Auf dem Weg zur guten Schwester

Linda Tuttmann

Sara Schramm, 26, will ins Kloster gehen. Für immer. Das hat sie jedenfalls vor. Obwohl sie weiß, was es heißt, sich in einen Mann zu verlieben; obwohl sie sich eigentlich nicht vorstellen kann, ohne Kinder zu leben. Linda hat Sara einen Tag vor ihrer Probezeit als werdende Nonne besucht.



Jetzt steht sie da, mit dem Hörer in der Hand, und sagt in die Leitung: „Ich bin ein bisschen nervös, weil ich morgen ja fahre. Aber ich schreibe dir ganz bestimmt."


Sara wirkt nachdenklich. Am Telefon sei ihre Freundin Lea gewesen. Lea kommt aus dem Libanon und wurde vor zwei Jahren mit einem Moslem zwangsverheiratet. Die Ehe läuft nicht gut.

Ab morgen wird Sara für Lea und andere Freundinnen nicht mehr ohne weiteres erreichbar sein. Denn Sara hat eine Entscheidung getroffen. Sie will Nonne werden.

In der Küche riecht es nach Schwarztee und Vanille. Sara zündet Kerzen an. Mit übereinander geschlagenen Beinen sitzt die 26-Jährige in ihrer WG-Küche und erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Isny. In der kleinen Stadt im Allgäu war ihr Vater evangelischer Diakon und Leiter eines Behindertenheims. Christliche Werte prägten das Zusammenleben im Elternhaus: „Wir haben vor jedem Essen gebetet und sind sonntags in die Kirche gegangen. Aber alles ohne Zwang“, sagt sie.



Kinder-Kirchenchor, Jungschar, mit 14 Konfirmation, die übliche christliche Erziehung. Außergewöhnlich streng war sie aber nicht, wie man als Außenstehender vermuten könnte. Und schon gar nicht katholisch.

Mit der Pubertät kam die Zeit, in der Sara „keinen Bock“ mehr auf Kirche hatte. „Ich fand das damals irgendwie total uncool und habe mich von meinen alten Freunden in der Gemeinde distanziert.“ Sie schmunzelt. Die rebellische Phase. Auch ihre Eltern tolerierten ihre „Eskapaden“ als Teenager, die so normal und durchschnittlich klingen, als würde man sie in der Bravo lesen: Der erste Freund, Partys und zuviel Alkohol.

Dann kam der Umzug nach Reutlingen. Sara machte ihren Realschulabschluss und begann mit 17 ihre Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Zum zweiten Mal in ihrem Leben kommt sie mit dem Christentum in Kontakt. Dieses Mal ist es der katholische Glauben. Die Auslöserin heißt Barbara. Die damals 20-Jährige arbeitet zusammen mit Sara im Behindertenheim. Ihr Vertrauen in Gott beeindruckte Sara: „Barbara betete immer sehr viel, irgendwann habe ich das dann mitgemacht.“



Wehmütig wird sie, als sie von Barbaras beiden Kindern erzählt. Der Verzicht darauf, selbst einmal einen Kinderwagen vor sich herzuschieben, scheint ihr nicht leicht zu fallen. „Ohne Kinder zu leben ist für mich noch schlimmer, als ohne Mann zu leben“, sagt sie und wickelt dabei den Faden, der sich aus ihrem T-Shirt gelöst hat, um den Finger.

Schon mehrer Male war die junge Frau zu Besuch bei einem Orden in der Schweiz. Die wichtigste Zeit in ihrem Leben sei das gewesen. Die Gemeinschaft der Seligpreisungen ist eine gemischte Gruppe von Gläubigen. Nicht nur Frauen wohnen in dem Kloster, auch Familien und Männer.



Sara gleichwohl hat mit dem Thema "Männer" abgeschlossen. Es sei zu schwierig, Jesus so zu lieben, wie sie ihn jetzt liebe, wenn es noch einen anderen Mann an ihrer Seite gäbe.

„Ich weiß gar nicht, ob ich so eine gute Schwester werde. Ich bin schon ein Mensch, der gerne weg geht und zwei oder drei Gläschen Wein trinkt“, sagt sie. Es klingt nicht so, als würde sie an ihrer Entscheidung zweifeln. Und einen Weg zurück gibt es immer: „Sollte ich in den nächsten Jahren merken, dass mich das Klosterleben nicht erfüllt, gehe ich. Ein zu großer Krampf sollte es schließlich nicht sein.“



Erstmal geht Sara nur für vier Monate ins Kloster nach Zug. Nach dieser Probezeit will sie all ihre Sachen verkaufen.

Wir werden bald mit Sara Kontakt aufnehmen, um zu fragen, wie es ihr in der Probezeit ergangen ist.