Aue beim SC: "Det jeht schomal jüt lös"

Clemens Geißler

Ein eingängiger Vers des Sportclub-Fanliedes "Was auch geschieht" von Blister lautet: "Und wenn wir mal nicht oben steh’n, kann man die Tabelle dreh’n". Zu solcherlei Hilfsmitteln braucht hierzulande nach dem achten Zweitligaspieltag niemand zu greifen: Neuer Tabellenführer ist nach einem soliden 2:0 über Erzgebirge Aue nämlich das Team von Robin Dutt.



Ein ostdeutscher Journalist auf der Pressetribüne ist anfangs zuversichtlich: „Mer hön de Platzwahl jewonn, det jeht schomal jüt lös“. Vor 13.400 Zuschauern beginnt der Sportclub dann auch nicht ganz so fulminant wie in den letzten Heimspielen, nimmt aber von Beginn an das Heft in die Hand. Erneut überrascht Trainer Dutt den Anhang mit einer Personalie. Für Ali Günes, in Köln emsig, aber glücklos, rückt Mirnes Mesic in die Startelf – Hitzfeldsches Rotationsprinzip am Dreisamufer.


Der Neuzugang von Hoffenheim setzt von der Spielmacherposition aus auch gleich einige Akzente. 10. Minute: Steilpass auf Jäger, dessen Hereingabe Mesic aber nicht voll unter Kontrolle bekommt, ein Auer Bein klärt zur Ecke.

18. Minute: Nach einem Eckball köpft der langaufgeschossene Pavel Krmas in den Gästefünfer und erneut Mesic knallt den Ball aus drei Metern in Rücklage über den Kasten. Auch in der Folge spielt sich das Geschehen fast nur in der Gästehälfte ab, allerdings ohne klare Chancen für die Breisgauer. Aue schießt nach einer halben Stunde das erste Mal aufs Freiburger Tor: harmlos, weil nicht voll getroffen. In dieser Phase lässt der Druck des Sportclubs auch etwas nach, doch vor der Pause schaltet er noch einmal einen Gang höher.



38. Minute: Eke Uzoma, Traumtorschütze vom Köln-Spiel, zimmert das Leder aus 18 Metern knapp drüber. Letzte Aktion vor der Pause: Butscher köpft nach Aogos Freistoß von halbrechts aus fünf Metern drüber (Kommentar des Aue-Schreiberlings: „Hat der jetze en Ball völle Kanne inne Schnörre jekrischt?“)

Das Wetter klart nach dem Wechsel auf, die Spielweise des Sportclub dagegen trübt unerklärlicherweise ein: Ein Adrenalinstoß fährt in die Glieder aller Rotweißen, als Schwaab in der Vorwärtsbewegung im Mittelfeld der Ball verspringt und ein Steilpass auf den Gästestürmer Klinka gespielt wird. Dieser umkurvt Keeper Nulle, wartet dann aber ab, bis Heiko Butscher auf die eigene Torlinie zurückgeeilt ist, um ihm ans Bein zu schießen. Aues Trainer Gerd Schädlich nach dem Spiel: „Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat“.

Der Sportclub agiert jetzt eine Viertelstunde konzeptlos und unsortiert: Nulle prügelt einen Abschlag nach dem andern hektisch ins Nichts und hat in der 59. Minute Glück, als der von Jiri Kaufmann bediente Nemec an die Latte köpft – er war schon geschlagen. Dutt reagiert und bringt für Matmour Sanou.



Letzterer verletzt sich gleich darauf und scheidet – unglücklicherweise wohl mit Kreuzbandriss – aus. Es kommt Henrich Bencik. Zu diesem Zeitpunkt überraschend dann die Führung für die Einheimischen in der 66. Minute: Pitroipa hatte rechts den wiederum enorm laufstarken Jäger bedient, dieser mit einem kurzen Antritt seinen Gegenspieler stehen lassen. Seine Flanke landet auf dem Kopf von Mesic, welcher überlegt gegen die Laufrichtung von Aues Torwart Bobel einnickt. „Macht sie platt, schießt sie aus der Stadt“, hallt es von Norden her.

Das Spiel plätschert nun unter Jubelgesängen der Fans dahin. Die allermeisten stehen sogar auf, wenn sie Badner sind und stimmen überschwänglich ein „Nie mehr, zweite Liga, nie mehr, nie mehr“. Angesichts des Spielverlaufs vielleicht etwas dick aufgetragen. Aues Linksverteidiger Hendrik Liebers will wohl sichergehen, dass er noch warmes Wasser zum Duschen bekommt und reißt vollkommen offensichtlich Schwaab um: 87. Minute, Gelbrot. Der Prototyp aller Hohngesänge „Auf Wiedersehn“ begleitet ihn in die Katakomben.



Doch mitten im Freudentaumel scheppert Emmerichs 20 Meter-Pfund an Freiburgs Latte. Erneut war Nulle trotz seiner Größe nicht an den Ball gekommen. Aufatmen und kurz darauf noch mal jubeln: Denn jetzt klingelt es im Gästegehäuse. Dennis Aogo, heute stärker als zuletzt, aber immer noch ab und an mit Schlendrian im Fuß, flankt präzise auf Bencik, der sich völlig alleingelassen die Ecke aussuchen kann: 92. Minute: 2-0. Schluss.

Jetzt ist alles Olé-Olé. Deutschland ist Weltmeister, Freiburg Tabellenführer, Nulle auf dem Zaun und gibt per Megaphon das Kommando zum gemeinsamen Humbatätärää zwischen Mannschaft und Fans. Standing Ovations für die Leistung und Sonderapplaus für Robin Dutt.



Fazit: Freiburg gewinnt „mit etwas Glück, aber letztlich verdient“ (Robin Dutt) ein Spiel, das in puncto Großchancen längst nicht so klar war wie das Eckenverhältnis von 8-1. Nach der erfolgreichen, aber anstrengenden englischen Woche kann es nur heißen: Kraft tanken und nachlegen.