Auf ein Croissant mit Thomas Meinecke

Bernhard Amelung

Thomas Meinecke, Autor, Discjockey, Mitgründer der Band F.S.K., legt an diesem Freitagabend im White Rabbit auf. Bernhard Amelung hat mit ihm gesprochen – über die New Yorker Ballroom-Szene, Verlorensein im Pop und Geschlechterspiele.

Poplegende David Bowie (1947-2016) trifft auf die russische Discjockey Nina Kraviz. Queer-Rapper Mykki Blanco trifft auf die Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785-1859). Wer die verdichtete, bisweilen erdichtete Welt von Thomas Meinecke betritt, muss sich auf unerwartete und ungewohnte Begegnungen einstellen. Lebende und verstorbene Personen der Zeitgeschichte finden sich in einer fiktiven Umgebung wieder. Fiktive Personen lässt er in einer realen Umgebung auftreten. In Städten wie Frankfurt oder Berlin, in den Zimmern oder der Küche einer Wohngemeinschaft, in einem Club wie dem Robert Johnson in Offenbach.


Dieses Fiktionsspiel treibt der Autor, 1955 in Hamburg geboren, eigentlich seit seinem Debütroman "The Church of John F. Kennedy". Dieser erschien 1996. Das Manuskript hatte Meinecke bereits 1992 fertig gestellt. "Ursprünglich wollte es niemand haben, und einmal eingereicht bei einem Verlag, lag es dort Jahre herum", erzählt er am Donnerstagabend im White Rabbit Club. Dort stellte er seinen neuen Roman "Selbst" vor, der im Oktober dieses Jahres erschienen ist. Darin schürfen sich seine Protagonisten und Protagonistinnen, allen voran Venus, Eva und Genoveva, durch diverse Ebenen und Schichten menschlicher Beziehungen; es geht um Liebe, Begehren, Spannungen zwischen diesen Gefühlen und sexuelles Verlangen. Zwischenmenschliche Kräftespiele, auch über die normierten Geschlechterrollen und -verhältnisse hinaus. Szenen, Gespräche, Regungen, wie sie auch während einer Clubnacht in konzentrierter Form stattfinden können. Denn dort distanzieren sich Menschen vom Alltagsleben in eine andere Welt.

An den diskursiven Grenzen der Geschlechter

Diese Verschiebungen und Auflösungen faszinieren Meinecke. "Wahrscheinlich seit jeher", sagt er vor der Lesung. Er sitzt auf einem Sofa im Strandcafé, trinkt eine Latte Macchiato, allerdings mit zwei Espressi*. Er spricht von Dislokationen, Instabilitäten zwischen Mann und Frau; vom Konstruktions- oder Rollenspiel der Geschlechter. Die Grenzen seien künstlich gezogen, der Mensch performe sein Geschlecht, sagt er. Sofort ist man bei Susan Sontag und Judith Butler angelangt, zwei Schriftstellerinnen und Gender-Vordenkerinnen. Sofort ist man aber auch im New York der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre angekommen. In der Ballroom-Szene, beim Vogueing, bei Peter Gatien und seinem Club Limelight, Heimat der Clubkids um Michael Alig, bei House.

"Die Ballrooms ermöglichten ihren Mitgliedern zahlreiche Rollenspiele mit sexuellen Identitäten. Männliche Körper führten weibliche Gesten aus, weibliche Körper führten männliche Gesten aus." Für einen Autor wie Thomas Meinecke, der sich an den diskursiven Grenzen der Geschlechter aufhält, sowieso ein spannendes Feld. So verwundert es nicht, dass er als Gast an der Gedenkfeier zum Tod von Willi Ninja teilnahm. Ninja, eigentlich William Roscoe Leake, war Tänzer, Drag-Künstler, Model. Er war Vorstand des "House of Ninja", neben dem "House of Xtravaganza" dem vielleicht bekanntesten New Yorker Ballroom. Afroamerikanische schwule Subkultur. Nährboden der House-Musik.

"Wenn ich auflege, mag ich es gerne auch mal prollig, so nenne ich das. Muskulös, roh, männlich, jackend. Eine Platte von Junior Vasquez ist immer mit dabei." Musik, die exzentrisch, ekstatisch ist. Thomas Meinecke, auch Mitgründer der Avantgarde-Pop-Wave-Band F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle) lacht. Er wolle jetzt nicht in einen Nerdtalk verfallen, in ein klassisches Männergespräch. Und trotzdem. Einmal Musik, immer Musik, einmal Club, immer Club. "Im September habe ich in Heidelberg aufgelegt, Move D hatte seinen 50. Geburtstag gefeiert. Die Großen der Club- und DJ-Kultur haben inzwischen graue Schläfen bekommen. Ich ebenso. Mein Publikum, Leserinnen und Leser, Clubgängerinnen und Clubgänger, ist oft nicht älter als 30. Doch die Eigendynamiken einer Nacht möchte ich nicht missen", sagt er. Ruhige, getragene Anfänge, und dann, auf einmal, spiele der DJ eine Platte, die alles auflöse.



Gerade Musik bedeutet für Meinecke, der als DJ Laté mit Move D auch schon zwei House-Platten veröffentlicht hat, Dislokation. Er spricht auch von Uneigentlichkeit und Nichtörtlichkeit. Das finde man zum Beispiel bei George Clinton und weiteren Vertretern des P-Funk, die sich als Protagonisten einer kosmischen Odyssee sahen, so der Autor und Discjockey. "Das Gefühl, nicht von dieser Welt zu sein, teilten auch Techno-Produzenten aus Detroit. Drexciya, Unterwassergesellschaft", sagt er. Schon ist man mittendrin im "Nerdtalk", in einem "Männergespräch".

Thomas Meinecke sei einfach "lost in pop", schrieb vor einigen Jahren Gerrit Bartels im Tagesspiegel über den Discjockey und Autor. "Wie ein freier Fall durch Marshmallows und in Marshmallows hinein" fühle sich das an, sagt Meinecke. Also angenehm, lieblich, süß. Das Dasein als etwas Körperliches, Räumliches, Sinnliches erfahren. Vielleicht ist es das, was Clubgängerinnen und Clubgänger Woche für Woche suchen.

*Das Gespräch fand bereits am späten Donnerstagnachmittag statt. Ein Croissant um diese Uhrzeit? Geht gar nicht.
  • Was: Thomas Meinecke & Canvas
  • Wann: Freitag, 18. November 2016, 23 Uhr
  • Wo: White Rabbit Club

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