Auf ein Buch bei jos fritz (2)

Maria-Xenia Hardt

Unser Streifzug durch kleine, charmante Freiburger Buchhandlungen geht weiter. Heute stellen wir euch die jos fritz Buchhandlung vor, eine Institution der lokalen Literaturwelt. Die Buchhändlerinnen Senta, Tina und Ilaria (von links) geben euch außerdem einen Lesetipp.



 

Die Buchhandlung

Auf unserer Tour durch kleinere Freiburger Buchhandlungen hat es uns diesen Monat in die Wilhelmstraße verschlagen. Dort versorgt jos fritz seit 1975 Bücherfreude mit Literarischem und Wissenschaftlichem. Tina Bolg, Senta Hehn und Ilaria Maccagno, drei der acht aus dem jos fritz-Team, waren damals alle noch nicht dabei. Die Geschichte kennen sie trotzdem.

„Das war eine heiße Zeit in Freiburg“, erzählt Ilaria. „Zuerst war das hier noch mehr ein Infoladen. Die Leute haben sich gekannt, getroffen, ausgetauscht. 75 wurde dann eine Buchhandlung daraus.“

Die sollte "Aspirin" heißen, das Heilmittel gegen vom Kapitalismus verursachte Kopfschmerzen. Allerdings ging der Chemiekonzern Bayer gegen die Verwendung des Namens vor. „Die wollten den wohl nicht mit einer linken Buchhandlung teilen“, sagt Tina.



Einer der Mitarbeiter forschte damals zu den Bauernkriegen und stieß auf Jos Fritz, der im 16. Jahrhundert Bauernaufstände im Freiburg anführte. Eine schöne Parallele zum Kampf der Landwirte gegen das Atomkraftwerk in Wyhl. Heute ist die Buchhandlung zwar nicht mehr Haupt-Treffpunkt der linken politischen Szene, der Name aber ist geblieben.

Hier bekommt man Belletristik großer, aber auch kleinerer Verlage, aus Deutschland und dem Rest der Welt, Lyrik, Frauenliteratur, Bücher zu Politik, Geschichte und Soziologie. Einer der Schwerpunkte liegt auf Schwulen- und Lesbenliteratur. „Meines Wissens nach sind wir die einzige Buchhandlung in Freiburg, die einen eigenen Bereich dafür hat“, sagt Tina.

Jos fritz ist ein Treffpunkt für Lesebegeisterte. Laufkundschaft ist zwar trotz der Nähe zum Hauptbahnhof eher selten, dafür gibt es umso mehr Stammkunden. Viele sind per du mit den Mitarbeitern.

Die Italienerin Ilaria (rechts im Bild) kam zunächst als Au-Pair nach Deutschland, absolvierte ein Praktikum in der Buchhandlung, ging zurück in die Heimat. „Dann bekam ich irgendwann eine Postkarte aus Freiburg und das Angebot, eine Ausbildung bei jos fritz zu machen. So etwas gibt es in Italien gar nicht. Und da ich immer in einem Buchladen arbeiten wollte, bin ich zurückgekommen – das war 1995.“



Senta (links im Bild) ist noch nicht so lange dabei. Nach ihrem Studium der Theater- und Filmwissenschaft in Wien hat sie eine zweijährige Ausbildung bei jos fritz durchlaufen. Danach ist sie gleich dageblieben, denn sie bezeichnet diese Buchhandlung als einen guten Ort, um ihren „Hunger nach Geschichten“ zu stillen.

Tina ist über Umwege in der Buchhandlung gelandet. „Ich war Taxifahrerin“, erzählt sie, „die Zentrale war hier in der Straße und da man wahnsinnig viel herumsteht, habe ich mich hier immer mit Krimis versorgt. Dass ich heute Buchhändlerin bin, hat viel mit jos fritz zu tun. Woanders hätte ich das nicht machen wollen.“ Die ungewöhnliche Umschulung wurde teilweise vom Arbeitsamt finanziert, 1992 ist Tina bei jos fritz eingestiegen.



