"Auf einem Platz in meinem Herzen steht 'Freiburg' an der Wand"

Carolin Buchheim

Gestern Abend im Jazzhaus: Pale, Tomte und lauter glückliche Menschen. Die fudder Mitarbeiter Caro & Dirk waren da, haben alle journalistische Distanz mit Freude über Bord geworfen, und nicht nur eine wunderbare Band live gesehen, sondern dabei auch gleich noch praktische Lebenshilfe bekommen.

  Nach dem Konzert stand Thees Uhlmann an eine der Säulen im Jazzhaus gelehnt, Bier in der Hand, und glücklich lächelnde Menschen redeten auf ihn ein. "So finde ich Cat Power, Thees." "Ich hab geheult beim ersten Hören eures Albums". "Ich komm auch aus Hemmoor, guck, das T-Shirt hab ich im Marktkauf gekauft, für ? 5." "Der Typ in den ich verknallt bin, ist heute in New York und spielt da mit seiner Band, und dass passte mal wieder alles mit Euren Liedern heute." "Und sag mal, Thees, welche kanadische Band ist die mit den traurigen Liedern?"   Es ist schwer zu erklären, aber irgendwas macht, dass man Nachziehen will, mit dem Erzählen von sich, nachdem Thees Uhlmann knapp zwei Stunden auf der Jazzhausbühne gestanden, von sich erzählt, den Traurigen die Welt erklärt und dabei alle Anwesenden glücklich gemacht hat. Und Thees hörte zu, während er da an der Säule stand, und lachte und sein Bier trank. "Sag nichts Schlechtes über Cat Power." "Ist das nicht geil, dass Musik das machen kann?" "Nee, echt? Bist Jahrgang '76?" "Echt? Ich hab ja noch nie in New York gespielt." Irgendwem rät er tatsächlich "Und wenn Du Zweifel hast, dann ist er'n Schwein."   Lebenshilfe von und mit Thees Uhlmann, die logische und konsequente Fortsetzung eines wunderbaren Konzerts .   Das Jazzhaus war voll, gestern Abend, so voll wie lange nicht, und die Stimmung war gut, schon bevor Tomte auf die Bühne kamen. Pale aus Aachen, eine dieser Bands, die trotz in langen Jahren hart erspielten Indierocklegenden-Titel einfach noch nie den Erfolg hatten, den sie eigentlich verdienen, sind die neueste Mitglieder der Grand Hotel van CleefBande und seit 3 Tagen, oder doch 4?, - so genau konnte das Sänger Holger Koch nach dem Konzert schon gar nicht mehr sagen - , mit Tomte unterwegs. Pale kamen ihrer Aufwärmpflicht ganz wunderbar und zur allseitigen Zufriedenheit nach: Schrammelgitarren mit englischen Texten, schöne Drums, klassische Indierockschule, irgendwie wie die Jeremy Days, nur auf heute halt, und wirklich gut. Irgendwer nannte es Babelfish-Tomte, und es passte auf jeden Fall schon alles so. Die Herren auf, und die vielen Mädchen vor der Bühne hatten Spaß und man mochte sich. "Haben wir eigentlich schon mal in hier gespielt? Ihr seid so nett, Freiburg!" rief Holger irgendwann mitten im Set, ziemlich offensichtlich glücklich. Nee, hatten sie nicht, aber wie hätte man auch anders als freundlich auf diese wirklich nette, enthusiastische Band reagieren können? Auf das das vielleicht jetzt was wird, mit dem Grand Hotel im Rücken. Ich wünsch' es Ihnen, den Herren.   "Are we ready, Art Brut?" fragte Thees Uhlmann seine Kollegen, als sie um viertel nach neun schön zeitig auf der Bühne standen, bereit, gemeinschaftlich und gutgelaunt den Konjunktiv nieder zu prügeln. So soll es sein, so war es erdacht.   Ja, genau so sollte es sein, und so war es erdacht, nicht nur der erste Song, sondern alles eben, der ganze Abend. Es sollte so sein, dass die Mädchen in den ersten Reihen so ausgelassen tanzten und die Pärchen vorne links knutschten. Dass da ein Spongebob-Altar hinter den Gläsern mit dem heißen Wasser und dem Rotwein auf der Bühne stand. Dass Thees die Steve McQueen mäßige Lederjacke anhatte und Oliver Koch so sauhübsch war mit einem total passend ebenfalls sauhübschen Rickenbacker Bass in der Hand, und sich aus der ersten Reihe Feuer und Zigaretten geben lies, im Gegenzug zu Backstage-Bier. Es sollte so sein, dass der Rest der Band einfach da war und ihren Job machte, und zwar ausgesprochen gut, und Dennis Becker rumrockte, Max Schröder hinter den Keyboards saß und das Tamburine klopfte, und Timo Bodenstein so fein Drums spielte, und sie alle Thees die Bühne überließen. Es sollte so sein, dass die Jungs in der Mitte vor der Bühne mitsangen, und hupften, und dass es diese emotionalen Ausbrüche gab, das Lachen und das Weinen und die Freundinnen, die sich bei 'Was den Himmel erhellt' in den Armen lagen. Dass sie viel vom neuen Album, aber ebenso viel alte Klassiker spielten, total Old Skool, und dass fast das ganze Publikum bei allem mitsingen konnten.  

