Auf der blauen Brücke demonstrieren Aktivisten gegen europäische Flüchtlingspolitik

Marius Buhl

Ein T-Shirt für jeden getöteten Mittelmeerflüchtling: Seit dem frühen Donnerstagmorgen protestieren Aktivisten auf der blauen Brücke unangemeldet gegen die europäische Flüchtlingspolitik - mit T-Shirts, Plakaten und Flyern. Auch die Polizei war vor Ort - griff aber nicht ein:



"Kennt jemand hier die Sendung 'Die Anstalt'?", fragt Leander Badura. Der Freiburger Politikwissenschaftsstudent steht auf der blauen Brücke, hinter ihm flattern hunderte T-Shirts im Wind, an den blauen Stahlträgern hängen Plakate. Darauf steht: "Kein Mensch ist illegal!" Badura sagt: "In einer etwas älteren Anstalt-Sendung redet ein ehemaliger Grenzer der DDR mit einem Frontex-Mann, dem Grenzer Europas! Sie debattieren über Flüchtlinge, Außengrenzen, am Ende fragt der DDR-Grenzer den Frontex-Mann: 'Wie viele Tote gab's bei euch?' Der antwortet: '20.000'. Der Grenzer der DDR ist fasziniert, sagt dann: 'Und wir waren ein Unrechtsstaat. Was seid dann ihr?' 'Der Frontexmann antwortet: 'Friedensnobelpreisträger!'" Badura wartet kurz, dann sagt er: "Und genau deswegen sind wir hier!"


Es ist Donnerstagmorgen. Leander und 6 Mitaktivisten haben sich auf die blaue Brücke gestellt, um gegen die europäische Flüchtlingspolitik zu demonstrieren. Das Motto: Grenzen töten! Brücken bauen! So steht es auf einem gelben Plakat, das die Aktivisten aufgehängt haben. "Deshalb sind wir auf der blauen Brücke", sagt Leander.

Besonders auffällig sind die unzähligen T-Shirts, die die Aktivisten an haben. Die Shirts haben sie als Spenden erhalten. "Wir wollten eins für jeden gestorbenen Mittelmeerflüchtling. Leider sind es nun weniger als 800 geworden", sagt eine Aktivistin. "Aber das spricht ja für sich. Es waren so viele Tote, das wir nicht mal für jeden ein T-Shirt auftreiben konnten!"

Kein Flüchtling schläft gut

Zusätzlich teilen sie Flyer und Postkarten aus, die sowohl über die Situation der Flüchtlinge am Mittelmeer, als auch über die Situation der Flüchtlinge in Freiburg informieren. Auf einer Postkarte steht: "Heute Nacht gut geschlafen?" Leander sagt: "Von den Flüchtlingen in Freiburg schläft wahrscheinlich kaum einer gut. Seit der Bundesrat und dort auch Kretschmann einem Gesetzesentwurf zugestimmt haben, das Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsstaaten einstuft, leben Freiburgs Roma in ständiger Angst der Abschiebung!"

Geschlafen hat Leander selbst nicht. In der vergangenen Nacht stand er mit dutzenden anderen Aktivisten vor Freiburger Flüchtlingsheimen - zu sogenannten Mahnwachen.Im Flüchtlingsheim Mooswald ist es den Aktivisten dadurch gelungen, die Abschiebung einer fünfköpfigen Roma-Familie nach Serbien zu vereiteln. "Ich bin so verdammt glücklich deswegen", sagt Leander.

Die Aktion auf der blauen Brücke kommt an. Ein Passant sagt: "Ich finde es gut, dass jemand auf die Problematik aufmerksam macht. Gerade jetzt sind uns die Bilder der löchrigen Holzkähne auf dem Mittelmeer ja vor Augen. Jetzt gilt es zu handeln!" Er könne sich gut vorstellen, dass Politiker in Europa nun umdenken würden: "Manchmal verändern Bilder die Weltpolitik!" Eine Passantin fühlt sich von der Aktion der Aktivisten eher belästigt: "Lassen Sie mich damit bloß in Ruhe, ich hab andere Sorgen!"

Stadt berät über Auflösung der Versammlung

Auch die Polizei ist auf die Aktion des Freiburger Forums 'aktiv gegen Ausgrenzung' aufmerksam geworden. Ein Beamter unterhielt sich am frühen Donnerstagmorgen mit den Aktivisten und informierte sich sehr genau über deren Anliegen. Er sagte: "Wir haben die Anweisung, die Aktion im Auge zu behalten. Wir lösen auf, wenn die Stadt uns dazu auffordert."

So weit kam es bis zum frühen Nachmittag nicht. Zwar war die Versammlung nicht angemeldet, die Stadt sah aber keine Veranlassung, die Versammlung aufzulösen. Martina Schickle, Pressesprecherin der Stadt, erklärte: "Die Veransammlung war nicht rechtswidrig, es gab keinen Grund zur Auflösung!"

So standen auch am Nachmittag noch immer einige Aktivisten auf der Brücke und erklärten Interessierten ihre Meinung zur europäischen Flüchtlingspolitik. Leander war da bereits zuhause. Er hatte ordentlich Schlaf nachzuholen.



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[Foto: Ingo Schneider]