Auf ein Croissant mit dem Klangkünstler Graham Dunning

Bernhard Amelung

Graham Dunning präpariert und zerlegt Schallplatten. Im Club spielt er sie mit skurrilen, selbst gebauten Plattenspielern ab. Am Samstag bringt er seinen sogenannten "Mechanical Techno" auf die Bühne des Slow Club. Zuvor hat ihn Bernhard Amelung auf ein Croissant getroffen.



The Wire, The Quietus, das Fact Magazine. Eigentlich ist es egal, welches englischsprachige Musikmagazin man nimmt. In allen schwärmen Autorinnen und Autoren von Graham Dunning, einem Experimentalmusiker aus East London. East London umfasst die Bezirke östlich der City of London. Also Dalston, Hackney, Shoreditch. Hier gibt es den besten Fufu außerhalb Ghanas, die besten Curries außerhalb Indiens und Jerk Chicken, das auf Jamaika nicht besser schmecken wird.


Sehnsuchtsdestination für alle, die ein bohemien-bourgeoises London suchen. Da kann Freiburg mit seinen Brägele nicht mithalten. Vielleicht aber beim Kaffee, und vielleicht macht Martin Willi Giebler, Inhaber des Cafés JC im Stühlinger, den besten der Stadt. Ein guter Ort also, um Graham Dunning zu treffen.

Dunning, ein Schlaks mit schulterlangem blauem Haar, hat es sich auf einem Sofa bequem gemacht. Die Beine übereinander geschlagen, schaut er auf die Lampen, Sessel, Couchtische im Stil der Fünfziger bis Siebziger Jahre. Ganz schön viel Vintage hier. Vor ihm stehen eine Kaffeetasse und ein Teller, auf dem ein Laugencroissant liegt. Die Kaffeetasse ist leer. Das Croissant liegt unangebissen vor ihm.

Er ist zum ersten Mal in Freiburg. Am Samstag wird er im Slow Club auftreten. Davor will er den Schwarzwald sehen. Hinterzarten. Den Schauinsland. Aufgewachsen ist er in Manchester, der ersten Industriestadt der Welt. Die Stadt sei grau, schmuddlig, trist. So lautet ein gängiges Vorurteil. Ganz schön viel Grün umgibt die Stadt. Zahlreiche Kanäle durchziehen ihren Norden; der Bolton & Bury-Kanal, der Rochdale-Kanal, der Leeds-Liverpool-Kanal, die wasserreichen Kapillaren im Nordwesten Englands.

Apropos Liverpool. Im Fußball gibt es ja diese Städterivalität zwischen Liverpool FC und Manchester United. Hat Dunning am Mittwoch dann Sevilla die Daumen gedrückt? "Ich habe dazu überhaupt keine Meinung. Ich habe das Euro-League-Finale auch nicht geschaut. Würde ich einen Verein unterstützen, wären es vielleicht die Bolton Wanderers. Aber Fußball interessiert mich nun wirklich nicht", sagt er.

Vielmehr interessieren ihn Geräusche, Klänge, Loops. Aus immer wiederkehrenden Rhythmus- und Melodiefragmenten schichtet Dunning seine Sounds auf. Die kann man zwischen Ambient und Drone, Clicks'n'Cuts und Noise, Techno und Electronica einordnen. "Mechanical Techno" nennt er selbst diesen Stil. Vielleicht ist er tanzbar, vielleicht auch nicht. Das muss jeder selbst für sich entscheiden. "Ich bin kein Club-DJ. Ich spiele oft in Museen und Galerien, in Konzertsälen und auf Festivals. Orte, an denen ich nicht gezwungen bin, Menschen zum Tanzen zu bringen. Orte, an denen mein Publikum auch nicht gezwungen ist, zu Tanzen", sagt er.

Fünf Alben mit dieser Musik hat er 2015 veröffentlicht, in diesem Jahr auch schon vier. Alle erscheinen auf Kassette. Es sei einfach billiger, als das Zeug auf Vinyl zu pressen. Und Kassette habe auch einen DIY-Punk-Charakter.

Dem Vinyl wäre bei Dunning auch kein langes Leben beschieden. Er zerbricht, zerschneidet, zerkratzt Schallplatten. Er klebt sie neu zusammen, schichtet sie übereinander. Ob er Vinyl eigentlich hasst? Er lacht. "Im Gegenteil. Ich liebe Vinyl. Die Schallplatten, die ich als Grundlage für meine Sets verwende, haben andere Menschen längst aufgegeben. Ich finde sie in Mülltonnen, in Kisten, die an den Sperrmüll gehen. Ich rette sie vor der endgültigen Zerstörung. Ich bearbeite sie und hauche ihnen neues Leben ein", sagt er.

Er spielt sie mit einem Gerät ab, das - aus Laiensicht - auch in einem Chemielabor stehen könnte. Vinyl türmt sich auf. Schläuche und Kabel übernehmen die Funktion von Tonabnehmern.

Synthfläche trifft Kratzgeräusch. Klickersounds pluckern zu Stolperbässen. Dazu schlägt er mal auf eine Kuhglocke oder steuert Synthesizer und Drum-Maschine an. Stets auf der Suche nach dem perfekten Loop. Perfekt sei er, wenn man gar nicht mehr merke, dass er da ist. Und wie muss ein perfekter Kaffee schmecken? "Würzig, körperreich, stark, mit zarten, blumigen Nuancen", sagt er. Das Croissant hat er immer noch nicht angebissen.

Graham Dunning - Mechanical Techno

Quelle: YouTube


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Was
: Graham Dunning & Tapiwa Svosve
Wann: Samstag, 21. Mai 2016, 21 Uhr
Wo: Slow Club