Auf ein Croissant mit Schorsch Kamerun

Bernhard Amelung

Schorsch Kamerun, Mitgründer der Goldenen Zitronen, feiert am Donnerstag Premiere seines Stückes "NEEEIIIIIIIIII?IIIIN" im Stadttheater. Zuvor wollte er von Bernhard Amelung wissen, warum Freiburg so "sonnenblumig" sei.

Schorsch Kamerun geht in die Hocke, die Oberschenkel fast parallel zum Boden. Er holt tief Luft, drückt sich mit beiden Beinen ab und springt hoch. Er richtet den Oberkörper auf und landet auf einer Holzbank, wie sie im Gemeinschaftsgarten vor dem Stadttheater stehen. Bäm! Er dreht sich um und blickt über den Platz der alten Synagoge. "Ziemlich sonnenblumig hier", sagt er und lacht. Ob die ganze Stadt so "sonnenblumig" sei, will er wissen, schließlich gebe es in Freiburg ja mehrere "Sonnenblumenstadtteile".


Doch zunächst einmal geht es um ihn, Kamerun, 1963 in Timmendorfer Strand geboren. Um den Sänger und Mitgründer der Band Die Goldenen Zitronen, den Mitgründer des Golden Pudel Clubs in Hamburg, seit einigen Jahren Theatermacher, Regisseur und neuerdings auch Autor. Im März dieses Jahres hat er unter dem Titel "Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens" seinen ersten Roman veröffentlicht.

Seit rund zehn Tagen arbeitet er in Freiburg am Stadttheater. Dort feiert er am Donnerstag Premiere seines Stückes "NEEEIIIIIIIIII?IIIIN". Es trägt den Untertitel "Ein alternativloses Konzert von und mit Schorsch Kamerun". Es behandelt unter anderem Fragen, wie verschiedene Interessengruppen aus Politik und Wirtschaft Sub- und Gegenkulturen für ihre Zwecke vereinnahmen. Es geht um Imagefindungs- und Stilbildungsprozesse in einer Gesellschaft, in der alles relativ ist und Rechtspopulisten den Begriff "Alternative" für sich besetzen.

Punk mit stilsicherem Auftreten

Nur zwei Wochen Zeit für die Proben haben er und seine Mitwirkenden. Zu ihnen gehören die Schauspielerinnen Lisa Marie Stoiber und Marie Bonnet sowie die Sopranistin Sigrun Schell. Den Premierendruck merkt man Kamerun, dessen bürgerlicher Name Thomas Sehl fast nur noch Insidern bekannt ist, nicht an. Seine Gesichtszüge sehen weich und entspannt aus. Er trägt eine eng geschnittene blaue Stoffhose, dazu ein graublaues Hemd und einen grünen Pullover. "Er ist der Punk mit den schönen Umgangsformen", schrieb Till Briegleb 2009 über ihn in der taz. Er ist auch der Punk mit dem stilsicheren Auftreten. Mehr Golfplatz als Fußballfeld, aber das ist nur Interpretation. Auf reine Äußerlichkeiten kommt es nicht an. Mit Fußball allerdings kennt er sich aus. 2010 brachte er sein Theaterstück "Abseitsfalle" auf die Bühne des Theater Oberhausen. Thema: Vereinnahmung des Fußballs durch Club-Investoren. Hajo Sommers, Vorstand des Vereins Rot-Weiß Oberhausen, spielte ebenfalls mit in dem Stück.

Theater Oberhausen, Berliner Volksbühne, Schauspielhaus Zürich, Münchner Kammerspiele, Bayerische Staatsoper. Seit Anfang der Nullerjahre schreibt Kamerun Stücke für Theateraufführungen und -festspiele und tritt als Regisseur auf. "Für immer Punk" heißt ein Song auf "Porsche, Genscher, Hallo HSV", dem Debütalbum der Goldenen Zitronen aus dem Jahr 1987. "Für immer Punk möchte ich sein, für immer Punk, willst du wirklich immer Hippie bleiben, für immer, für immer" lautet der Text des Refrains. Und jetzt ausgerechnet Theater, für viele ein Sinnbild bürgerlicher Behaglichkeit und (Erwachsenen-)Mainstream.

Punk ist zu einer inhaltsleeren Chiffre verkommen

Kamerun sitzt inzwischen an einem Tisch in einem Freiburger Café. Er bestellt sich das Tagesgericht. Fisch-Curry mit Reis. Am Nebentisch sitzt seine Familie. "Die müssen mein Gequatsche sonst immer ertragen", sagt er und lacht. Beim Goldene Zitronen-Refrain verdreht er allerdings die Augen. "Punk war letztendlich ein Schwindel. Der Begriff ist zu einer inhaltsleeren Chiffre verkommen. Er steht für gar nichts mehr. Malcolm McLaren hat ihn mit den Sex Pistols verkauft und auf die Laufstege gebracht. Diese Gegenkultur ist schnell Mainstream geworden." Mit äußeren Stilmitteln könne man heute nicht mehr provozieren, es gebe keine radikalen Formen mehr. "Das Extreme wird schnell museal oder von der Werbung zur Absatzsteigerung vereinnahmt. Siehe HipHop, siehe Grunge."

Auch Kamerun und Die Goldenen Zitronen sind in gewisser Weise museal geworden. Die Wanderausstellung "Geniale Dilettanten - Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland" widmet sich der Zeit nach dem Deutschen Herbst, in der Bands wie DAF, Einstürzende Neubauten und Palais Schaumburg erst dunkle Keller, später das Pop-Feuilleton für sich besetzten. In einem Dokumentarfilm kommt Kamerun zusammen mit Blixa Bargeld und Diederich Diederichsen zu Wort. In München haben Die Goldenen Zitronen und Ornament und Verbrechen anlässlich dieser Ausstellung ein Konzert gespielt. Der Anti-Mainstream erlebt so ein weiteres Revival.

"Aus dieser Zwickmühle komme ich nicht heraus", sagt er. Vielleicht ist das Theater gerade deshalb der richtige Ort für einen Freidenker wie Kamerun. Denn Sprache als radikaler Ausdruck - das funktioniert. "Das Theater ist ein Ort, an dem ich alle Freiheiten habe, mich auszuprobieren und mit einer Gruppe etwas zu erarbeiten. Jeder bringt sich ein, jeder mischt sich ein, wir müssen aufeinander zugehen", sagt er und schwärmt von den Dynamiken, die im Dialog mit den Mitwirkenden entstehen. In einem besten Fall überträgt sich diese Energie auf die Zuschauer, stößt auch bei ihnen soziale Lernprozesse und Verhaltensänderungen an.

Kamerun steht auf, in der Hand die Papiertüte mit dem Schokoladencroissant. Sein Blick geht wieder über die Sonnenblumen. "In Freiburg hat alles seine Ordnung. Alles sieht so harmonisch aus. Die Menschen machen es sich hier wahrscheinlich so gemütlich wie möglich", sagt er. Ziemlich sonnenblumig eben.
  • Was: "NEEEIIIIIIIIII?IIIIN – Ein alternativloses Konzert von und mit Schorsch Kamerun"
  • Wann: Donnerstag, 20. Oktober 2016, und Freitag, 28. Oktober 2016, 22.30 Uhr; 20. November 2016, 21 Uhr
  • Wo: Stadttheater Freiburg, Großes Haus, Hinterbühne