  Und natürlich sollte das sein mit dem legendären Sendungsbewusstsein von Thees Uhlmann und seinen Geschichten zwischen den Songs: Von Walter, dem Sohn seiner Großcousine aus den USA, der ihm irgendwann erzählt hat, dass man nichts klauen soll von Menschen mit Ketten am Portemonnaie, weil es bei denen eh Nichts zu holen gibt, und der Thees in Detroit das Haus von Eminem gezeigt hat. Vom regelmäßigen Uhlmannschen Familienurlaub in Horben (!) bei dem der 6-jährige Thees einmal nach dem Gucken von 'Shining' in Abwesenheit der Eltern nicht schlafen konnte, und davon, dass er Drummer Timo Bodenstein in der Jugendzeit mal eine Kiste Legosteine über den Kopf gekippt hat. Thees sinnierte über die Frage, ob im Jazzhaus nicht vielleicht Menschen gefoltert worden sind, alter Gewölbekeller und so ("Nur mit schlechter und schlecht abgemischter Musik," wollte ich da rufen), und dankte der KTS und dem Café Atlantik, wo Tomte ihre ersten Gigs in Freiburg spielten und den Herren von Flight 13. meinte Thees, und bestätigte das mit enthusiastischem Klopfen auf die linke Brustseite. "Ihr glaubt sicher, dass das jetzt typisches Bandgerede ist, ist es aber nicht, ich mag Freiburg, und zwar total,"   Auf einem Platz in Thees' Herzen steht Freiburg an der Wand, kein Zweifel.   Und dann gab es eben auch praktische Lebenshilfe von Thees Uhlmann. "Wieviele von Euch sind Studenten?" fragte Thees das Publikum irgendwann gegen Ende des Konzerts. "Schämt Euch nicht, hebt Eure Arme, das ist Nichts Schlimmes," und die Arme gingen hoch, im Jazzhaus, natürlich taten sie das. "40% von Euch werden das nicht abschließen, das Studium, dass ist auch Nichts Schlimmes. In Köln und in Hamburg liegen an der Uni noch Scheine von mir, weil der Uhlmann das mit den Sekretariatsöffnungszeiten nicht hingekriegt hat. Hauptsache ihr macht irgendwann mal was, wofür Euer Herz schlägt." Und dann spielten sie 'Die Schönheit der Chance.' ”In der der Nacht, in der wir nicht wussten | Woher wir kommen wohin wir gehen | Die Schönheit der Chance | dass wir unser Leben lieben so spät es auch ist.”   Oh ja, die Schönheit der Chance.   "Lokaljournalisten aufgepasst: "Frontsänger, total arrogant." diktierte Thees am Anfang des Konzerts, nach einer seiner ersten Ausführungen, und bekam dafür allgemeines Gelächter. Heute denke ich mir: So was könnte man nur schreiben wollen, oder denken, als böser Mensch oder als jemand, der nach dem zweiten Song bei einem Tomte Konzert geht, und dadurch eben verpasst, wie Thees Uhlmann ist. Ja, der Herr redet viel, total viel, und seine Bandkollegen sagen durchaus "Nein, Thees, nicht schon wieder die Geschichte.", aber das passt schon so alles. All das Erzählen ist keine Arroganz, das ist nur das überquellende Austauschbedürfnis eines zufriedenen, glücklichen Menschen, der an dem Punkt steht, an dem ihm alles gefällt, der ein Gespür entwickelt hat, wie gut es ihm geht, der an die Symbolik von Dingen glaubt, an die Poesie in Lyrics und an die Liebe und die Freundschaft und an den Rock'n'Roll. An all die großen Dinge eben.   Wäre da irgendwo Arroganz, so hätte Thees während des Konzerts nicht immer wieder seine Handynummer genuschelt und seine eMail Adresse diktiert und Songs angekündigt für Menschen, die wie er mehr als ?20 im Monat für SMS ausgeben, und er hätte am Ende des Konzerts eben nicht all die Poster unterschrieben, und die T-Shirts und die CDs auch, immer mit einem persönlichen Satz dazu, und er hätte erst recht nicht an dieser Säule gelehnt, und zugehört, und gelacht und Sätze gesagt, die nur jemand sagen kann, der zuhört, und zwar ernsthaft und interessiert und - uh, böses Wort - liebevoll.   Wenn man so viel raus lässt wie er das tut, der Herr Uhlmann, da auf der Bühne, und sich nackig macht, mit seinen Geschichten und Worten und Liedern, und sich und seine Weltanschauung und seine Gefühle einfach so ausbreitet, für alle zum angucken, dann kriegt man mindestens genauso viel zurück, von den Leuten vor der Bühne. Und das schien er zu mögen, der Thees.   "Und die kanadische Band mit den traurigen Liedern? Die bei denen Du den großen gelben Vogel fandest?" fragte ich Thees, wie er da an der Säule lehnte, im Jazzhaus gestern Abend.   "Das sind die Weakerthans. Der Sänger heisst John K. Samson und die sind so groß und so wunderbar. Die haben im Molotov gespielt in Hamburg, und nach fünf Minuten hab' ich geflennt, und nicht mehr aufgehört."   "Das kenn, ich, Thees. Geht mir auch so. Öfters sogar."   Eben auch bei Tomte. Danke dafür.