Atomkraftwerk Beznau: Die Ruhe vor dem Sturm

In der Schweizer Gemeinde Döttingen, knapp acht Kilometer Luftlinie vom deutschen Waldshut entfernt, stehen auf einer Insel in der Aare die ältesten Kernreaktoren der Schweiz. Aus Altersgründen werden sie wahrscheinlich in spätestens zehn Jahren vom Netz genommen werden müssen. Die Betreibergesellschaft plant daher den Neubau zweier Reaktoren an gleicher Stelle. Die Bevölkerung scheint das noch wenig zu beschäftigen. Den Willen zum Widerstand, wie vor 30 Jahren in Wyhl, sucht man hier vergeblich.



Schloss Böttstein ist malerisch ruhig gelegen. Man hat eine tolle Aussicht auf eine Insel im grünen Tal am Fluss Aare, knapp acht Kilometer jenseits der deutschen Grenze. „Hier werden sogar Hochzeiten organisiert. Viele Touristen kommen, um ein paar Tage auf dem Land zu verbringen, ohne es zu bemerken! Leise, sauber... das ist ideal!“, erklärt die Führerin. „Es“? Das Kernkraftwerk Beznau.


Diese lobenden Worte über das älteste Kernkraftwerk der Schweiz fallen nicht bei einer Stadtführung, sondern bei der Besichtigung der beiden Druckwasserreaktoren, die mitten auf der Insel in der Aare in der Gemeinde Döttingen im Aargau stehen. Jeden Tag führen die Besuchsbegleiter neugierige Gruppen und viele Schulklassen durch das labyrinthische Maschinenhaus des Kraftwerks. Beznau gehört der Nordostschweizerischen Kraftwerke AG (NOK), die in die Axpo Holding eingegliedert ist, das größte Schweizer Energiedienstleistungsunternehmen.

Die beiden Reaktoren der Anlage stehen seit mehr als 40 Jahren auf der Insel. 1969 ging Block 1 ans Netz; knapp drei Jahre später Block 2. Beznau ist ein echtes Oldtimer-Kernkraftwerk, dessen Zeitgenossen fast alle schon vom Netz genommen wurden. Von den zehn weiteren Reaktoren, die nach Beznau-Muster in den sechziger Jahren gebaut wurden, laufen nur noch zwei: Mihama 1 und 2 in der japanischen Provinz Fukui. Der letzte deutsche Reaktor dieser Generation im Kernkraftwerk Obrigheim am Neckar wurde 2005 stillgelegt. "Niemand kann adäquat einschätzen, wie groß die Gefahr ist, die von einem so alten Kernkraftwerk wie Beznau ausgeht", sagt Leo Scherer von Greenpeace Schweiz. Er arbeitet dort an der Kampagne gegen Atomgefahren. "Es ist eine grobe Selbstüberschätzung und Fehleinschätzung der Betreiber im Hinblick auf die Risiken, ein Spiel mit der Wahrscheinlichkeit."

Trotz unbefristeter Betriebsbewilligungen rechnet auch Axpo mit dem Ende der beiden historischen Reaktoren in naher Zukunft: Man erwartet maximal 50 Jahre Laufzeit. Deshalb gründete Axpo zusammen mit dem Stromkonzern BKW im Dezember vergangenen Jahres die Resun AG, eine Planungsgesellschaft, deren alleinige Funktion darin besteht, bis Ende dieses Jahres zwei Rahmenbewilligungsgesuche für zwei neue Reaktoren am Standort Beznau einzureichen. Diese sollen je bis zu 1600 MW Leistung erbringen und 2020 ans Netz gehen.

Ob die Reaktoren letztendlich gebaut werden, werden die Schweizer Bürger in einer Volksabstimmung entscheiden, und zwar frühestens 2012.

Geliebtes AKW

2012, das sind gerade einmal vier Jahre. Und doch ist in Döttingen keine Dringlichkeit zu spüren. In diesem Dorf mit etwa 3.400 Einwohnern lebt man im Takt des AKW, das 400 Arbeitsplätze schafft. Generationen sind wie selbstverständlich damit aufgewachsen, niemand scheint die Anwesenheit der Anlage in Frage zu stellen. Außerdem beschert das Kernkraftwerk der Gemeinde durch die Einnahme von Aktiensteuern niedrige Steuersätze.

Während in Deutschland schon vor sechs Jahren der Atomausstieg beschlossen wurde, scheint es hier keine Zweifel an der Sicherheit von Kernkraftwerken zu geben.

