Auf ein Croissant mit Hanya Yanagihara

Bernhard Amelung

Ein monumentales Werk über Freundschaft, Liebe, Schmerz und Leid ist Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben". Daraus liest sie an diesem Mittwochabend im Theater Freiburg. Ein Gespräch über das Schreiben und badischen Wein.

"G u t e d e l". Hanya Yanagihara spricht das für sie noch fremde Wort nach. Langsam wiederholt sie es. "G u t e d e l". Der erste, sprachliche Kontakt mit dieser urbadischen Weinspezialität. Noch ist es zu früh, ein Glas zu trinken, und außerdem muss die US-amerikanische Journalistin und Autorin an diesem Mittwochabend noch ihren aktuellen Roman im Theater Freiburg vorstellen. Dieser heißt "Ein wenig Leben" und ist in den USA im Frühjahr 2015 unter dem Titel "A Little Life" erschienen. Er ist knapp 1000 Seiten stark. Freundschaft und Einsamkeit, Liebe und Sexualität, Leid und Trost – auf diese Themen lässt er sich herunterbrechen. Yanagihara, 1974 in Los Angeles geboren, baut um sie herum die Lebens- und Freundschaftsgeschichte von Willem Ragnarsson, Malcolm Irvine, Jean-Baptiste "JB" Marion und Jude St. Francis.


Yanagihara bleibt an den Rebstöcken des kleinen Weinlehrpfads im Colombipark stehen. Sie fragt nach den verbreitetsten Rebsorten der Region Freiburg. Sie will wissen, ob auch rote Rebsorten angebaut werden und ob Weine aus der "Neuen Welt" bei den Menschen der Region einen festen Platz erobert haben. Sie stellt viele Fragen zum Weinbau, zur Ess- und Trinkkultur im Süden Deutschlands. Sie war noch nie in dieser Region, nur einmal in Berlin und Hamburg, im Winter. Bis zu ihrem Wechsel zum Magazin der New York Times war sie Redakteurin beim US-amerikanischen Reisemagazin Conde Nast Traveller. Recherchieren, Fragen stellen, schreiben. Diesen Dreiklang des Journalismus hat sie verinnerlicht.

Entsprechend präzise und detailreich baut sie die vier Protagonisten von "Ein wenig Leben" auf; Irvine, den Architekten, Ragnarsson, den Schauspieler, Marion, den Künstler und St. Francis, den Prozessanwalt. Als ob sie diese fast vier Jahrzehnte selbst begleitet hat. Ihre Sprache bleibt wie eine Kamera nahe am Geschehen, und diese Nähe verstört, schüchtert ein, verängstigt. So zum Beispiel, wenn St. Francis Hand an sich legt und sich selbst verletzt. Er zerschneidet seine Arme mit Rasierklingen, zerstört seinen Körper. Seine Seele ist das längst. Als Kind und Jugendlicher wurde er Opfer sexuellen Missbrauchs. Doch das erfahren die Freunde Irvine, Ragnarsson und Marion erst später.

Vier Leben, vier Jahrzehnte, rund 1000 Seiten. Da kann man beim Lesen schnell den Überblick verlieren. "Nicht so beim Schreiben", sagt Yanagihara. Ein solches Werk sei eigentlich schnell geschrieben, sagt sie und lacht. "Ich wusste, wie der Roman beginnen soll, wie er enden soll, und was ich zwischen Anfang und Ende erzählen möchte. Figuren, Szenen und Themen hatte ich alle im Kopf." Geschrieben hat sie "Ein wenig Leben" in ihrer Wohnung in Manhattan und auf ihren Reisen. Das zweite Kapitel, das vor allem die Leidensgeschichte von St. Francis – Waisenkind, im Kloster aufgewachsen und sexuell missbraucht worden – behandelt, hat sie auf Bali und in North Fork auf Long Island geschrieben. Das fünfte Kapitel hat sie während einer Japan-Reise geschrieben. "In Manhattan kann ich eigentlich besser schreiben. Zuhause bin ich weniger abgelenkt." Sie gehe kaum aus, wie viele New Yorker ihres Alters. Irgendwann habe man einen festen Freundeskreis und Alltagsroutinen entwickelt. "Der Lebenskontext ändert sich zuhause kaum noch", sagt sie.

"Wie lange muss man zum nächstgelegenen Weinberg fahren", fragt Yanagihara auf einmal. Dieser liegt in Laufweite. Der Schlossberg. Riesling, Chardonnay, aber auch rote Rebsorten wie Cabernet Franc werden dort angebaut. "Wow", sagt sie. "Das ist ziemlich, ziemlich nahe." Ihre Augen leuchten. Sie reise ja ohne Smartphone und verlasse sich in fremden Städten auf andere Menschen. "Ich gehe in Apotheken und Geschäfte, Orte, an denen viele Einheimische und wenig Touristen anzutreffen sind. Dort frage ich nach dem Weg, nach Besonderheiten, gebe ein wenig die Kontrolle ab." Sie nennt das "embracing vulnerability", gewissermaßen die eigene Verletzlichkeit zeigen und sich etwas trauen. "Wer seine Verletzlichkeit offen legt, ist stark. Wer dies kann, hat weniger Angst vor dem Unbekannten."

Jetzt möchte man eigentlich eine Flasche Wein öffnen und mit ihr auf zwei Hauptthemen des Buches, Freundschaft und Liebe, zurückkehren; Verletzlichkeit ist ja untrennbar mit Nähe und Intimität, zwei Grundbedingungen von Freundschaft und Liebe, verbunden. Vielleicht würde ein Riesling, Weißburgunder oder Chardonnay passen. Oder vielleicht doch eine Flasche "G u t e d e l" öffnen, und Hanya Yanagihara noch das urbadische Wort "sürpfle" beibringen. "S ü r p f l e". Dem jedoch steht der bald bevorstehende Termin der Lesung entgegen.
  • Was: Hanya Yanagihara liest aus "Ein wenig Leben"
  • Wann: Mittwoch, 15. März 2017, 20 Uhr
  • Wo: Theater Freiburg, Winterer Foyer