Attitüde? Platitüde!

Xifan Yang

Mediengruppe Telekommander: Man kann sagen, die beiden Österreicher sind ein ziemlicher Mediendarling in diesen Tagen, wohl gesteuerte Hype-Maßnahmen inklusive. Bestes Beispiel: Ein gekaufter redaktioneller Beitrag (=Werbung) im ebenfalls unter Hype-Verdacht stehenden Berliner Blog Riesenmaschine. Im Juli kommen Mediengruppe Telekommander (MT) ans ZMF. Xifan hat sich die beiden Elektro-Punks vorab schonmal in Basel angehört. Ihre Empfehlung: Don't believe the Hype!



Der idealtypische Mediengruppe Telekommander-Fan ist nach Ansicht der Band jemand, der zu Hause ein ohrenbetäubendes “NEIN!!” brüllt, wenn ihn die Bitte seitens Mami/ Papi/ Lebensgefährte(in)/ Mitbewohner erreichen sollte, die Musik doch gefälligst eine Stufe leiser zu stellen. Um die versammelte Zuschauerschaft am Mittwoch in der Basler Kaserne nach dem Konzert nicht schmalbrüstig in eine Welt zu entlassen, die anscheinend den verqueren Wunsch hegt, Mediengruppe Telekommander Mediengruppe Telekommander sein zu lassen, zumindest in den eigenen vier Wänden, wurde doofstes Publikumseinbindungsspiel exerziert. Das geht folgendermaßen:


MT: “Sie sagen ,Mach das leiser!’ und du sagst?”
Publikum: “NEEEIN!!!”
MT: “,Mach das leiser!’ und du sagst?”
Publikum: “NEEEIN!!!”
MT: “Du willst um alles in der Welt nicht so wie sie sein!”

Abgrenzung? Aber hallo! Was das sollte, weiß man nicht, aber auf jeden Fall war das irgendwie peinlich, genauso wie der Track “Mach das leiser” auf dem neuen Album “Näher am Menschen” es ohnehin schon ist. Etwas schal mutete auch sonst die angestrebte Kumpanei zwischen Musikern und Konzertbesucher an. “Wollt ihr heute eine Partieeeh?!”/“Basel, ich hööör euch nicht!”/”Geht das ein bisschen laaaauter?!” als Standardphrasen und ein bisschen halbherziges Ins-Publikum-Reinrennen mussten es schon irgendwie tun. Funktioniert ja auch bei allen anderen im Showbiz. Will man nicht originell, subversiv und äh, “anders” zu sein?

Dass Anno 2006 ironisierte Kritik am Volksverblödungsmedium Fernsehen, an hohlen “Lifestyle-Instruktionen” (MT) und gruppenzwanghaftem Konsumverhalten keine intellektuelle Revolution darstellt, sondern mehr oder weniger Allgemeinplatz geworden ist, zumindest unter jenen, die für sich den Anspruch erheben, zu denken, muss nicht weiter ausgeführt werden. Bei dem augenzwinkernden Wortwitz, den man auf ihren Tonträgern vorfinden kann, hat man sich aber etwas mehr erhofft. Der einzig etwas kreativere Einfall der Show war, die Bühnenleinwand, auf dem das laufende Konzertgeschehen projiziert wurde, zu einem Quasi-“Fernsehsender” zu verwandeln, ganz getreu dem Motto “Sorgst für Skandal / dir doch egal / auf deinem eigenen Kanal”.

Nur ein gutes Dutzend in den ersten Reihen war richtig von den Socken, während der Rest relativ uneuphorisiert in erwartungsvoller Haltung dastand. Leider konnten die sehr sympathischen Mediengruppe Telekommander auf der Bühne nicht die stimmige, explosive Wirkung entfalten, über die ich im Vorfeld des Konzertes gelesen hatte. Zu beliebig das HipHop-Elektropunk-Rumgebolze, zu einfallslos die 1-zu-1-Umsetzung der Albumversionen. Da konnten auch glitzernde Overalls nicht helfen, die nach der Hälfte des Konzertes als “Überraschung” eingesetzt wurden, um das Publikum zu belustigen.

Ganz offenkundig fiel live auch auf, wie kurz die Songs eigentlich sind. Mittendrin, nach gefühlten eineinhalb Minuten, hörten sie plötzlich abrupt auf, während der Zuschauer denkt, da müsste doch jetzt noch was kommen. So dauerte das gesamte Konzert schlappe 50 Minuten, was für einen Hauptact doch ziemlich sparsam ist. Total unverständlich, warum etwa “Jedem sein Disco” live nicht zum Zuge kam, ist doch dieser Track das musikalisch Interessanteste und auch Tanzbarste, was das neue Album zu bieten hat.

Meine Empfehlung: Lieber ein Deichkind-Konzert besuchen. Die haben noch lustigere Kostüme an und verwandeln jede Konzerthalle in einen Teufelskessel.



Website: Mediengruppe Telekommander
Weiteres Konzert: Dienstag, 11. Juli, Freiburg, ZMF