Bürger-Meinungen aus Döttingen

 

Auch über mögliche Gesundheitsbelastungen scheint man sich kaum Sorgen zu machen. Eine Mitarbeiterin der Apotheke Döttingen äußert sich zwar, "dass es ja viele Krebsfälle in der Region gebe", aber weshalb, "das sei ja noch nicht bewiesen". Ihre Meinung wird von einer Studie untermauert, die im vergangenen Monat vom Deutschen Bundesamt für Strahlenschutz veröffentlicht wurde. Diese hatte ergeben, dass das Risiko für Kleinstkinder an Leukämie zu erkranken zunimmt, je näher ihr Wohnort an einem Kernkraftwerkstandort liegt. Für Leo Scherer von Greenpeace ist die Sorglosigkeit seiner Eidgenossen nicht überraschend. "Bei den Schweizer Atombefürwortern ist die Selbstgefälligkeit weit verbreitet: Das Denken, dass wir im Umgang mit Atomkraftwerken die Besten sind – bei den Deutschen und Franzosen ist dies sicher nicht anders."

"Wir haben keine Wahl“

Die Angst vor Atomkraft ist in der Schweiz sehr viel geringer als die Angst vor der Strom-Versorgungslücke. Denn die Schweiz ist von der Atomkraft abhängig: Der Anteil der Kernenergie im Strommix liegt bei 40%. Die Axpo propagiert, dass der Schweiz ab 2020 eine Versorgungslücke in Sachen Strom drohe, und zwar nicht nur, weil die Uralt-Reaktoren von Beznau früher oder später abgeschaltet werden müssen. Außerdem naht das Ende der Strom-Importe aus Frankreich, die Stromlieferverträge mit „Electricité de France“ (EDF) laufen bald aus. Die einzige Lösung sei die Kernenergie.

Dem stimmt Peter Hirt (Bild links), Bürgermeister von Döttingen zu: „Da die Lebensdauer der Kernkraftwerke beschränkt ist, muss man sich überlegen, wie die Energie nachher erzeugt werden soll. Die vernünftigste Alternative in Bezug auf die Kosten und Effizienz ist heutzutage die Kernkraft.“

Gerade einmal acht Kilometer Luftlinie entfernt, im deutschen Waldshut, scheint die Bevölkerung noch nichts von den Schweizer Plänen zu wissen. Bei den Passanten in der Waldshuter Innenstadt dominiert die Unwissenheit.

Doch Bernd Friebe von den Grünen in Waldshut ist bereits seit vielen Jahren besorgt: „Es herrscht die Ruhe vor dem Sturm.“ Auch Landrat Tilman Bollacher (CDU, Bild rechts) ist dieser Ansicht: „Die Gefahr einer raschen Konkretisierung der Pläne auf administrativer

Ebene der Schweiz ist real. Die Kernenergiefrage ist eine schweizerische Bundesangelegenheit. Auf regionaler Ebene gibt es hier keine offiziellen Kontakte oder Gremien. Wir erwarten, dass wir bei der Frage neuer Kernkraftwerke mindestens ebenso einbezogen werden, wie es bei der Endlagersuche der Fall ist.“

Eine Erdbebenregion

Axel Mayer (Bild links) vom Trinationalen Atomschutzverband (TRAS) in Freiburg hofft derweil auf die Eidgenossen. "Die Mehrheit der Schweizer lehnt die Atom-Energie ab. Es gibt einige einflussreiche Pro-Atom-Politiker und die Atomkonzerne, die neue Atomkraftwerke wollen. Das ist eine kleine, reiche Minderheit."

TRAS hat es sich zur Aufgabe gemacht, in der Region gegen Atomanlagen zu arbeiten und konzentriert sich auf den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Fessenheim. "Bei den anstehenden Volksabstimmungen in der Schweiz werden wir uns aber einmischen. Wir werden Inhalte einbringen und auf einer wissenschaftlichen Ebene arbeiten."

Auf einen so erfolgreichen Widerstand aus der Bevölkerung wie damals in Wyhl
dürfe man nicht hoffen: "Wyhl wird sich nicht wiederholen. Wir neigen immer ein bisschen dazu, diese alten Konflikte zu glorifizieren. Doch die Durchsetzungsstrategien haben sich geändert. Ein Schweizer Beispiel ist die Kampagne: 'Wir brauchen die Atomenergie wegen der drohenden Klimakatastrophe'. Das ist momentan ein beliebtes Argument für Atomstrom. Seit der Verhinderung der AKW-Standorte Wyhl, Kaiseraugst und Gerstheim hat sich ein neuer Forschungszweig entwickelt: Greenwash. Man sucht neue Durchsetzungsstrategien und gezielt die Akzeptanz in der Bevölkerung."

Der Einfluss der Atomindustrie sei nicht zu unterschätzen, warnt Axel Mayer: „Die Spieße in den Abstimmungskämpfen sind ungleich lang, die Industrie hat ganz andere finanzielle Möglichkeiten als die Atom-Gegner. "Soll der Bau neuer AKW verhindert werden, so müsse eines ganz klargestellt werden: Atomstrom sei keine Lösung für den Ausweg aus der Energiekrise. Uranerz ist auch endlich."

Flash-Animation: Wie funktioniert ein AKW?

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Flash-Animation: Atomanlagen im Dreiländereck

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