 

Das Buch

In Anbetracht der 10.000 Bücher, die bei jos fritz in den Regalen stehen, fällt es dem Team nicht ganz leicht, eine einzige Empfehlung auszusprechen. Die Entscheidung fällt auf den Roman „Der Tag vor dem Glück“, eine Hommage des Italieners Erri de Luca an seine Kindheit und seine Heimatstadt Neapel.

De Luca erzählt die Geschichte eines Waisenjungen, der in den 50er Jahren im Schatten des Vesuv aufwächst, der bei den Großen mitkicken darf, weil er den Ball aus jeder Ecke fischen kann, der einen Keller voller Bücher entdeckt und von Don Gaetano, dem Portier des Hauses, die Geschichte dazu hört: „Don Gaetano zuzuhören machte mich zum späten Zeugen seiner Zeit.“

Don Gaetanos Zeit ist die des Zweiten Weltkriegs in Neapel, die Zeit der Judenverfolgung und die Zeit der Aufstände der Neapolitaner gegen das Regime. Der Portier versteckte damals einen Juden in eben jenem Keller – „weil die Leute im Krieg ihre schlechtesten Seiten zeigen, aber auch ihre besten.“

Don Gaetano, ebenfalls ein Waise, und der Junge verbringen viel Zeit miteinander. Der Alte lehrt den Jungen nicht nur die Geschichte der Stadt, sondern auch das Kartenspiel, das Lesen von Gedanken, das Reparieren kaputter Wasserrohe, die Geheimnisse der Liebe und die richtige Verwendung eines Messers.

Don Gaetano ist weise, ohne ein Gelehrter zu sein, eine Vaterfigur für den Erzähler, Handwerker, Streitschlichter, alles in einem: „Sein Kaffee besaß die Macht, Recht zu sprechen, er war die letzte Instanz.“



Die Liebesgeschichte zwischen dem Protagonisten und Anna, einem autistischen Mädchen, das er früher immer hinter dem Fenster sah und das als Frau zurückkehrt, ist der schwächere Part des Romans. Viel dominanter, viel wichtiger, viel schöner ist die Liebesgeschichte zwischen dem Jungen und Neapel: „Ich war nicht mehr Sohn eines Hauses, sondern Sohn einer Stadt. Ich war kein Waisenkind, sondern der Angehörige eines Volkes.“

Erri de Luca lässt den Leser eine Seite des italienischen Südens entdecken, die ob der dominierenden Bilder von Mafia und Müllbergen allzu oft verborgen bleibt: „Nachts ist die Stadt schön. Sie ist voller Gefahren, aber auch voller Freiheit.“

De Luca malt das Bild einer Stadt, die vom Vulkan und der Geschichte immer wieder gebeutelt wurde, aber deren Bewohner sich nicht aufgeben, die Krieg und Zerstörung trotzen.

Buchhändlerin Ilaria hält das für eine realistische Darstellung: „Die Neapolitaner leben teilweise in Situationen, die andere gar nicht aushalten würden, sie nehmen das Leben so wie es ist und sie beschweren sich nicht, sie halten aus, bis sie nicht mehr existieren.“

In Italien, so Ilaria, ist der Roman ein „Tankstellenbuch“ geworden – eines, das man einfach überall bekommt.

Erri de Luca: Der Tag vor dem Glück. Graf Verlag, 172 Seiten, gebunden, ISBN 978-3862200061, 16,95 €

 

Weitere Empfehlungen

 
  • Gilbert Adair: Buenas Noches, Buenos Aires (Geschichte eines jungen schwulen Lehrers, der von London nach Paris zieht, um seine Sexualität zu leben)

Adresse

jos fritz
Wilhelmstraße 15
79089 Freiburg
Öffnungszeiten:
Mo-Fr: 9-19 Uhr
Sa: 10-16 Uhr

Nächste Lesung

Was: Karen-Susan Fessel liest aus „Leise Töne"
Wann: Heute, Freitag, 3. Dezember 2010, 20 Uhr
Wo: Jos Fritz Café, Wilhelmstr. 15
Eintritt: 8 € / 5 €

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