nackten Leibern nicht ansehen, doch zumindest entspricht das Publikum an diesem Tag nicht dem Schmieriger-Typ-mit-Dickbauch-Klischee, das man bei Bordellbesuchern im Kopf hat. Die Frauen, deretwegen die Männer in das frisch eröffnete Bordell im Gewerbegebiet Nord gekommen sind, entsprechen hingegen schon eher dem Bild, das man von Bordellmitarbeiterinnen im Kopf hat. Sie sind jung, schlank und hübsch und sitzen mit Stringtangas bekleidet an der Bar und konversieren mit den Gästen.


Die Bar erinnert mehr an eine Diskolounge als an einen Dirnenschuppen, im Hintergrund dudelt ein Radio. Im Keller gibt es ein Blockheizkraftwerk, die Fassade ist isoliert, es gibt Wärmerückgewinneung, mit dem Regenwasser wird auch irgendwas gemacht und außerdem hat der Chef des Hauses eine Wohltätigkeitsorganisation für Berggorillas ins Leben gerufen. So sieht Prostitution in Freiburg aus.

„Ich bin der Bobby.“ Puff-Betreiber Berthold Lorenz will geduzt und mit Kosenamen angesprochen werden. Er ist der Mann, der heute hier die meisten Klamotten anhat. Der 55-Jährige trägt eine verwaschene rote Jogginghose, einen weiten Trainingspulli und dazu ausgelatschte Badeschlappen mit Socken. Sein Haar ist blondgesträhnt. Mich erinnert Lorenz an Kalle Grabowski aus 'Bang Boom Bang'.



Unser Rundgang durch das Bordell führt durch die Umkleidekabinen vorbei an nackten Männern unter der Dusche, hinein ins Saunaparadies mit noch mehr nackten Menschen beiderlei Geschlechts. Hier findet Geschäftsanbahnung statt. In normaler Alltagskleidung und mit Straßenschuhen komme ich mir in der Saunalandschaft zwischen all den Nackten, die zu Sexualitätszwecken beziehungsweise zur Arbeit hier sind, seltsam vor. Ich frage mich, ob die anwesenden Männer denken, dass ich eine neue Mitarbeiterin bin, die vom Puff-Vater persönlich die Räumlichkeiten gezeigt bekommt.

Diese Räumlichkeiten sind übrigens riesig. Der FFK-Palast hat zwei Etagen und ist von oben bis unten märchenhaft kitschig; Ich fühle mich an das griechische Dorf im Europa-Park erinnert. Ein großer Whirlpool ist von Säulen umgeben, es gibt bunte aufwändige Wandmalereien, goldene Decken, orientalische Leuchter und Steinfiguren in Kamasutra-Posen. Im Außenbereich ist ein Jacuzzi, in dem  ein Herr es sich mit einer Palastdame und einer Pulle Sekt bequem gemacht hat. „Hier wird es im Sommer überall Sitzmöglichkeiten mit großen Kissen geben“, erläutert Lorenz, Kundschaft und Angestellte ignorierend.

Meine Fragen nach dem Geschäftskonzept beantwortet der Puffchef eher wortkarg - nur um immer wieder urplötzlich laut und hämisch loszulachen, über seine eigenen Wortwitze, über das, was man über ihn und sein Geschäft erzählt und schreibt. Ich zucke bei jedem Lacher zumindest innerlich zusammen.



Weiter geht’s durch den Zimmertrakt. Hier werden die mehr als zwei Dutzend Frauen, die täglich im Palast arbeiten sollen, mit der Kundschaft tätig. Jedes der Zimmer sieht anders aus. Gleich ist nur der diffus orientalischen Touch; Rot und Purpur dominieren die Farbgestaltung. In einem Zimmer ist das Bett eine große goldene Muschel. Ein anderes ist im Barockstil, mit pompösem Bett und Fresken an der Decke gestaltet, wieder ein anderes hat links und rechts der Liegewiese einen Spiegel, so dass es den Anschein hat, als würde der Raum endlos weitergehen - ein Effekt, den ich auf Bobbys Anweisung hin vom Bett aus bewundern soll. „Und das hier sind kleine Details, die überall versteckt sind“, sagt Bobby und zeigt auf einen geschnitzten Penis am Bettrahmen.

Im nächsten Zimmer ist das "versteckte Detail" riesig. „Das kommt dir bekannt vor?“, fragt Lorenz grinsend. Und ja, das tut's: Eine Wand des Raums wird von einem riesigen Vulva-Relief geschmückt, das man erst auf den zweiten Blick als solches wahrnimmt. "Eine Muschi, versteh'sch?" Lorenz lacht. Die Tür zum nächsten Zimmer schließt der Hausherr erneut auf, ohne vorher Anzuklopfen – und hier ist man gerade beschäftigt. Lässig zieht er die Türe wieder zu und freut sich darüber, dass die Geschäfte laufen. Ich habe nichts gesehen, doch die Situation ist bizarr – wie alles hier, eigentlich.

Noch zwei Zimmer, dann ist der Rundgang beendet, Lorenz und ich stehen wieder an der Theke, zwischen den Mitarbeiterinnen im Tanga und der Kundschaft im Handtuch. „Wie gefälllt Dir der Laden?“, will er wissen. Und verdammt noch mal, allem Unwohlsein zum Trotz finde ich den Palast mit seiner überladenen Inneneinrichtung und trotz aller Befremdlichkeiten tatsächlich irgendwie schick. Anstatt über die Inneneinrichtung sprechen Bobby und ich über Gorillas. Im Eingangsbereich hockt ein großer aus Bronze, der böse guckt. "Als Zuhälter und Bordellbetreiber kaufe ich mir keine Yacht oder anderen Kram, wie so viele kleine Schwänze, sondern ich setze mich eben gerne für die Natur ein“, sagt Lorenz.

Ein Freund hat den Verein „Association for Wildlife Protection“ gegründet, der die Berggorillas in Uganda, Borneo und im Kongo schützen soll. „Ich möchte so viel Geld wie möglich spenden und vor allem die Leute vor Ort unterstützen, die sich für den Schutz der Gorillas einsetzen“, sagt der Puff-Betreiber. Im Februar, wenn der erste Container mit Hilfsgütern ankommen soll, wolle er selbst nach Uganda fahren und sich ein Bild von der Lage machen.

Ich will Lorenz diese Geschichte glauben, blende Gedanken an Steuervorteile und andere finanzielle Begünstigungen aus.  Schließlich frage ich ihn, ob Gorillas wegen ihrer Potenz und ihrer Stärke seine Lieblingstiere sind. „Vielleicht“, sagt er. „Schließlich war ich das auch mal, vor zwanzig Jahren.“ Und lacht wieder dieses durchdringende Lachen.



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[Bilder 1-4, Ingo Schneider, Badische Zeitung, gemacht bei der Pressekonferenz zur Eröffnung/ Bild 5: Anna-Lena Zehendner]