Auf ein Croissant mit Garth Greenwell

Bernhard Amelung

Mit "Was zu dir gehört" hat Garth Greenwell einen Roman über Verlangen, Sehnsucht und Obsessionen veröffentlicht. Am Montag las er daraus im Literaturhaus Freiburg. Warum er den Rest seiner Lesetour absagen und in Freiburg sesshaft werden wollte.

Garth Greenwell hasst Autos. Ginge es nach ihm, würde er möglichst alle Wege zu Fuß zurücklegen. Erst recht, wenn er in einer fremden Stadt ankommt. Aber es geht nicht anders. Fliegen, Bahn fahren, Auto fahren. Seit er im Januar 2016 seinen Debütroman "What belongs to you" veröffentlicht hat, führt der US-Amerikaner, 1978 in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky geboren, ein beschleunigtes Leben. Lesungen, Vorträge, Workshops. Greenwell ist gefragt.


An diesem Montag im März ist Freiburg die siebte von neun Städten, die er auf seiner Leserreise besucht. "What belongs to you" ist im Januar dieses Jahres unter dem deutschen Titel "Was zu dir gehört" erschienen. Berlin, München, Hamburg, Stuttgart. In diesen Städten hat er bereits gelesen. Zürich und Leipzig liegen noch vor ihm. Dann geht es noch einmal für einen Tag nach Berlin. Dann zurück in seine Heimat. Er lebt im Bundesstaat Iowa, diesem dünn besiedelten Flächenstaat im Mittleren Westen. Ohne Auto kommt man dort kaum klar. Greenwell verdreht die Augen und stöhnt. Der Hass auf Autos.

Greenwell liebt es, fremde Städte zu Fuß zu erkunden. Er selbst nennt es "in einen urbanen Lebensraum eintauchen". "Ich achte darauf, ob der Aufbau einer Stadt soziale Interaktionen erleichtert. Viele Städte in den USA lehnen menschliches Leben ab. Morgens fährt man zur Arbeit in den Central Business District, abends fährt man nach Hause. Sonst passiert nichts. Das ist sehr schmerzhaft."

In Freiburg fühle er sich sofort wohl. Die Chemie zwischen ihm und der Stadt stimme. Er könne sich tatsächlich vorstellen, hier zu bleiben sagt er und lacht. Ein ehrliches Kompliment. Auf Twitter schreibt er: "#Freiburg is so beautiful I’m wondering how bad it would be if I canceled the rest of this tour & also my life & never left." Den Rest der Lesetour absagen und in Freiburg sesshaft werden.



Oder, losgelöst von einem konkreten Ort, sich zugehörig fühlen. Danach verlangt auch der namenlose Protagonist seines Romans "Was zu dir gehört". Wie Greenwell läuft dieser viel und bewegt sich im Raster einer Stadt. Er lebt und arbeitet als Lehrer in Sofia. Ganz so wie Greenwell, der in der bulgarischen Hauptstadt vier Jahre Englisch am American College of Sofia unterrichtet hat. Autobiographisch sei der Roman dennoch nicht. Kein Tagebuch. Doch, so weit lässt er sich ein, hätte dieser Roman nie ohne seinen Umzug nach Sofia entstehen können.

Der namenlose Protagonist wirkt ruhelos. Er rennt weg. Er flieht vor seiner Vergangenheit, vor seiner Kindheit in einer Stadt im Mittleren Westen der USA, vor der Geschichte seines Coming Outs. Erst in Bulgarien wird ihm klar, was er in seinem Leben wirklich will. "Sein tiefstes Bedürfnis ist, sich akzeptiert, sich zugehörig zu fühlen", sagt Greenwell. Daher auch der Titel.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit durchdringt alle Lebensbereiche. Arbeit, Wohnen, Religion, Hautfarbe, Sexualität. Doch hat Zugehörigkeit nicht immer auch mit Abgrenzung zu tun? Ich und die anderen? Greenwell lehnt diesen Gedanken ab. Er macht sich stark für Gleichheit in einer radikalen Form. "Dazu gehört, dass jedes Lebensmodell als gleichwertig anerkannt wird", sagt er. Dazu gehöre auch die Akzeptanz von Sexualität.

