Auf dem Teller statt im Müll: In Berlin macht bald ein Reste-Restaurant auf

Julia Dreier

Essensreste landen hier auf dem Teller, und nicht im Müll: Bald soll in Berlin das Restaurant "Restlos glücklich" eröffnen – Deutschlands erstes Lokal, in dem nur mit aussortierten Lebensmitteln gekocht wird. Julia Dreier hat mit der Freiburgerin und Mitinitiatorin Anette Keuchel über das Projekt gesprochen.

 

Warum braucht es ein Restaurant, dass Gerichte aus Resten anbietet?


Anette Keuchel:
Wir wollen die Wertschätzung für Lebensmittel steigern. Die ist den Menschen abhanden gekommen. Viele denken: Igitt, Essensreste, wie ekelig ist das denn. Aber wenn unsere Gäste erfahren, was man aus aussortierten Lebensmitteln noch alles Tolles kochen kann, sind die meisten begeistert. Unser Ziel ist, dass die Leute nach Hause gehen und das nachmachen – in den Kühlschrank schauen und merken: Ach, daraus kann ich noch etwas Leckeres zaubern.

Wer steckt hinter dem Restaurant gegen Lebensmittelverschwendung?

Im Kern sind wir sieben Leute. Außerdem haben wir 20 ehrenamtliche Helfer. Uns gibt es seit vergangenem Jahr. Im Sommer haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und 27000 Euro gesammelt. Wir arbeiten alle ehrenamtlich. Mittlerweile sind wir ein eingetragener Verein. Das Ziel ist es, als gemeinnützig anerkannt zu werden.  Momentan sind wir noch als Caterer unterwegs. Sobald wir passende Räume finden, wollen wir das Restaurant eröffnen. Außerdem soll es Bildungsangebote geben – wie Kochkurse für Kinder.'

Was steht auf der Speisekarte?

Unser Koch freut sich auf die kreative Herausforderung. Denn was auf der Karte steht, hängt davon ab, welche Lebensmittel wir bekommen. Das ist spannender als in einem normalen Restaurant zu arbeiten. Das erleben wir gerade auch, denn momentan machen wir noch alles selbst. Aus altem Brot, das massenweise anfällt, gibt es zum Beispiel Toskanischen Brotsalat und Brotchips.

Woher kommen eure Reste – aus der Tonne?

Nein, das hat nichts mit Müll zu tun. Wir haben Lebensmittelpartner, wie Bauern, die uns Sachen anbieten, die sie nicht mehr verkaufen können, obwohl die Ware meist einwandfrei ist. Wie kürzlich bei 15 Paletten Avocado vom Bio-Markt. Die werden schnell schlecht und waren genau in dem Moment brauchbar. Also haben wir Unmengen an Guacamole gemacht. Zum Glück kam da gerade ein Großauftrag zum Catering rein.

Ihr habt also keine Angst vor schrumpeligen Karotten.

Nein, im Gegenteil. Lebensmittel, die nicht perfekt sind, landen in Deutschland oft im Müll. Viele schmeißen sie einfach aus Bequemlichkeit weg: Weil es einfacher ist, in den Supermarkt zu gehen und etwas Neues zu kaufen, als sich aus Resten ein Gericht zu überlegen. Doch vieles landet auch aus Verunsicherung im Müll – wenn zum Beispiel das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Darauf soll man nicht vertrauen?

Die Leute sollten lieber wieder mehr auf ihre Sinne vertrauen! Den Joghurt öffnen und daran riechen. Sachen probieren und nicht einfach wegwerfen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist verwirrend und gibt nur an, wie lange die Beschaffenheit des Nahrungsmittels unverändert bleiben sollte. Das heißt aber nicht, dass Lebensmittel wie Joghurt, Salz, Reis oder Zucker schlecht sind, wenn das Datum verstrichen ist. Bei dem Verbrauchsdatum von Fleisch und Fisch ist das etwas Anderes.

Euer Projekt startet in Berlin. Wo sonst käme euer Restaurant noch gut an?

In Freiburg hätte die Idee sicher Chancen (lacht). Die Idee zu dem Restaurant habe ich ursprünglich aus einem Zeitungsartikel über das Kopenhagener Reste-Restaurant „Rub og Stub“, das heißt „restlos alles“. Wir haben uns das angeschaut und fanden es toll. Es wäre schön, wenn es irgendwann auch in vielen anderen Städten Restaurants dieser Art gibt, da man so auf eine genussvolle Art auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen kann.



Zur Person


Anette Keuchel
(38) ist in Freiburg geboren und lebt seit vier Jahren in Berlin. Hier arbeitet sie Teilzeit bei einer Europäischen Institution. 

Mehr dazu:

      [Bild 1: Restlos Glücklich, Bild 2: Marcia Friese]