"Viele Rechte, die sich die LGBT-Community erkämpft hat, haben im Mainstream zu einer Entsexualisierung geführt. Sie haben das Recht auf Eheschließung, das Recht, Kinder zu adoptieren, erbschaftsrechtliche Fragen wurden geklärt. Aber sie haben nicht das Recht, sexuelle Wesen zu sein." Schwule, beziehungsweise queere Körperlichkeit könne die Öffentlichkeit immer noch peinlich berühren. Queeres Leben finde nur dann einen Rückhalt im Mainstream, wenn es mit dessen gesellschaftlichen Normen übereinstimme. Als Beispiel nennt Greenwell die Ehe für alle. Ehe sieht er als einen schönen Lebensentwurf, der allen Menschen offen stehen müsse. Aber, das ist ihm wichtig, er ist nicht der einzige schöne Lebensentwurf. Zu einem solchen können auch sexuelle Abenteuer gehören.

Solche erlebt der namenlose Protagonist in "Was zu dir gehört", während er durch Sofias Straßen geht. Wer sich eine Stadt zu Fuß erobere, müsse mit seiner Umwelt zwangsläufig in Kontakt treten, so Greenwell. "Laufen eröffnet den Menschen soziale Möglichkeiten. Das Cruising erweitert diese um eine erotische Ebene. Man schafft sich dadurch einen privaten Raum im öffentlichen Raum."

Die Orte, die der namenlose Protagonist zur Anbahnung von Sex aufsucht, beschreibt Greenwell als rau und zugleich intim. Intim, denn es sind Orte, an denen Menschen zusammenkommen, die sonst nie miteinander zu tun hätten. Menschen aller sozialer Schichten und Ethnien treffen in Crusing-Areas aufeinander. Von Angesicht zu Angesicht.

"Cruising bedeutet deshalb immer auch, überrascht zu werden. Das gibt es in Zeiten sozialer Netzwerke kaum noch. Auf den ganzen Dating-Plattformen schaut man sich ein Bild an und wischt nach rechts oder links. Das entwertet den Menschen auf eine Handbewegung. Eine Reaktion, die einem anderen Menschen schlechterdings nicht gerecht werden kann", sagt Greenwell. Und Verlangen und Lust, was eine Beziehung zusammen hält, und sei sie auch nur rein sexueller Art, könne so gar nicht entstehen und wachsen. Sich zur Obsession steigern.

Greenwell beschreibt diese stürmischen Gefühlslagen mit aller lyrischen Feinheit, die ihm die Sprache bietet. Auch hier kommt sein Aufenthalt in Sofia einem Katalysator gleich. An jedem Tag stand er um halb fünf Uhr morgens auf und schrieb zwei Stunden. Manchmal formulierte er nur einzelne Sätze, manchmal schrieb er kurze Geschichten. Erst mit der Zeit verdichtete er diese zur Geschichte seines Romans. "In dieser Zeit habe ich meine Sprache selbst erfahren. So etwas Intimes hatte ich bisher noch nie erlebt", sagt er.



Müsste er "Was zu dir gehört" einen Soundtrack verpassen, er würde sich für Werke von Richard Strauß, Benjamin Britten, Björk und Azis, einem bulgarischen Sänger, entscheiden. Musik, die ihn ermutigt, komplexe Gefühle auszuhalten. "Ich fühle mich sehr angezogen von diesem Mix aus Ekstase und Kontrolle", sagt er. Zusammengestellt hat er den Soundtrack bereits mit Erscheinen seines Romans in englischer Sprache für das Blog "Large Hearted Boy". "Die Playlist ist immer noch online", sagt er zum Abschied. Er trinkt seinen Café, steht auf, nimmt das Croissant und geht. Spazieren. Was sonst. Später wird er Fotos von Freiburg twittern, versehen mit dem Hashtag "Lesereise" und einem Herzchen. Zwischen ihm und Freiburg stimmt die Chemie wirklich.



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